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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 125
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Proteus

            Was oben und unten in Fülle und Kraft
Die ewige Mutter erschuf und erschafft,
Sie hat es in Formen, in steife, gehüllt,
In starrende Normen das Leben gefüllt.

Und wie's in den Formen auch brauset und zischt,
So bleibt es doch immer mit Erde gemischt,
Nie kann sich's entreißen der dumpfen Gewalt,
Da wird es so trübe, da wird es so kalt.

Doch mich hat sie nimmer gebannt in den Ring,
Mit welchem sie grausam die Wesen umfing,
Ich steige hinunter, ich steige empor
Nach eignem Behagen im wirbelnden Chor.

Ich schlürfe begierig aus jeglichem Sein
Mit tiefem Entzücken den Honig hinein,
An keines gebunden, muß jedes mir schnell
Die Pforten entriegeln zum innersten Quell.

Ich bin's, der die Welle des Lebens bewegt,
Der ihre gewaltigste Strömung erregt,
Und dann, was sie innerlich eigen besitzt,
Enteilend, ins dürstende Weltall verspritzt.

Ha! oben in Wolken in bläulichem Glanz
Mit brausenden Stürmen der schwindelnde Tanz!
Als Blitz, dies Verflammen im nächtlichen Blau!
Als Regen, dies Tränken der durstigen Au!

Im Kelche der Blume, im farbigen, nun
Das stille Verschließen, das liebliche Ruhn!
Und wenn ich entsteige der tauigen Gruft,
Umströmt mich, entbunden, der glühendste Duft!

O seliges Wohnen in Nachtigallbrust,
O süßes Zerrinnen in heimlichster Lust!
Ich hauch' ihr die Liebe ins klopfende Herz,
Dann scheid' ich, da singt sie in ewigem Schmerz.

In Seelen der Menschen hinein und hinaus!
Sie möchten mich fesseln, o neckischer Strauß!
Die fromme des Dichters nur ist's, die mich hält,
Ihr geb' ich ein volles Empfinden der Welt.

 


 

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