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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 259
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Die deutsche Sprache

          Schön erscheint sie mir nicht, die deutsche Sprache, doch schön ist
    Auch die französische nicht, nur die italische klingt.
Aber ich finde sie reich, wie irgendeine der Völker,
    Finde den köstlichsten Schatz treffender Wörter gehäuft,
Finde unendliche Freiheit, sie so und anders zu stellen,
    Bis der Gedanke die Form, bis er die Färbung erlangt,
Bis er sich leicht verwebt mit fremden Gedanken, und dennoch
    Das Gepräge des Ichs, dem er entsprang, nicht verliert.
Denn der Genius, welcher im ganzen und großen hier waltet,
    Fesselt den schaffenden Geist nicht durch ein strenges Gesetz,
Überläßt ihn sich selbst, vergönnt ihm die freiste Bewegung
    Und bewahrt sich dadurch ewig lebendigen Reiz.
Hütet euch nur, ihr Dichter, in dieser edlen Verleugnung
    Ihn zu kränken, zerbrecht nicht mit dem Joche das Maß,
Glaubt nicht zu gewinnen, wenn, kindisch zerstochen, die Dämme
    Bersten und reißen; es führt werden nach Babel zurück,
Oder wer setzt Barbaren im Ungebundnen die Grenze?
    Paßt doch am Ende: er haßt! für das gewohnte: er liebt!
Viel sind der Sprachen auf Erden, schon dieses sollte uns lehren,
    Daß kein inneres Band Dinge und Zeichen verknüpft;
Darf sich aber darum ein jeder die eigene bilden?
    Besser wäre der Mensch stumm, wie die Fische im Meer!
Seien die Stempel uns heilig, die alle Jahrhunderte brauchten,
    Sei es die Weise sogar, die sie bedächtig gewählt;
Fand ein Goethe doch Raum in diesen gemessenen Schranken,
    Wären sie plötzlich zu eng für die Heroen von heut?
Gleichen wir der Natur, die nie das Wesen der Schöpfung
    Wiederholt und doch jährlich im Lenz sich erneut:
Alt sind die Formen, es kehren die Lilien wieder und Rosen,
    Frisch ist der Duft, und im Kranz tut sich der Meister hervor.

 


 

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