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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 147
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Die Kirmes

            Das ist ein Geigen und Flöten
    Bis über das Dorf hinaus:
Sie feiern die Kirmes heute
    Mit Tanz und Spiel und Schmaus.

Wenn ich ein Mädchen wäre,
    So schaut' ich die Burschen an,
Doch jetzt betracht' ich die Mädchen,
    Ein Mann sucht keinen Mann!

Die Blonde hat mir gefallen,
    Solang' ich die Braune nicht sah,
Jetzt ist mir, als hätt' ich gesündigt,
    Ei, war sie denn schon da?

Es darf sie nur einer küssen,
    Doch jeder tanzt mit ihr,
Und auch den plattsten Gesellen
    Vergoldet ihr Auge mir.

Und schlägt sie's erglühend nieder,
    Weil sie des Sponsen sich schämt,
Erhebt er dafür das seine,
    Man sieht, daß ihn's nicht grämt.

Und dies gefällt mir eben,
    Er fühlt die Ehre doch,
Und denkt er daran im Alter,
    So steift sich sein Rücken noch.

Im Alter, ach, im Alter!
    Ja, ja, wir werden alt!
Er, ich, du selbst, wir alle,
    Wir werden alt und kalt!

Die Kinder stecken des Abends
    Zuweilen Papier in Brand
Und legen's auf den Ofen
    Und kauern sich um den Rand.

Sie freun sich der hüpfenden Funken
    Mit Grau und Schwarz vermischt,
Und wetten, wer von allen
    Am letzten wohl verlischt.

Wir hüpfen, wie diese Funken,
    Über der Erde Rund
Und leuchten vielleicht am hellsten
    In dieser frohen Stund'.

Wer weiß, wer von uns allen
    Zuletzt erlöschen mag?
Der weiß auch, wer am längsten
    Erzählt von diesem Tag!

Du schönstes Kind, ich ahne,
    Das wirst du selber sein,
Ich sehe dich, wie doppelt,
    Maifrisch, und alt, wie Stein.

Jetzt drehst du dich im Reigen,
    So reizend und geschwind,
Wie dort das Rosenblättchen
    Im Sommerabendwind.

Jetzt hockst du blind im Lehnstuhl,
    Die Enkel um dich her,
Du sprichst von diesem Tage,
    Sie glauben, von einer Mär'.

Du streichelst mit knöchernem Finger
    Die Enkelin, die dir gleicht,
Du sagst: ich war dir ähnlich,
    So jung, so schön, so leicht!

Sie aber kann's nicht glauben,
    Und das verdenk' ich ihr nicht,
Sie müßte sich sagen: ich selber
    Bekomm' einst ein solches Gesicht!

 


 

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