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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 142
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Versöhnung

            »Ist nicht heute Allerseelen?
    Ja, ich will zur Kirche gehn,
Und was Menschen mir versagen,
    Von dem Himmel mir erflehn.

Meine Mutter kann nur weinen,
    Hat nicht Trost für meinen Schmerz;
Krank geworden ist der Vater,
    Das zerreißt mir ganz das Herz!«

Und sie stellt des Vaters Suppe
    Sorgsam zu des Herdes Glut,
Sagt der Mutter guten Morgen,
    Geht dann fort in trübem Mut.

Vor der Nachbarinnen Augen
    Bebt das ihr scheu zurück,
Aber frei hinauf zum Himmel
    Wendet sie den reinen Blick.

In ein Haus der Anverwandten
    Tritt sie nur mit Angst und Pein,
Aber in des Ew'gen Tempel
    Geht sie ohne Zagen ein.

Am Altar der Mutter Gottes
    Kniet sie still und glühend hin,
Doch um was sie bitten dürfe,
    Kommt ihr nimmer in den Sinn.

Milde Mutter, Gnadenmutter,
    Neige dich und sprich sie los;
Ihr Versöhner und ihr Mittler
    Ist das Kind in ihrem Schoß.

Wird es doch gekreuzigt werden
    Von der Wiege bis ans Grab,
Und so zahlt es überreichlich
    Alle ihre Schulden ab.

 


 

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