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Gedichte

Gustav Falke: Gedichte - Kapitel 59
Quellenangabe
titleGedichte
authorGustav Falke
modified20170815
typepoem
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Ein Gang durchs Fischerdörfchen

        Wenige Hütten, gedeckt
Mit überragenden Schindeln.
Manche versteckt,
Wies Kind in den Windeln,
Hinter Apfelbaumgezweig
Und gegen den Steig
Von hohen Dornen eingeheckt.

Vorm Haus,
Kraus
Zwischen Kraut und Nesseln,
Nelken und Georginen;
Hinter den Fenstern und Gardinen
Geranien, Goldlack und wieder Nelken,
In Scherbenfesseln
Bestimmt zu welken.

Fischergerät, Netze und Schnüre
Vor jeder Türe;
Hin und wieder ein frommer Spruch,
Und überall Fischgeruch.

Im Sonnenbrande
Spielende Kinder im Sande,
Schmutzig und putzig,
Halb scheu und stutzig,
Halb dreist,
Und barfuß zumeist.

Auf niederm Sitz
Der Schwelle hingeduckt
Ein altes Mütterchen hockt.
Kartoffel schälend guckt
Sie her und lockt
Mit zitterndem Stimmchen aus zahnlosem Mund
Den klaffenden Hund:
Komm Spitz!

Eine Gänseherde schnattert vorbei.
Ein Mädchen vollbusig und drall
Bringt eine Ziege zu Stall
Oder auf die Wiese.
»Was macht der Schatz, Liese?«
Wie verschämt sie tut. Ei,
Und sich umsieht und lacht.
Nimm dich in acht!

Vorm Wirtshaus Entengeschwatz
Auf dem grasbewachsenen Platz
Und daneben
Auf dem übelriechenden Teich.
Soeben
Krähen zwei Hähne zugleich,
Und die Störchin vom Scheundach herab
Klappert: klappklappklapp!
– Klapp!

Schwalben schießen wie Pfeile
Kreuz und quer über den Weg,
Haben immer Eile,
Sind immer reg,
Zierlich und schlank,
Blitz und blank.

Aus dem Schulhaus,
Neu aus roten Ziegeln erbaut,
Schallts hell heraus:
»Weißt du, wie viel Sternlein stehn –«
Der alte Lehrer singt für zehn
Und fiedelt dazu.
Hartnäckig dazwischen brüllt eine Kuh
Von naher Wiese, immer gleich kläglich.
Es ist unerträglich.

Weiter, beim Kirchhof zum Dorf hinaus,
Das letzte Haus sieht wie das erste aus:
Klein, dürftig und schmutzig.
Auf niedrigem Kirchdach kauert,
Wie versauert,
Als ob er die Lust an der Welt verlor,
Der Turm, gar putzig,
Mit runder Haube,
Und lugt aus dem Laube
Breitästiger Linden grämlich hervor.
Über die Friedhofsmauer hängt,
Die Wurzel zwischen die Quader gezwängt,
Schwarzgrüner Efeu, und höher, im Hauch
Des Windes, wiegt sich am Strauch
Ganz leise, leise
Eine dunkelrote Rose.

 


 

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