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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 124
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Auf dem Meer

(Bei einer Überfahrt nach Kopenhagen im Feuerjahr 1842.)

            Allheilig Meer! Es donnern deine Klänge
    Mir so gewaltig ins erschreckte Ohr,
Als brächen die verhaltnen Fluchgesänge
    Begrabener Titanen draus hervor.

Sie stürzten sich hinab in deine Wogen,
    Sie wollten sterben; aber um den Tod
Hat eine falsche Tiefe sie betrogen,
    Sie tragen noch des Lebens öde Not.

Sie wissen's jetzt: man kann nicht einzeln sterben;
    Solange noch ein Zwerg auf Erden lebt,
Wird sich kein Gott den ganzen Tod erwerben,
    Ob er im Meer, im Ätna sich begräbt.

Sie sehen jetzt die blöden Menschen kauern
    Um ihres großen Daseins Aschenrest;
Da grollen sie: soll das denn ewig dauern?
    Wie lange hält der Wurm die Wärme fest!

Uns kreiste doch das Ganze in den Adern,
    Das jetzt zu Tropfen tausendfach zerrann;
Wir mußten dennoch mit den Göttern hadern,
    Jetzt haben Legionen g'nug daran!

So grollen sie im Ätna und im Grunde
    Des Meers, und nicken langsam wieder ein;
Doch nach Jahrhunderten ruft eine Stunde
    Sie abermals zurück ins öde Sein.

Dann wähnen sie: nun ist die Welt am Ende,
    Und dies Erwachen ist das letzte Weh!
Dann wirft der eine seine Feuerbrände,
    Dann rast der andre in dem Schoß der See.

Ich ahnt' es längst! Die grollenden Titanen
    Sind aus dem Schlummer wieder aufgestört,
Und haben, an die alte Nacht zu mahnen;
    Jedwedes Element der Welt empört.

War's Empedokles, der sie Stadt der Elbe
    Mit seiner Ätnafackel angesteckt?
Und ist's ein andrer, oder ist's derselbe,
    Der zürnend jetzt den alten Meergeist weckt?

Wohlauf! Zurückgeschlagen sind die Flammen!
    Schwellt denn in eins, ihr Meere, fern und nah,
Knüpft Wogentanz und Sternentanz zusammen,
    Wie Äschylos es im Prometheus sah!

 


 

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