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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 405
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Die poetische Lizenz

                      Es tanzt ein Mann auf einem Seil
    Mit der Lizenz, den Hals zu brechen,
Doch der Poet an seinem Teil
    Muß mir nicht von Lizenzen sprechen;
Je schwerer, was er vor sich sieht,
    Je leichter muß er es vollbringen,
Ein schlechter Reim passiert im Lied,
    Doch das Sonett muß rein erklingen:
Es könnt' ihn ja ein Schüler dort
    Vermeiden, warum mit ihm rechten?
Allein den Meister braucht's, das Wort
    Vierfach und dreifach zu verflechten.
Nicht, daß ihm dies und das gelang,
    Wird der Gebildete ihm danken,
Nur, daß sein Geist zur Höhe drang,
    Wo man nicht kämpft, nur spielt mit Schranken;
Nur, daß er ihm die ganze Kunst,
    Und wär's im kleinsten Bilde, zeigte,
Der Musen wunderbare Gunst,
    Der auch das Sprödeste sich neigte.
Drum geb' ich denn mit Goethe nicht
    Für den Gedanken alle Reime,
Ich fordre beides vom Gedicht,
    Denn beides wächst aus einem Keime.

 


 

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