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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 154
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Dem Schmerz sein Recht

1.

                        Ewiger, der du in den Tiefen wohnest,
Die der jüngst geborene Gedanke,
Der, weil du allein Gedanken sendest,
Kaum den Werg von dir zu mir durchmessen,
Wenn er rückwärts blickt, nur schwindelnd nachmißt,
Ewiger, vernimm in dieser Stunde
Meines bang bewegten Herzens Flehen!

Träumt vielleicht in einer niedern Hütte
Irgendwo ein Kind, in dessen Seele
Jene Kraft des schöpferischen Bildens,
Die du, auf dein höchstes Recht verzichtend,
Deinen Menschen liehest, heimlich schlummert,
Und der Jüngling, der dies Kind geworden,
Schlägt, von Armut hart bedrängt und Roheit,
Einst ein Auge, das vor starren Tränen
Deine Sterne längst nicht mehr gesehen,
Auf zu dir und stammelt ohne Worte:
Luft, mein Vater, daß ich nicht ersticke,
Eh' ich für mein Leben dich bezahlte!
Send' ihm dann den Edelsten entgegen,
Der, zufrieden, ein geweihtes Leben
Aus dem Bann zu lösen, ihm die Hand reicht,
Und belohnt ist, wenn er wieder atmet,
Wie ein Wandrer die verstopfte Quelle
Freundlich reinigt und für seine Mühe
Aus der erste trinkt und weiter schreitet.
Kannst und aber keinen solchen senden,
So verschließe dich vor seinem Stammeln,
Denn die Kraft, die eine Welt beleben
Oder eine Welt verjüngen könnte,
Wird, in seiner Brust zurückgehalten,
Langsam, aber sicher, ihn verzehren,
Und dann mag er mit dem All sich mischen,
Bis, verstärkt in langer Ruhepause,
Ihn die eigne Schwere wieder ablöst
Und ihm neu das Tor zum Dasein aufsprengt.

Also bet' ich, weil ich schmerzlich wünsche,
Daß für mich, als ich geboren wurde,
So ein edler Mensch gebetet hätte.

 


2.

              Liegt einer schwer gefangen
    In öder Kerkernacht,
So töt' er das Verlangen
    Nach Freiheit, wenn's erwacht.
Wenn auch sein ernstes Streben
    Zuletzt das Ziel erringt,
Wer gibt ihm Mut und Leben
    Zurück, die es verschlingt?

Tritt er hinaus ins Freie
    Und fühlt sich ganz zerstört,
Da frägt er sich mit Reue,
    Warum er sich empört.
Und stärker, immer stärker,
    Wird er sein eigner Feind,
Bis ihm zuletzt sein Kerker
    Als seine Welt erscheint.

Wie der Gedank' auch brenne,
    Doch wünsch' ich, menschlich-mild,
Daß keiner sich erkenne
    In diesem dunklen Bild.
Die eigne Qual wird's dämpfen,
    Wenn ihr es nimmer wißt,
Welch Leben dies mein Kämpfen
    Um eine Grabschrift ist.

 


3.

                        Alle Wunden hören auf zu bluten,
    Alle Schmerzen hören auf zu brennen,
Doch, entkrochen seines Jammers Fluten,
    Kann der Mensch sich selbst nicht mehr erkennen,
Mund und Auge sind ihm zugefroren,
    Selbst des Abgrunds Tiefe ist vergessen,
Und ihm ist, als hätt' er nichts verloren,
    Aber auch, als hätt' er nichts besessen.

Denn das ewige Gesetz, das waltet,
    Will die Harmonie noch im Verderben,
Und im Gleichmaß, wie es sich entfaltet,
    Muß ein Wesen auch vergehn und sterben.
Alle Teile stimmen nach dem einen
    Sich herunter, den der Tod beschlichen,
Und so kann es ganz gesund erscheinen,
    Wenn das Leben ganz aus ihm gewichen.

Ja, ein Weh gibt's, das man nicht ertrüge,
    Wenn es nicht sein eignes Maß zerbräche,
Und, wie einer abgeschmackten Lüge,
    Der Erinnrung selber widerspräche.
Dann, vergessend in der innern Öde,
    Daß einst frisch das Herz geschlagen habe,
Ist ein Mensch der Nessel gleich, die schnöde
    Wuchert über seinem eignen Grabe.

 


4.

          Schlafen, Schlafen, nichts als Schlafen!
    Kein Erwachen, keinen Traum!
Jener Wehen, die mich trafen,
    Leisestes Erinnern kaum,
Daß ich, wenn des Lebens Fülle
    Nieder klingt in meine Ruh,
Nur noch tiefer mich verhülle,
    Fester zu die Augen tu'!

 


5.

        Gott weiß, wie tief der Meeresgrund,
    Gott weiß, wie tief die Wunde ist!
Auf ewig schließ' ich drum den Mund,
Ich werde dadurch nicht gesund,
    Daß, die sie schlug, sie auch ermißt.

Doch sie, die Welt, die das verbrach,
    Sie schändet meinen stummen Schmerz,
Sie wagt die allerhöchste Schmach
Und ruft, nachdem sie's selbst durchstach,
    Mir höhnend zu: Du hast kein Herz!

 


6.

        Natur, du kannst mich nicht vernichten,
    Weil es dich selbst vernichten heißt,
Du kannst auf kein Atom verzichten,
    Das einmal mit im Weltall kreist.

Du mußt sie alle wieder wecken,
    Die Wesen, die sich, groß und klein,
In deinem dunklen Schoß verstecken
    Und träumen, nun nicht mehr zu sein;

Natur, ich will dich nicht beschwören,
    Verändre deinen ew'gen Lauf!
Ich weiß, du kannst mich nicht erhören,
    Nur wecke mich am letzten auf!

Ich will nicht in die Luft zerfließen,
    Ich will, auf langen Schlaf entbrannt,
Gestorben, mich im Stein verschließen,
    Im härtesten, im Diamant.

Ob der in einer Krone gaukle,
    Ob er bei heller Kerzen Licht
Auf einer Mädchenbrust sich schaukle,
    Ich schlafe tief, ich fühl' es nicht.

Er wird bei tausend Festestänzen,
    Als Mittelpunkt im Strahlenkranz
Vielleicht, wie nie ein andrer, glänzen,
    Doch keiner ahnt, woher der Glanz.

Erst, wenn ich mich erwachend dehne,
    Sag' ich dem Träger still ins Ohr,
Daß einst ein Mensch zerrann zur Träne
    Und die zum Edelsten gefror!

 


7.

        Und mußt du denn, trotz Kraft und Mut,
    An jedem Dorn dich ritzen,
So hüt' dich nur, mit deinem Blut
    Die Rosen zu bespritzen.

 


8.

    Geht stumm an dir vorbei die Welt,
    So fühle stolz und andachtsvoll:
Ich bin ein Kelch, für Gott bestellt,
    Der ihn allein erquicken soll!

 


9.

                  Es grüßt dich wohl ein Augenblick,
    Der ist so überschwellend voll,
Als ob er dich mit sel'gem Glück
    Für alle Zukunft tränken soll.

Du aber wehrst, eh' du's vermeinst,
    Ihn scheu und zitternd selber ab,
Und jene Träne, die du weinst,
    Gibt ihm den Glanz, doch auch das Grab.

Uns dünkt die Freude Altarwein,
    Am Heiligsten ein sünd'ger Raub;
Zieht Gottes Hauch durch unser Sein,
    So fühlen wir uns doppelt Staub.

 


10.

              Unergründlicher Schmerz!
    Knirscht' ich in vorigen Stunden:
    Jetzt, mit noch blutenden Wunden,
Segnet und preist dich mein Herz.

Alles Leben ist Raub;
    Funken, die Sonnen entstammen,
    Lodern, das All zu durchflammen,
Da verschluckt sich der Staub.

Nun ein heiliger Krieg!
    Höchste und tiefste Gewalten
    Drängen in allen Gestalten!
Trotze, so bleibt dir der Sieg.

Tatst du in Qual und in Angst
    Erst genug für dein Leben,
    Werden sie selbst dich erheben,
Wie du es hoffst und verlangst.

Greife ins All nun hinein!
    Wie du gekämpft und geduldet,
    Sind dir die Götter verschuldet,
Nimm dir, denn alles ist dein!

Nun versagen sie nichts,
    Als den letzten der Sterne,
    Der dich in dämmernder Ferne
Knüpft an den Urquell des Lichts.

Ihm entlocke den Blitz,
    Der dich, dein Ird'sches verzehrend,
    Und dich mit Feuer verklärend,
Löst für den ewigen Sitz.

 


11.

            Den bängsten Traum begleitet
    Ein heimliches Gefühl,
Daß alles nichts bedeutet,
    Und wär' uns noch so schwül.
Da spielt in unser Weinen
    Ein Lächeln hold hinein,
Ich aber möchte meinen,
    So sollt' es immer sein!

 


 

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