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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 421
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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An Seine Majestät, König Wilhelm I. von Preußen

        Ich sprach an Östreichs Kaiserthrone
    In ernster Zeit ein ernstes Wort,
Als, ungeschreckt vom Glanz der Krone
    Sich ihm genaht der Meuchelmord.
Ich mahnte in der großen Stunde,
    Wo Habsburgs Sohn dem Tod entging,
Ihn an des deutschen Volkes Wunde,
    Die's durch sein eignes Haus empfing.

Das leise Dichterwort verhallte,
    Die Jahre flohen ungenützt,
Doch, als der Schlachtendonner schallte,
    Da ward es furchtbar unterstützt,
Denn nun verlor der deutsche Riese,
    Der einer Welt gewachsen ist,
Sein Recht am ird'schen Paradiese,
    Ohnmächtig durch den innern Zwist.

Der Meuchelmord hat jetzt das gleiche
    An Deinem heil'gen Haupt versucht,
Auch Du entgingst dem Todesstreiche,
    Und doppelt wird er nun verflucht.
Doch laß auch Du, o Herr, Dich mahnen:
    Tu das für uns, was Gott für Dich,
Zwar nicht zur Sühnung Deiner Ahnen,
    Zu neuem Ruhm für Friederich!

Denn über Deinem deutschen Volke
    Schwebt längst ein Los, wie's Dir gedroht:
In schwerbeladner Wetterwolke
    Ein unnatürlich jäher Tod,
Und wenn auch jedes Herz den Knaben
    Und seine blöde Tat verdammt,
Die Angst wird nicht mit ihm begraben,
    Die bis zum Wahnsinn ihn entflammt.

Nicht bloß, daß sich der Erzfeind rüstet,
    Der Karls des Großen Reich gesprengt,
Und daß den nord'schen Aar gelüstet,
    Der schon durchs Wachsen uns bedrängt:
Auch die Bedientenvölker rütteln
    Am Bau, den jeder tot geglaubt,
Die Tschechen und Polacken schütteln
    Ihr strupp'ges Karyatidenhaupt.

Und wie in grauen Römertagen
    Die Legion vom Wall herab,
Nachdem sie an den Schild geschlagen,
    Vergab den Imperatorstab,
So bieten jetzt die deutschen Stämme
    Das Zepter der Ottonen aus,
Daß es wie einst die Szythen hemme,
    Doch nur ans alte Doppelhaus.

Dies Volk der Krieger und der Denker,
    Das nie von Keimen schwoll, wie jetzt,
Was würd' es unter einem Lenker,
    Der sich das Ziel im Morgen setzt,
Der rasch, gestützt auf alle Kräfte,
    Sich zum Entscheidungskampf erhebt,
Und dann dem göttlichen Geschäfte,
    Ein Paradies zu gründen, lebt!

Denn, wenn der Junker in der Fabel
    Verschied am ersten Sonnenstrahl,
Als ihm ein Vöglein mit dem Schnabel
    Den Mantel nahm im grünen Tal:
Der Deutsche wird erst recht lebendig,
    Wenn hinter ihm die Nacht versinkt
Und über seinem Haupt beständig
    Des Himmels goldne Scheibe blinkt.

Er war bis jetzt der Narr der Erde
    Und ward verspottet fern und nah;
Sprich Du, o Herr, ein zweites Werde
    So steht er als ihr König da!
Er ist ein Adam, doch in Ketten,
    Im Kreis der Tiere: löse sie,
Und die ihn gern verschlungen hätten,
    Die küssen scheu ihm Fuß und Knie.

Der Tod ist Dir vorbeigegangen,
    Und gnädig hat Dich Gott bewahrt,
Nun fühlst Du selbst mit frohem Bangen,
    Daß Du zu Großem aufgespart!
Was aber kann es Größres geben,
    Als daß Du Deine Nation
Erweckst zu neuem schönren Leben,
    So tu's und sei ihr bester Sohn!

Wär's klug, die Zeit zurückzuschrauben?
    Es ist ja einmal schon geschehn,
Und in dem felsenfesten Glauben,
    Sie bleibe nun auf ewig stehn.
Was war nicht nach der Schlacht zu hoffen,
    Die blutig schloß den heil'gen Krieg?
Napoleon zum Tod getroffen,
    Die Welt erschöpft vom eignen Sieg!

Die Völker auf der einen Seite,
    Und auf der andern er allein,
Errang er noch im letzten Streite
    Der Erde höchsten Glorienschein.
Er ließ der Menschheit selbst zur Ader,
    Und, wie ein Leichnam, sank sie hin,
Eh' noch in schnell entflammtem Hader
    Gewürfelt war um den Gewinn.

Was half's, daß man die müden Glieder
    Nun in die alten Bande schlug?
Die Kräfte kehrten langsam wieder,
    Der Mut beim ersten Odemzug!
Und ist es damals nicht gelungen,
    Als man nach einem Weltenbrand
Den neuen Typhon selbst bezwungen,
    Sprich, Herr, wie hätt' es heut Bestand?

Drum schreite fort, anstatt zu weilen,
    Und wende Dich nicht ab vom Licht;
Du kannst mit Gott die Allmacht teilen,
    Allwissend aber wirst Du nicht.
Und möchtest Du mit Deinen Händen,
    Nicht ahnend, wo er trifft und fällt,
Ein blinder Zeus, den Blitz versenden?
    Du selber rufst: Nicht um die Welt!

Denk' an den edelsten der Fürsten,
    Der je auf einem Throne saß:
Wie alle nach der Beute dürsten,
    Da findet er allen das Maß;
Er rührt nicht an die teuern Güter,
    Die sich sein Volk mit Blut erkämpft,
Er wird ihr erster tapfrer Hüter,
    Durch nichts in seinem Mut gedämpft.

Und wer das tut im größten Kreise,
    Was Karl August im kleinern tat,
Der öffnet uns auf rechte Weise
    Zum neuen Sieg den sichren Pfad,
Der bindet die entzweiten Geister
    In einem ewigen Symbol,
Der wird durch sie Europas Meister
    Und erntet Dank von Pol zu Pol.

Dann wird man deutscher Art sich neigen
    Und ehren, was man sonst geschmäht,
Denn, wenn sich jeder, wie im Reigen
    Der Sterne, um sich selber dreht,
Und dennoch keiner aus der Sphäre
    Der Herrscherin, der Sonne, weicht,
So wird's auf Erden sein, als wäre
    Des Himmels Harmonie erreicht.

Nun ringt denn, Österreich und Preußen,
    Das ganze Deutschland jauchzt euch zu,
Weist ihr den Welschen und den Reußen,
    Die andern sterben so, zur Ruh!
Horcht, wie's in vollern, immer vollern
    Akkorden durch das Reich erklingt:
Ob Habsburg oder Hohenzollern,
    Der Kaiser ist, wer das vollbringt.

 


 

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