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Gedichte

Heinrich Heine: Gedichte - Kapitel 474
Quellenangabe
titleGedichte
authorHeinrich Heine
modified20170830
typepoem
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Wünnebergiade, ein Heldengedicht in zwei Gesängen

Erster Gesang

                    Holde Muse, gib mir Kunde,
Wie einst hergeschoben kommen
Jenes kugelrunde Schweinchen,
Das da Wünneberg geheißen.

Auf den Iserlohner Triften
Ward mein Schweinchen einst geworfen,
Allda stehet noch das Tröglein,
Wo es weidlich sich gemästet.

Täglich in der Brüder Mitte
Burzelt es herum im Miste,
Auf den Hinterpfötchen hüpfend, –
Zernial ist Dreck dagegen.

Und die Mutter mit Gefallen
Schauet ihres Sohns Gedeihen,
Wie das feiste Wänstchen schwellet,
Wie die Ziegelbacken quellen.

Und der Vater mit Entzücken
Hört des Sohnes erstes Quirren,
Und das lieblich helle Grunzen
Dringt zum väterlichen Herzen.

Aber soll im Mist verwelken
Diese zarte Ferkenblume?
Soll der Sprößling edler Beester
Ohne Nachruhm einst verrecken?

Also sinnen nun die Eltem,
Was ihr Söhnchen einst soll werden,
Und sie stritten, stritten lange,
Mit den Worten, mit den Fäusten.

»Holde Drütche!« sprach der Ehherr,
»Du mein alter Rumpelkasten!
Ja ich kusche, ja ich schwör es,
Ja, mein Sohn soll Pfäfflein werden.

Dorthin, wo die schmucke Düssel
Schlängelnd sich im Rhein ergießet,
Dorthin send ich meinen Lümmel,
Zu studieren Gottgelahrtheit.

Dorten lebt mein Freund Asthöver,
Den ich einst traktiert mit Kaffee
Und mit Brezel und mit Plätzchen, –
Schlau erwägend künftge Zeiten.

Auch der riesenmächtge Dahmen
Wandelt dort sein geistlich Leben,
Schreckhaft zittern seine Jünger,
Wenn er schwingt die Musengeißel.

Diesen Männern übergeb ich
Meinen Sohn zur strengen Leitung,
Diese wähl er sich zum Vorbild,
Bis sein Bauch sich einst verkläret.«

Also sprach zur Frau der Ehherr,
Und er streichelt ihr das Pfötchen;
Aber sie umarmt ihn glühend,
Daß der Schmerbauch heftig dröhnet.

Halt die Ohren zu, o Muse!
Jetzo wird mein Schwein gescheuert,
Mit der Glut im Wasserküven;
Und es schreit und krächzt erbärmlich.

Und ein klimperklein Frisörchen
Kräuselt à l'enfant die Borsten,
Parfümiert sie mit Pomade, –
Bis nach Gersheim hats gerochen.

Und mit vielen Komplimenten
Kommt ein Schneider hergetrippelt,
Und er bracht ein altdeutsch Röcklein,
Wies Arminius getragen.

Unter solcher Vorbereitung
War die Nacht herabgesunken,
Und zur Ruhe blies der Sauhirt,
Jeder kroch ins niedre Ställchen.

Zweiter Gesang

Schnarchend lag der Hausknecht Tröffel,
Bis der Tag herangebrochen,
Endlich rieb er sich die Augen,
Und verließ sein weiches Lager.

Und im Hofe schon versammelt
Findet er die Hausgenossen,
Um den jungen Herrn sich drängend,
Und sie nehmen rührend Abschied.

Sinnend steht der ernste Vater,
Als behorcht er Flöhgespräche;
Und die Mutter kniet im Miste,
Betend für des Sohns Erhaltung.

Auch die Kuhmagd hörbar schluchset,
Denn es scheidet der Geliebte,
Den sie einst in Lieb befangen
Durch der dicken Waden Reize.

»Lebewohl!« die Brüder grunzen,
»Lebewohl!« der Kater mauet;
Und der Esel zärtlich seufzend
Seinen Jugendfreund umarmet.

Selbst die Hühner traurig gackern;
Nur der Bock der schweigt und schmunzelt,
Er verliert ein Nebenbuhler
Bei den holden Ziegenpärchen.

Traurig, in der Freunde Mitte,
Stand nun selbst mein armes Schweinchen,
Liebevoll die Äuglein glänzen,
Und es ließ das Sterzchen hängen.

Da erhub sich männlich Tröffel:
»Sagt, was soll das Weiberplärren?
Selbst der edle Ochs der weinet,
Er, den ich für Mann gehalten!

Aber Tröffel kann dies ändern!«
Sprachs, und rasch, im edlen Zorne,
Packte er mein Schwein beim Kragen,
Band zusammen alle Vieren,

Lud es schnell auf seinen Schubkarrn,
Und er schiebet flink und lustig,
Über Felder, über Berge,
Bis an Düsseldorfs Lyceum.

 


 

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