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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 413
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Ein Wald

                Es stehn viel tausend Wälder
    Auf diesem Erden-Rund;
Sie kränzen Höhn und Felder
    Und manchen stillen Grund;
Sie rauschen oder säuseln,
    Zum Liede gleich erregt,
Ob sie Zephyre kräuseln,
    Ob sie der Sturm bewegt.

Sie alle bieten Schatten:
    Man flieht in ihre Hut,
Wenn Seel' und Leib ermatten
    In heißer Mittagsglut,
Und dankt den Sonnenstrahlen,
    Vom kühlen Laub gedeckt,
Daß sie, wie all die Qualen,
    Doch auch den Baum geweckt.

Und dennoch ist mir einer
    Vor allen andern wert;
Man findet ihn nicht kleiner,
    Und nichts wird dort beschert;
Du kannst darin nicht jagen,
    Das Wild wär' gleich heraus,
Und wirst vergebens fragen
    Nach einem Erdbeerstrauß.

Selbst muntre Bäche springen
    Hier nicht, noch schwatzt ein Quell;
Die Nachtigallen singen
    Dafür zwar doppelt hell,
Auch stimmen alle Meisen
    Und alle Finken ein,
Und von den schönsten Weisen
    Erklingt der ganze Hain.

Und läßt, auf Maienglocken
    Und Veilchen bloß bedacht,
Das Mägdlein sich verlocken
    Und tritt in seine Nacht,
So schwellt ein süß Verlangen
    Ihr gleich das junge Herz,
Und kommt der Knab' gegangen,
    So teilt er ihren Schmerz.

Wie schliefen muntre Triebe
    Auch fort in diesem Raum!
Hier pflanzte ja die Liebe
    Mit Jubel jeden Baum:
Die Eiche, schon zersplittert,
    Hat einst sein Ahn gesetzt,
Die Birke, golddurchzittert,
    Ihr Vater ganz zuletzt.

Vor wenig Menschen-Altern
    War hier noch alles kahl:
Es wimmelte von Faltern
    Im goldnen Sonnenstrahl,
Der Turteltaube fehlte
    Ihr Zweig zum Brüten gar,
Und kaum ein Busch verhehlte
    Das scheue Liebespaar.

Nun kam ein Schalk zum Freien,
    Der holt am Ehrentag
Bei Zimbeln und Schalmeien
    Die Braut, so fromm man mag,
Doch geht's nicht in die Hallen
    Des Tempels, wie man denkt,
Ins Grüne muß man wallen,
    Weil er sich plötzlich schwenkt.

Das sind zwar neue Sitten,
    Noch neuer ist der Staat:
Zwei Gerten, frisch geschnitten,
    Die er im Knopfloch hat;
Doch, weil die Eltern schweigen,
    So lassen's alle gehn,
Und, um sich her den Reigen,
    Bleibt er am Hügel stehn.

»Ich gleiche jetzt dem Hirten,
    Dem keiner Sträuße flicht,
Auch sie ist ohne Myrten,
    Doch um so sparen nicht:
Was ihr für Tand verschwendet,
    Für Zierden, falsch und echt,
Das haben wir verwendet
    Fürs kommende Geschlecht.

Ihr hört mich mit Erstaunen
    Und flüstert laut genug
Von meinen tollen Launen,
    Doch heute bin ich klug:
Wie nackt sind diese Räume!
    Kein Elf verbirgt sich hier,
So pflanzt denn endlich Bäume,
    Die ersten setzen wir.

Das schwur ich schon beim Werben!
    Wie schmal war mein Genuß:
Ich konnte zweimal sterben,
    Eh's einmal kam zum Kuß.
Im Garten stehn nur Rosen,
    Und die noch weit gestellt,
Und will man draußen kosen,
    So sieht's die halbe Welt.

Daß dies nun anders werde,
    Vertrau' ich dieses Reis
Dem Mutterschoß der Erde,
    Der's wohl zu hegen weiß:
Das tu' ich für die Söhne,
    Sie steckt in gleichem Sinn,
Damit das Werk sich kröne,
    Eins für die Töchter hin!«

Da scholl's aus einem Munde:
    So machen wir es auch!
Und in der ganzen Runde
    Ward's frommer Hochzeitsbrauch:
Man flicht nicht länger Kränze,
    Die schon vor Nacht verblühn,
Man setzt dafür im Lenze
    Das hundertjähr'ge Grün.

So wuchs der Wald zusammen,
    Der mir so schön erscheint,
Weil er in holden Flammen
    Noch Ahn und Enkel eint;
Er mahnt mit allen Ästen,
    Daß man sich lieben soll,
Und von gelehr'gen Gästen
    Ist er beständig voll.

 


 

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