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Christian Friedrich Hebbel: Gedichte - Kapitel 102
Quellenangabe
titleGedichte
authorFriedrich Hebbel
modified20170830
typepoem
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Ein frühes Liebesleben

1. Die Jungfrau.

        O süßes, süßes Jungfraunbild!
    In Engelfrieden hingegossen!
    Noch Kind, und doch so göttlich abgeschlossen!
Demütig, sicher, stolz und mild!

O Jungfraunbild, dich möcht' ich nicht –
    Es wär' mir, wie ein Raub – umfangen,
    Ich möchte vor dir niederknien und hangen
An deinem Himmelsangesicht.

Dann läg' ich stumm in heil'ger Scheu,
    Du aber würdest fromm erglühen,
    Und still und kindlich bei mir niederknieen
Und sinnen, wo die Heil'ge sei.

 


2. Kampf.

        Oft, wenn sie still an mir vorüberschwebt
    Und lächelnd beut des holden Grußes Segen
Und mild und treu den frommen Blick erhebt,
    Da träume ich, beseligt und verwegen,
Die Liebe sei's, die Gruß und Blick durchwebt,
    Und auch die kühnste Hoffnung will sich regen.

Doch bange Zweifel kehren bald zurück,
    Und zu mir selber sprech' ich dann mit Reue:
Wie wär' nicht mild und treu ihr Gruß und Blick?
    Sie ist ja selbst die Milde und die Treue!
Und schneller, als es kam, verweht mein Glück,
    Und alle Wunden bluten mir aufs neue.

 


3. Sieg.

            Zum ersten Male ist sie heut gegangen
    Als junge Christin zum Altar des Herrn;
Die dunklen Worte, die vorher erklangen,
    Die hielten ihr die ganze Erde fern;
Ein Todesschauer bleichte ihre Wangen
    Und fast verglimmte ihres Auges Stern,
Denn, wer nicht würdig ißt und trinkt, so spricht
Gott selbst, der ißt und trinkt sich das Gericht.

Und dennoch hat sie heut sich mir ergeben,
    Wo jegliche Empfindung ihr's verbot;
Sie wagte einmal, ihren Blick zu heben,
    Da sah sie mich und wurde wieder rot;
Nun nahte sie sich dem Altar mit Beben
    Und nahm nur noch mit Angst das heil'ge Brot,
Und als sie auch verschüttete den Wein,
Da jauchzte ich: sie ist auf ewig mein!

 


4. Glück.

        Wie man das Heilige berührt:
    Man will ihm selbst nicht geben,
Es ist genug, daß man es spürt,
    So küßt' ich sie mit Beben,
Und tat der Mund
Nicht alles kund,
    So brachte sie's zu Ende
In frommem Sinn
Zum Vollgewinn
    Durch einen Druck der Hände!

 


5. Der Tod.

                  Die Glocken hast du noch gepflückt,
    Die uns den Lenz verkünden,
Doch nicht, vom schweren Schnee gedrückt,
    In Farben sich entzünden.

Auch hast du dir zum Sonntagsstrauß
    Die Veilchen noch gewunden
Und ihren Duft im Gotteshaus
    So süß, wie nie, gefunden.

Ein frischer Maienblumenkranz
    War dir ins Haar geflochten,
Als dir in deinem letzten Tanz
    Die zarten Schläfe pochten.

Die Rosen treffen dich schon bleich
    Im Kreise deiner Schwestern:
Der weißen bist du heute gleich,
    Der roten glichst du gestern.

Doch kommen sie zur rechten Frist,
    Um deinen Sarg zu decken,
Und was du warst und was du bist,
    Noch einmal zu erwecken!

Die Nelken blühen mir allein
    Und können mich nur freuen,
Um sie bei hellem Mondenschein
    Dir auf das Gras zu streuen.

 


6. Spuk.

      Ich blicke hinab in die Gasse;
    Dort drüben hat sie gewohnt!
Das öde, verlassene Fenster,
    Wie hell bescheint's der Mond.

Es gibt so viel zu beleuchten;
    O holde Strahlen des Lichts,
Was webt ihr denn gespenstisch
    Um jene Stätte des Nichts.

 


7. Nachruf.

        O du, die ungern mir voran gegangen,
    Wirst du wohl noch des Erdentraums gedenken?
    Und fühlst du wohl, den Flug zurück zu lenken,
Zuweilen noch ein flüchtiges Verlangen?

Gewiß! Du kennst ja meiner Seele Bangen,
    Wirst einen letzten Gruß ihr gerne schenken,
    Dann aber wirst du auf dein Grab sich senken,
Denn dies, du weißt es, hält mich stets gefangen.

Doch wenn du nun in nächtlich-heil'ger Stille
Hernieder schwebst in Lüftchen deine Hülle,
    Was wird mir deine Gegenwart verkünden?

Ach, dieses, daß sich Gram und Wehmut legen,
Daß Funken sich von neuer Wonne regen,
    Denn deine Nähe nur kann sie entzünden.

 


8. Süße Täuschung.

          Oft, wenn ich bei der Sterne Schein
    Zum Kirchhof meine Schritte lenke,
Und mich so tief, so ganz hinein
    In jene sel'ge Zeit versenke,
Wie wir zusammen Hand in Hand
    Hier wandelten in stillem Wehe,
Da ist es mir, als ob das Band
    Noch immer heiter fortbestehe.

Wir gehen fort und immer fort
    Und schaun die Gräber in der Runde,
Du hast für jegliches ein Wort
    Und sprichst es aus mit sanftem Munde,
Du sprichst vom frühen Schlafengehn
    Und von der Eitelkeit der Erde
Und von dem großen Wiedersehn,
    Das Gott uns nicht versagen werde.

Und kommt zuletzt dein eigen Grab,
    So rufst du aus: wir müssen scheiden!
Der Vater ruft die Tochter ab,
    Wir wußten's längst, und wollen's leiden!
Und ruhig wandle ich hinaus,
    Wie einst aus deines Vaters Garten,
Wenn er dich heimrief in das Haus,
    Du aber sprachst, ich solle warten.

 


9. Nachts.

              Die dunkle Nacht hüllt Berg und Tal,
    Ringsum die tiefste Stille;
Die Sterne zittern allzumal
    In ihrer Wolkenhülle;
Der Mond mit seinem roten Schein
Blick in den finstern Bach hinein,
    Der sich durch Binsen windet.

Ich schreite in die Nacht hinaus,
    Entgegen jenem Schimmer,
Der aus dem forstverlornen Haus
    Sich stiehlt mit schwachem Flimmer.
Jetzt lischt's mit einmal aus, das Licht,
Ich seh' es, doch mich kümmert's nicht;
    Je dunkler, desto besser.

Du glaubst, zum Liebchen schleich' ich mich?
    Die könnt' ich näher haben:
Nach jenem Kirchhof weis' ich dich,
    Dort liegt sie längst begraben.
Dies aber ist das kleine Haus,
Da ging sie ehmals ein und aus
    In seligen süßen Stunden.

Nun tut's mir wohl, den Weg zu gehn,
    Wo ich mich oft entzückte,
Das kleine Fenster anzusehn,
    Wo ich sie sonst erblickte;
Die Bank zu grüßen, wo sie saß,
Den Buch, von dem sie Beeren las,
    Die Blumen, die sie noch pflanzte.

 


10. Offenbarung.

      Auf deinem Grabe saß ich stumm
    In lauer Sommernacht;
Die Blumen blühten rings herum,
    Die schon dein Grab gebracht.
Und still und märchenhaft umfing
    Ihr Duft mich, süß und warm,
Bis ich in sanftem Weh verging,
    Wie einst in deinem Arm.

Und meine Augen schlossen sich,
    Vom Schlummer leicht begrüßt;
Mir war, als würden sie durch dich
    Mir leise zugeküßt.
Still auf den Rasen sank ich hin,
    Der deinen Staub bedeckt,
Doch ward zugleich der innre Sinn
    Mir wunderbar geweckt.

Was ich geträumt, ich weiß es nicht,
    Ich ahn' es nur noch kaum,
Daß du, ein himmlisches Gesicht,
    Mir nahe warst im Traum.
Doch, was dies flücht'ge Wiedersehn
    In meiner Brust geschafft,
Das kann die Seele wohl verstehn,
    Die glüht in neuer Kraft.

Du hast der Dinge Ziel und Grund
    An Gottes Thron durchschaut,
Und tatest kühn mir wieder kund,
    Was dir der Tod vertraut.
Und wenn das große Lösungswort
    Auch mit dem Traum entschwand,
So wirkt es doch im Tiefsten fort,
    Gewaltig, unerkannt.

 


11. Nachklang.

      Ach, zauberische Huldgestalt,
    Die nie vergessen läßt!
Du hältst mit ewiger Gewalt
    Mich noch im Tode fest!
Du spielst, ein sanftes Abendrot,
    In meine Brust hinein,
Und bist du allenthalben tot,
    Dort wirst du's nimmer sein.

 


 

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