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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 411
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Der Ring

                              Es sitzt ein Vater bei Mondenschein
Mit seinen Kindern im Kämmerlein,
    Er schleift sein rostiges Messer
    Und wird dabei blässer und blässer.

Der Knabe sieht ihn verwundert an,
Er weiß nicht, was es bedeuten kann,
    Das Mägdlein klatscht in die Hände:
    »So ist noch das Brot nicht zu Ende!«

Die Kinder fragen und plaudern fort,
Der Vater sagt kein einziges Wort,
    Sie weinen zuletzt um die Wette
    Und kriechen hungrig zu Bette.

Und als sie endlich entschlummert sind,
Da springt er auf: »Nun tu' ich's geschwind!
    Bin ich nur hinüber am Morgen,
    So muß sie das Dorf schon versorgen.«

Er hebt das Messer, wie funkelt es blank,
Doch wirft er's zurück auf die Fensterbank:
    »Ich kann es noch nicht vollbringen,
    Mich stört der Wächter mit Singen!«

Die Stimme des Wächters wird plötzlich stumm,
Und hinter ihm flüstert's: »Sieh dich nicht um,
    Doch halte die Hand auf den Rücken,
    Ich kam, um dich zu beglücken!«

Er tut's, doch zieht er beim ersten Druck
Sie schaudernd zurück, da ziert sie ein Schmuck,
    Ein Ring mit roten Gesteinen,
    Die glühend, wie Kohlen, erscheinen.

»Den laß ich auf hundert Jahre dir,
Versprichst du dafür die Seele mir,
    Dann wirst du, der Ärmste auf Erden,
    Der Reichste und Glücklichste werden!

Du willst ihn wieder vom Finger ziehn?
Laß ab, er sei dir umsonst verliehn!
    Nun kannst du alles begehren,
    Er wird es dir eilig bescheren!

Du siehst, ich wage allein bei dem Stück,
Denn du bleibst frei, so erprobe dein Glück
    Und wünsch' dir nach Lust, wer es eben
    Besitzt der muß es dir geben!

Doch kommt's mir einmal in den Sinn,
So tret' ich plötzlich vor dich hin,
    Und willst du ihn dann noch behalten,
    So darf ich über dich schalten!«

Jetzt schweigt's, doch eh' er noch hinter sich blickt,
Wird schon von außen ans Fenster getickt:
    »Der reiche Müller will sterben,
    Steh auf, du sollst ihn beerben!«

»Er hat noch zur Nacht mir den Bissen Brot
Versagt in meiner entsetzlichen Not
    Und sollte« – da pocht es aufs neue:
    »Rasch, rasch, er verzweifelt vor Reue!«

»Ich habe vorhin an ihn gedacht,
Das hat ihm doch nicht den Tod gebracht?«
    Da ruft's: »Er ging schon zur Ruhe,
    Hier schickt er den Schlüssel der Truhe.«

»Es hieß, er habe vom Teufel sein Gut,
Das hat er wohl jetzt bezahlt mit dem Blut,
    Weil ich – – dies muß ich vergessen,
    Die Kinder haben zu essen!

Wacht auf, wacht auf, und springt empor,
Es gibt noch Brot!« – Sie kriechen hervor
    Und schlüpfen rasch in die Fetzen
    Von Kleidern, sich endlich zu letzen.

Und wenn ihm die Kinder zur Seite stehn,
So ist ihm, als könne ihm nichts geschehn,
    Er küßt sie, sie küssen ihn wieder
    Und singen fröhliche Lieder.

Doch nachts, wenn's draußen tappt und schleicht,
Wie denkt er so oft und bebt und erbleicht:
    »Jetzt kommt er, ihn wieder zu holen,
    Doch Gott die Seele befohlen!«

Und mittags auch, wenn der Wald ihn deckt,
Wie ruft er so oft, von Schatten geschreckt:
    »Die tanzen auf Wegen und Stegen,
    Jetzt tritt er dir sicher entgegen!«

Doch ruhig vergeht ihm Jahr auf Jahr
Und jedes bringt ihm sein Bestes dar,
    Schon zittert ihm Haupt und Glieder,
    Der Teufel kehrt nicht wieder.

Da packt ihn eine noch größre Qual:
»Mir blieb gewiß nicht mehr die Wahl,
    Er hat mich selber im Netze
    Und läßt mir darum die Schätze.«

Und wollte er sonst vor Angst vergehn
Bei dem Gedanken, ihn kommen zu sehn:
    Jetzt möcht' er ihn selber beschwören,
    Aus Furcht, ihm längst zu gehören.

Zum Kreuzweg tritt er in nächtlicher Stund':
»Erscheine, erscheine, ich löse den Bund!«
    Umsonst, nur glühender funkeln
    Die roten Gesteine im Dunkeln.

»Herunter mit dir, du verfluchter Ring,
Durch den der höllische Feind mich fing,
    Jetzt liegst du im Brunnen!« – Wohl nimmer,
    Er blitzt am Finger, wie immer!

»Und wenn sich der Ring denn vom Finger nicht schiebt,
So scheid' ich vom Leib mit dem Messer das Glied!«
    Was hilft's? Er versteht sich aufs Wandern,
    Schon glänzt er, wie immer, am andern!

Das trägt er nicht mehr und in grimmigem Schmerz
Durchstößt er verzweifelnd das eigene Herz.
    Man hört ein Höllengelächter,
    Dazwischen den singenden Wächter.

 


 

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