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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 123
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Ein Geburtstag auf der Reise

            Wie wird mir so beklommen,
    Obgleich ich ruhig schlief!
Wär' heut der Tag gekommen,
    Der mich ins Leben rief?
Ja, sagt mir der Kalender,
    Ein Strauß des Freundes auch,
Den der zu milde Spender
    Mir flocht am Lorbeerstrauch.

Ach, was sind das für Boten!
    Wo bleiben Weib und Kind,
Die sonst, zum Liebesknoten
    Verschränkt die Ersten sind!
Heran, heran, wie immer,
    Du teures, teures Paar,
Sonst wage ich mich nimmer
    Hinein ins neue Jahr.

Daß ich noch Atem hole,
    Verdank' ich euch allein,
Denn ihr seid meine Pole
    Und werdet's ewig sein!
Wie sollt' ich wohl noch ringen,
    Wär's nicht des Vaters Pflicht?
Und könnt' es mir gelingen,
    Stärkte dies Weib mich nicht?

Drum schnell, ich muß euch schauen,
    Christine, an mein Herz,
Du innigste der Frauen,
    Eh' es erstarrt vor Schmerz.
Und daß ich zwiefach nippe,
    Reich' auch dein Kind zum Kuß,
Das meiner bärt'ge Lippe
    Nur naht, wenn's eben muß.

Sie zögern noch! Ermannung!
    Sie sind dir heut zu fern!
Du lebst in der Verbannung,
    Doch nicht von Stern zu Stern!
Du ward'st auf eine Weile
    Dem Paradies entrückt,
Damit es, dir zum Heile,
    Bald doppelt dich beglückt.

Nun wohl, ich will es tragen,
    Bin ich auch Duldens satt;
Ich ward zurück verschlagen
    In eine finstre Stadt,
Wo ich, der Welt verborgen,
    Bestand den ersten Streit,
Drum werde dieser Morgen
    Der Pilgerschaft geweiht.

Es ist die rechte Stunde,
    Ein Schlachtfeld zu beschaun,
Ich mache flugs die Runde
    Und tu' es ohne Graun,
Als wären's schon Äonen,
    Wo ich hier, stumm, doch bang,
Mit jedem der Dämonen
    Auf Tod und Leben rang.

Drum erst zum kleinen Hause,
    Das mich beherbergt hat!
In dieser dunklen Klause
    Reift' ich zur Dichtertat,
Viel litt ich da im stillen,
    Viel hat's in mir geschafft:
Von Gott den reinen Willen,
    Vom Teufel jede Kraft.

Vorüber doch, vorüber!
    Mir wird in meinem Sinn
Auf einmal trüb und trüber,
    Nun ich zur Stelle bin.
Mir deucht, durch dieses Fenster
    Grinst noch der ganze Chor
Der Larven und Gespenster,
    Die mich gequält, hervor.

Dafür zum Königsgarten
    Mit raschem Schritt hinab!
Er war's, der dem Erstarrten
    Stets wieder Leben gab,
Der, wenn mich eine Mahnung
    Der Todes tief geschreckt,
Mich gleich durch eine Ahnung
    Der Zukunft neu geweckt.

O Park, sei mir gesegnet!
    Bleib ewig frisch und grün,
Und wenn's nur einmal regnet,
    So sollst du zweimal blühn!
In jeden deiner Gänge
    Verlier' ich mich mit Lust,
Denn jeder hat Gesänge
    Gehaucht in meine Brust.

Hier zeigte, wie im Traume,
    Sich mir die Judith schon!
Dort, unterm Tannenbaume
    Sah ich den Tischlersohn,
Da drüben winkte leise
    Mir Genovevas Hand,
Und in des Weihers Kreise
    Fand ich den Diamant.

Dann wollt' es mich bedünken,
    Ich sei unendlich reich!
Mein Busen war dem Blinken
    Des Sternenhimmels gleich:
Schon viel sind aufgegangen
    In wandelloser Pracht,
Mehr glaubt man noch umfangen
    Vom stillen Schoß der Nacht.

Zwar blieben's damals Schemen,
    Mir nur zum Trost geschickt,
Sie mußten Abschied nehmen,
    Sowie ich sie erblickt.
Das fügte tausend Schmerzen
    Den schwersten noch hinzu,
Doch kam zuletzt dem Herzen
    Durch sie allein die Ruh.

Denn als sie Blut getrunken,
    Wie des Odysseus Schar
Im Hades, deren Funken
    Längst still verglommen war:
Da wandelten die Schatten
    Sich in Gestalten schnell,
Und nun sie Leben hatten,
    Ward's rings um mich auch hell.

So will's ja der Berater
    Der Welt, daß in der Kunst
Das Kind den eignen Vater
    Erlöst vom irdschen Dunst
Und für die heil'ge Schüssel
    Voll Bluts, die er vergießt,
Ihm dankt mit einem Schlüssel,
    Der ihm das All erschließt.

 


 

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