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Gedichte

Heinrich Heine: Gedichte - Kapitel 374
Quellenangabe
titleGedichte
authorHeinrich Heine
modified20170830
typepoem
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Aus einem Briefe

(Die Sonne spricht:)
                  Was gehn dich meine Blicke an?
Das ist der Sonne gutes Recht,
Sie strahlt auf den Herrn wie auf den Knecht;
Ich strahle, weil ich nicht anders kann.

Was gehn dich meine Blicke an?
Bedenke, was deine Pflichten sind,
Nimm dir ein Weib und mach ein Kind,
Und sei ein deutscher Biedermann.

Ich strahle, weil ich nicht anders kann,
Ich wandle am Himmel wohl auf, wohl ab,
Aus Langeweile guck ich hinab –
Was gehn dich meine Blicke an?

(Der Dichter spricht:)
Das ist ja eben meine Tugend,
Daß ich ertrage deinen Blick,
Das Licht der ewgen Seelenjugend,
Blendende Schönheit, Flammenglück!

Jetzt aber fühl ich ein Ermatten
Der Sehkraft, und es sinken nieder,
Wie schwarze Flöre, nächtge Schatten
Auf meine armen Augenlider ...

(Chor der Affen:)
Wir Affen, wir Affen,
Wir glotzen und gaffen
Die Sonne an,
Weil sie es doch nicht wehren kann.
(Chor der Frösche:)
Im Wasser, im Wasser,
Da ist es noch nasser
Als auf der Erde,
Und ohne Beschwerde
Erquicken
Wir uns an den Sonnenblicken.
(Chor der Maulwürfe:)
Was doch die Leute Unsinn schwatzen
Von Strahlen und von Sonnenblicken!
Wir fühlen nur ein warmes Jücken,
Und pflegen uns alsdann zu kratzen.
(Ein Glühwurm spricht:)
Wie sich die Sonne wichtig macht,
Mit ihrer kurzen Tagespracht!
So unbescheiden zeig ich mich nicht,
Und bin doch auch ein großes Licht,
In der Nacht, in der Nacht!

 


 

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