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Gedichte

Heinrich Heine: Gedichte - Kapitel 91
Quellenangabe
titleGedichte
authorHeinrich Heine
modified20170830
typepoem
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Festgedicht

        Beeren-Meyer, Meyer-Beer!
Welch ein Lärm, was ist der Mär?
Willst du wirklich jetzt gebären
Und den Heiland uns bescheren,
Der verheißen, der versprochen?
Kommst du wirklich in die Wochen?
Das ersehnte Meisterstück
Dreizehnjähriger Kolik,
Kommt das Schmerzenskind am End,
Das man »Jan von Leyden« nennt?

Nein, es ist nicht mehr Erfindung
Der Journale – die Entbindung
Ist vollbracht, sie ist geschehen!
Überstanden sind die Wehen;
Der verehrte Wöchner liegt
Mit verklärtem Angesicht
In dem angstbetränten Bette!
Eine warme Serviette
Legt ihm Gouin auf den Bauch,
Welcher schlaff wie 'n leerer Schlauch.
Doch die Kindbettzimmerstille
Unterbricht ein laut Gebrülle
Plötzlich – es erschmettern hell
Die Posaunen, Israel
Ruft mit tausend Stimmen: »Heil!«
(Unbezahlt zum größten Teil)
»Heil dem Meister, der uns teuer,
Heil dem großen Beeren-Meyer,
Heil dem großen Meyer-Beer!
Der, nach Nöten lang und schwer,
Der nach langen, schweren Nöten
Uns geboren den Propheten!«

Aus dem Jubilantenchor
Tritt ein junger Mann hervor,
Der gebürtig ist aus Preußen
Und Herr Brandus ist geheißen.
Sehr bescheiden ist die Miene
(Ob ihn gleich ein Beduine,
Ein berühmter Rattenfänger,
Sein Musikverlagsvorgänger,
Eingeschult in jeden Rummel),
Er ergreifet eine Trummel,
Paukt drauf los im Siegesrausche,
Wie einst Mirjam tat, als Mausche
Eine große Schlacht gewann,
Und er hebt zu singen an:

»Genialer Künstlerschweiß
Hat bedächtig, tropfenweis,
Im Behälter sich gesammelt,
Der mit Plauken fest verrammelt.
Nun die Schleusen aufgezogen,
Bricht hervor in stolzen Wogen
Das Gewässer – Gottes Wunder!
's ist ein großer Strom jetzunder,
Ja, ein Strom des ersten Ranges,
Wie der Euphrat, wie der Ganges,
Wo an palmigen Gestaden
Elefantenkälber baden,
Wie der Rheinstrom bei Schaffhausen,
Wo Kaskaden schäumen, brausen
Und Berliner Studiosen
Gaffend stehn mit feuchten Hosen,
Wie die Weichsel, wo da hausen
Edle Polen, die sich lausen,
Singend ihre Heldenleiden
Bei des Ufers Trauerweiden;
Ja, er ist fast wie ein Meer,
Wie das Rote, wo das Heer
Pharaonis mußt ersaufen,
Während wir hindurchgelaufen
Trocknen Fußes mit der Beute –
Welche Tiefe, welche Breite!
Hier auf diesem Erdenglobus
Gibts kein beßres Wasser-Opus!
Es ist hochsublim poetisch,
Urtitanisch majestätisch,
Groß wie Gott und die Natur –
Und ich hab die Partitur!«

 


 

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