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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 111
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Das Opfer des Frühlings

            Sah ich je ein Blau, wie droben
    Klar und voll den Himmel schmückt?
Nicht in Augen, sanft gehoben,
    Nicht in Veilchen, still gebückt!
Leiser scheint der Fluß zu wallen
    Unter seinem Widerschein,
Vögel schweigen, und vor allen
    Dämmert meine Seele ein.

Doch, es gilt auch eine Feier!
    Schaut den Lenz im Morgenglanz!
Hinter grauer Nebel Schleier
    Flocht der Jüngling sich den Kranz.
Wenn sein Hauch, die Nebel teilend,
    Ihn zu früh schon halb verriet,
Wich er scheu zurück, enteilend
    In ein dunkleres Gebiet.

Dennoch stehn, ihn zu empfangen,
    Seine Kinder schon bereit:
Rose mit den heißen Wangen,
    Mandelbaum im weißen Kleid!
Veilchen, die des Sommers Brüten
    Bald erstickt, sie harren auch,
Keusche Lorbeern selbst erglühten;
    Denn sie alle traf sein Hauch.

Nun, mit fast verschämtem Lächeln,
    Zieht er ein ins schöne Reiche;
Ihm die glühnde Stirn zu fächeln,
    Nahn die Morgenwinde gleich.
Doch, ihn selber kühlend, stehlen
    Sie so viel der holden Glut,
Als, die Blumen, die noch fehlen
    Zu erwecken nötig tut.

Flugs nun auf den leichten Schwingen
    Eilen sie durch Hain und Tal,
Und vor ihren Küssen springen
    Spröde Knospen ohne Zahl.
Jeder Busch, wie sie ihn streifen,
    Wird zum bunten Blütenstrauß,
Und die Wurzeln, die noch steifen,
    Treiben erstes Grün heraus.

Doch nun löst sich, alle Farben
    Zu erhöhn und allen Duft,
Das verschluckte Licht in Garben
    Reinen Goldes aus der Luft.
Sind das Strahlen? Sind das Sterne,
    Die der Tag in Flammen schmolz?
Alles funkelt, nah und ferne,
    Berg und Wald, ja Stein und Holz!

Horcht! Vor diesem Glanze fahren
    Auch die Vögel aus dem Traum,
Drin sie still versunken waren,
    Wieder auf im blauen Raum;
Aber dick und rauchend steigen
    Wolken heißen Dufts empor,
Und nun fällt ins dumpfe Schweigen
    Neu betäubt zurück ihr Chor.

Fürder, immer fürder schreitend,
    Kommt der Jüngling an den Fluß,
Der, sich rings ins Land verbreitend,
    Alles tränkt, was trinken muß.
Aber heute möge dürsten,
    Was da will, er hält sich an
Und versucht, ob er den Fürsten
    Durch sein Bild nicht fesseln kann.

Denn, wenn dieser, süß betroffen,
    Hier sich selbst im Spiegel schaut,
Krönt sein Blick das leise Hoffen,
    Dem die Welle still vertraut;
Sei er noch so schnell und flüchtig,
    Jene Lilie wird geweckt,
Die, wie keine, keusch und züchtig,
    Sich in ihren Schoß versteckt.

Und wie sollte er nicht säumen?
    Sieht er denn sich selber nur?
Nicht zugleich, die seinen Träumen
    Leben gab, die blühnde Flur?
Wenn's ihn auch vorüber triebe
    An der eignen Huldgestalt,
Fesselte ihn doch die Liebe
    An die Braut mit Allgewalt.

Ach, er zögert wonnetrunken!
    Aber lange bleibt er nicht
In den süßen Rausch versunken,
    Nein, er wendet das Gesicht!
Denn ihm sagt ein innres Stocken,
    Daß die Götter neidisch sind,
Und ihm deucht, mit seinen Locken
    Spiele schon ein andrer Wind.

Da beschleicht ihn dumpfe Trauer,
    Ihm erlischt der Wange Rot,
Und ihn mahnt ein kalter Schauer
    An den Tod, den frühen Tod;
Doch, von dem durchzuckt, entzittert,
    Wie von selbst, sein Kranz dem Haar,
Der die Ew'gen ihm erbittert,
    Und sein Fuß zertritt ihn gar.

Plötzlich Stille jetzt! Die Winde
    Ruhn, wie auf ein Zauberwort,
Doch in jedem Frühlingskinde
    Bebt der Todesschauer fort,
Und ein hast'ger Blüten-Regen
    Macht das duft'ge Opfer voll,
Das verhaltnen Fluch in Segen,
    Haß in Liebe wandeln soll.

Aber nun den stolzen Wipfel
    Jeder Baum zur Erde neigt,
Nun auf hohem Berges-Gipfel
    Selbst der Kühnste Demut zeigt,
Nun erhebt der Jüngling wieder
    Sanft das Haupt, das er gesenkt,
Und ein Ölblatt säuselt nieder,
    Das versöhnt der Neid ihm schenkt.

 


 

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