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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 412
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Der Tod kennt den Weg

                Welche Fülle auf den Bäumen,
    Welch ein Segen auf der Flur!
Welche bacchantsches Überschäumen
    Der verschwendrischen Natur!
Lagern kann man jetzt auf Rosen
    Und, mit Rebenlaub gekrönt,
Bei den vollen Bechern kosen,
    Bis man selbst die Götter höhnt.

Aber unter dieser Bläue,
    Die man nie noch schöner sah,
Steht der Mensch, der selten scheue,
    Stumm und ohne Jubel da.
Keiner leert die Weinbehälter,
    Deren man doch bald bedarf,
Keiner tritt und fegt die Kelter,
    Keiner macht die Sichel scharf.

Scheltet sie mir nicht! Sie haben
    Stets den Spaten in der Hand,
Um die Brüder zu begraben,
    Die erstickt der Sonnenbrand.
Ihre Zahl wird täglich kleiner,
    Weil die Traube doppelt lebt,
Und es bleibt vielleicht nicht einer,
    Der im Herbst den Becher hebt.

Einer doch! Am Meeresstrande
    Ragt gebietrisch-stolz ein Schloß
Hoch herab vom Felsenrande,
    Überm Haupt ein Palmensproß.
Hinter diesen steilen Mauern,
    Die noch nie ein Feind bedroht,
Kann man alles überdauern,
    Alles, auch den schwarzen Tod.

Auf dem Turme steht ein Wächter,
    Dessen Stimme weit erklingt,
Auf der Zinne geht ein Fechter,
    Dessen Pfeil Verderben bringt.
Jeden Wandrer weist der Späher
    Gleich zurück mit lautem Schall,
Kommt er dennoch nach und näher,
    Bringt ihn flugs der Schütz zum Fall.

Aber unten thront im Saale
    Der gefürchtete Baron;
Bei dem funkelnden Pokale
    Spricht er allen Schrecken Hohn.
Laßt sie sterben und verderben,
    Trifft nur uns kein böser Hauch,
Ich ernenne mich zum Erben,
    Wär's der ganzen Erde auch!

Sein Gemahl, ihm gegenüber,
    Wird bei dieser Rede bleich,
Auch die Kämmrer blicken trüber,
    Doch er trinkt und lacht zugleich.
»Unser Schloß ist, was vor Zeiten
    Einst die Arche Noah war.
Ich und du, wir beide schreiten
    Bald heraus als letztes Paar.«

Sie erhebt die weißen Hände,
    Doch er schenkt sich wieder ein:
»Geht die alte Welt zu Ende,
    Wird die neue schöner sein!
Jedes Mädchen wird dir gleichen,
    Die du aller Krone bist,
Und kein Mann wird mehr erbleichen,
    Der von meinem Blute ist!«

Da erschallt ein starkes Dröhnen!
    Ja, man pocht am Tor mit Kraft.
Und, wie könnt' es sonst so tönen,
    Mit dem schwersten Lanzenschaft.
Ist es möglich, daß der Sklave
    Auf dem Turm so schläfrig wacht?
»Bringt ihn her, daß seine Strafe
    Alle andern munter macht!«

In den Augen dunkle Flammen,
    Springt er auf und schwingt das Schwert.
»Nein, ich hau' ihn nicht zusammen« –
    Schwört er dann – »er ist' nicht wert!
Selbst soll er vom Turm sich stürzen,
    Und vor meinem Angesicht,
Ihm die Todesangst zu kürzen,
    Wär' zu viel für diesen Wicht.«

Und er fliegt die steilen Stufen
    Vor dem Diener noch empor,
Der, mit Hast zurückgerufen,
    Fast den sichren Tritt verlor.
Ungewohnt der Schwindelpfade,
    Klimmt die Schwangere ihm nach,
Doch umsonst erfleht sie Gnade,
    Ihre Stimme ist zu schwach.

Aber, eh' sie selbst die Platte
    Halb erreichte, kehrt er um,
Und der Blick, der jetzt so matte,
    Seiner Augen schreckt sie stumm.
»Ist das Gräßliche geschehen –«
    Ruft sie wild – »so fluch' ich dir!«
»Still, wir müssen weiter gehen,
    Denn der schwarze Tod ist hier.«

 


 

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