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Gedichte

Heinrich Heine: Gedichte - Kapitel 160
Quellenangabe
titleGedichte
authorHeinrich Heine
modified20170830
typepoem
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Halleluja

        Am Himmel Sonn und Mond und Stern',
Sie zeugen von der Macht des Herrn;
Und schaut des Frommen Aug nach oben,
Den Schöpfer wird er preisen, loben.

Ich brauche nicht so hoch zu gaffen,
Auf Erden schon find ich genung
Kunstwerke, welche Gott erschaffen,
Die würdig der Bewunderung.

Ja, lieben Leute, erdenwärts
Senkt sich bescheidentlich mein Blick,
Und findet hier das Meisterstück
Der Schöpfung: unser Menschenherz.

Wie herrlich auch der Sonne Pracht,
Wie lieblich auch in stiller Nacht
Das Mondenlicht, der Sterne Glanz,
Wie strahlend der Kometenschwanz –

Die Himmelslichter allesamt
Sie sind nur eitel Pfennigskerzen,
Vergleich ich sie mit jenem Herzen,
Das in der Brust des Menschen flammt.

Das ist die Welt in Miniatur,
Hier gibt es Berge, Wald und Flur,
Einöden auch mit wilden Bestien,
Die oft das arme Herz belästgen. –

Hier stürzen Bäche, rauschen Flüsse,
Hier gähnen Gründe, Felsabschüsse,
Viel bunte Gärten, grüne Rasen,
Wo Lämmlein oder Esel grasen. –

Hier gibts Fontänen, welche springen,
Derweilen arme Nachtigallen,
Um schönen Rosen zu gefallen,
Sich an den Hals die Schwindsucht singen.

Auch an Abwechslung fehlt es nicht;
Heut ist das Wetter warm und licht,
Doch morgen schon ists herbstlich kalt,
Und nebelgrau die Flur, der Wald.

Die Blumen, sie entlauben sich,
Die Winde stürmen fürchterlich,
Und endlich flockt herab der Schnee,
Zu Eis erstarren Fluß und See.

Jetzt aber gibt es Winterspiele,
Vermummt erscheinen die Gefühle,
Ergeben sich dem Mummenschanz
Und dem berauschten Maskentanz. –

Freilich, inmitten dieser Freuden
Beschleicht sie oft geheimes Leiden,
Trotz Mummenschanz und Tanzmusik,
Sie seufzen nach verlornem Glück. –

Da plötzlich krachts – Erschrecke nicht!
Es ist das Eis, das jetzo bricht;
Die Rinde schmilzt, die frostig glatte,
Die unser Herz umschlossen hatte. –

Entweichen muß was kalt und trübe;
Es kehrt zurück – o Herrlichkeit! –
Der Lenz, die schöne Jahreszeit,
Geweckt vom Zauberstab der Liebe! –

Groß ist des Herren Gloria,
Hier unten groß, wie in der Höh.
Ich singe ihm ein Kyrie
Eleison und Halleluja.

Er schuf so schön, er schuf so süß
Das Menschenherze, und er blies
Hinein des eignen Odems Geist,
Des Odems, welcher Liebe heißt.

Fort mit der Lyra Griechenlands,
Fort mit dem liederlichen Tanz
Der Musen, fort! In frömmern Weisen
Will ich den Herrn der Schöpfung preisen.

Fort mit der Heiden Musika!
Davidis frommer Harfenklang
Begleite meinen Lobgesang!
Mein Psalm ertönt: Halleluja!

 


 

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