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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 155
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Das abgeschiedne Kind an seine Mutter

Zu Weihnacht.

        O, meine Mutter, schwer war unser Scheiden,
    Drum muß ich mich noch einmal zu dir wenden,
Dich zu beschwichtigen in deinem Leiden!
    Und ob mich auch die tausend Sonnen blenden,
Die still und groß an mir vorüber wallen,
    Doch find' ich sie, der sie die Strahlen senden, –
Denn deine Tränen leuchten mir vor allen! –
    Die Erde noch heraus, die dämmernd-kleine,
Die, sonst verschwimmend in den blauen Hallen,
    Jetzt heller aufglänzt, wie im eignen Scheine.
Denn fröhlich sind der Menschen Angesichter,
    Und keines ist verdüstert, als das deine!
Die Kinder hüpfen um die Weihnachtslichter,
    Die ihre Mütter ihnen angezündet,
Du siehst es und verhüllst dich dicht und dichter.
    Ich aber will, geheimnisvoll verbündet
Mit meines Vaters Geist, nicht von dir lassen,
    Bis ich das Wort der Worte dir verkündet,
Das, kannst du's auch nicht ungestorben fassen,
    Doch all dein Sinnen fesselt und dein Denken,
Bis es sich ganz dir aufschließt im Erblassen.
    Ich will in meinen Vater mich versenken,
Ich will mein tiefstes Ahnen ihm entdecken,
    Ich will ihm Bilder und Gedanken schenken,
Die selbst vor einem Dichter sich verstecken.
    Und faßt er sie so wenig, wie die Harfe
Den Ton, den Abendlispel in ihr wecken,
    So wird er doch nach innerstem Bedarfe
Sie fromm in deine Brust hinüber leiten,
    Dann löst in ihr der Mißlaut sich, der scharfe,
Da ew'ge Harmonieen ihn bestreiten.
    O, hadre nimmer mit den Urgewalten,
Die, ruhig thronend über allen Zeiten,
    In festen Händen jeglich Schicksal halten!
De Lebens Schönheit wollt' ich dir erschließen,
    Des Todes Schrecken mußt' ich dir entfalten,
Die ird'schen Wonnen brannt' ich, zu genießen,
    Doch zu den höhern ward ich abgerufen.
Dir war, als sähst du mich in Nichts zerfließen,
    Als mich's erhob zur letzten aller Stufen,
Ich selber sträubte mich, obgleich mein Beben
    Und Säumen einzig so viel Qual mir schufen.
Ich glich in meinem eitlen Widerstreben
    Dem Eingekerkerten, der das Gefängnis,
Wenn es zusammenstürzt in Windes Weben,
    Nicht lassen will in seines Herzens Bängnis,
Es fällt kein Stein, der ihm nicht Wunden schlüge,
    Bis er entspringt, dann faßt er das Verhängnis
Und tut im Freien frische Atemzüge.
    Mir war, wie ich da lag in meinen Wehen,
Als könnt' ich's nie verwinden, was ich trüge;
    Jetzt ist es mir, als wär's mir nie geschehen,
Und, wie du meines Friedens reine Fülle,
    So kann ich deinen Schmerz nicht mehr verstehen.
Mich schaudert's vor der abgeworfnen Hülle,
    Auch fürchte ich, es würde dich nicht heilen,
Sonst zeigte ich in mitternächt'ger Stille
    Mich, wie ich war, in Träumen dir zuweilen.
Jetzt hält ja keine Form mich mehr gefangen,
    Kann ich auch jede, wolkengleich, zerteilen;
Ich bin, was meinem innersten Verlangen
    Entspricht, und bin's nicht mehr, sobald mich ekelt;
Wer alle, bis zur höchsten, durchgegangen,
    Der wird in keine wieder eingehäkelt,
Er wird, und ob's ihn auch noch rückwärts triebe,
    Doch nicht mehr schnöde an den Staub vermäkelt.

Denn, alles Leben ist gefrorne Liebe,
    Vereister Gotteshauch, in tausend Flocken
Erstickt, und Zacken, drin er starren bliebe,
    Wenn nicht, obgleich die Wechselkräfte stocken,
Im Tiefsten ihn ein dunkler Drang erregte
    Ihn fort und immer weiter fort zu locken
Bis er den Kreis, indem er sich bewegte,
    Den weitern Ring stets um den engern tauschend,
Zurück bis auf der Ringe letzten legte,
    Und nun, hinaus ins Unbegrenzte lauschend,
Dem Odemzug, durch den sich Gott die Wesen
    Einst wieder mischt, in Ahnung sich berauschend,
Entgegen harrt, mit Guten und mit Bösen,
    Die sich auf Erden darin unterschieden:
Daß jene, groß und klar, sich als erlesen
    Von Gott erkennend, ihm sich schon darnieden
Entgegen drängten aus der toten Zacke,
    Wenn diese, dumpf und klein, zu ew'gem Frieden
Sich gern verschlossen hätten in die Schlacke,
    Damit er, den sie nur mit Schaudern ahnten,
Sie nicht, vorüber wandelnd, plötzlich packe!
    O daß sich, die noch lebten, hieran mahnten,
Und so, durch eigne Kraft heraus sich schälend,
    Den Weg zur Welt- und Selbsterlösung bahnten!
Denn, auf den Letzten, wie den Ersten zählend,
    Kann Gott das Liebeswerk erst dann vollbringen,
Wenn dieser auch, sich mühsam aufwärts quälend,
    Gekräftigt ist, mit uns emporzudringen.
Solange aber müssen wir's entbehren,
    Und ob Äonen noch darob vergingen.
Auch wird uns erst der Übergang erklären,
    Wozu im Ewig-Einen dies Zersplittern;
Ob einzig, um das Böse zu verzehren,
    Das, wenn es sich in tausend Ungewittern
Entlud, vor seiner eignen Ohnmacht endlich
    Erschrecken wird und still in sich zerzittern;
Ob mit, weil Gott, sich selber unverständlich,
    Wie unser Geist in Worte, in Figuren
Zerfließen mußte, um sich dadurch kenntlich
    Zu werden, und aus allen Signaturen
Die eigene zusammen sich zu stellen,
    So daß die Welt, trotz ihrer finstern Spuren,
Ihm Fackel war, sein Innres aufzuhellen,
    Und daß nicht unsre Schuld, nur sein Bedürfen
Den Gegensatz, dem Trotz und Haß entquellen,
    Hervorrief, der nach mystischen Entwürfen
Uns, die wir leiden, quält, als ob wir täten,
    Um so, indem wir all sein Bittres schlürfen,
In uns ihn, bis zur Wurzel, auszujäten
    Und das Geheimnis erst zu offenbaren,
Wenn wir zurück in ihn, den Urgrund, treten
    Und wieder werden, was wir einst schon waren,
Den Tropfen gleich, die, in sich abgeschlossen,
    Doch in der Welle rollen, in der klaren,
So rund für sich, als ganz mit ihr verflossen.

 


 

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