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Gedichte

Gustav Falke: Gedichte - Kapitel 97
Quellenangabe
titleGedichte
authorGustav Falke
modified20170815
typepoem
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Gefangen

        Aus einer engen, wirren Wildnis sucht
Ich einen Ausweg, doch am Ende stand
Mit einer wehrenden Geberde: Ich.
Nicht heftig, aber zwingend. Also ruhig
Und forschend richtete ich meinen Blick
Auf mich, daß ich betroffen rückwärts trat
Und langsam und von Graun gepackt entwich.

Ich suchte einen andern Weg und fand
Am Ausgang mich und ging zurück, und immer
Fand ich am Ende eines jeden Wegs
Denselben Wächter, daß ich schaudernd floh.

Stolz, Ehrgeiz, Lüge, Wollust, Haß und Neid,
Jedwede Leidenschaft trug meine Züge
Und schreckte mich. Auch Gram und Liebesleid,
Auch blasse Reue mit verquälten Seufzern,
Und Wahnsinn mit erloschnen blöden Augen.
So viel der Tore, so viel Hüter grinsten
Mit einem lautlosen Zurück mich an.

Dann aber fand ich einen scheuen Jungen,
Dem deckte Scham die weichen Wangen, als er
Mich kommen sah, und seine Miene sprach
Fast demutvoll: Verzeih, daß ich hier stehe.

Da faßte Wut mich: Fratze, bist du ich?
Feigling, Erbärmling, gib mir Raum. Und jäh
Schoß tieferer Purpur über seine Schläfen,
Und seine Augen hob er meinem Schimpf
Verwirrt entgegen. Und ich hob die Faust.
Da fiel er totenblaß mir in den Arm,
Und seine Augen riefen, schrien: Schlag nicht!
Ich aber, zornig, rang mit ihm, und rang
Drei Tage und drei Nächte lang, und warf
Ihn nicht, und ließ erschöpft von ihm, und wich
Schrittweis und Blick in Blick. Der seine war
Voll stillen Vorwurfs und verstörter Scham.

Und ich verkroch mich unter einen Busch,
Und meine Wächter folgten mir und spähten
Aufdringlich durch das schwarze Laub
Und quälten mich.

 


 

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