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Gustav Theodor Fechner: Gedichte - Kapitel 6
Quellenangabe
titleGedichte
authorGustav Theodor Fechner
modified20170815
typepoem
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Die junge Pflanze

1.
                        Das Samenkorn im Boden lag,
Von edeln Säften schwellend
und aufwärts nach dem heitern Tag
In raschen Trieben quellend.

Der vollen Jugend erste Kraft,
Vom jungen Lenz verliehen,
Ein gärend Leben in dem Saft
Läßt es den Boden fliehen.

O wüßtest du, welch farbig Kleid
Vom Lichte wird gewoben,
Wie groß der Liebe Seligkeit,
Die deiner wartet droben,

Und kenntest du den Hauch so lind,
Der jenseits süß dich schaukelt,
Von Blumenkind zu Blumenkind
Die Düfte tragend gaukelt;

Und wüßtest du, wie du im Tau
Des Morgens schön wirst prangen,
Wie süß am Abend, mild und lau,
Der Schlaf dich wird befangen;

Wie tausend Schwestern dort mit dir
Des Lichtes Wonne teilen:
Ja wußtest du's, du würdest schier
Noch rascher aufwärts eilen.

Noch weißt du's nicht, doch Ahnung spricht
Zu dir, du zarte Pflanze;
Folg' ihr, brich durch die dünne Schicht
Und bade dich im Glanze.

 
2.
Der Frühling ging, der Sommer kam,
Hin trat ich zu der Wiese,
Wo ich vom Keime Abschied nahm,
Daß ich die Blume grüße;

Und dachte, daß sie strahlend nun
Im bunten Kleide schwelle,
Um farbensatt bald auszuruhn; –
Ein Stein lag an der Stelle.

Nichts fühlend, starr, dem Lichte gram,
Drückt er das Pflänzchen nieder;
Als ich ihn von der Stelle nahm,
Da kannt' ich kaum es wieder.

Von kalter Grabesluft gebleicht,
Von Sehnsucht hingeschwunden
Hat's um den Stein, der nimmer weicht
Wie flehend sich gewunden;

Trinkt selig jetzt vom Sonnenlicht,
Will ihm entgegenstreben;
Der Armen, ach, die Kraft gebricht,
Im Licht erlischt ihr Leben.

 
Kinder im Sande
Zwei Kinder im Sand an der Sonnen
Dort spielen so munter und froh,
O Tage, wo ich mit Wonnen
Trieb Spiele noch eben so!

Sie schaun nach dem grämlichen Manne:
Komm, komm, damit er nicht schilt!
Die Kinder laufen von dannen,
Von dannen das freundliche Bild.

 
Der Hahnenschrei
Vorlängst, als ich nach Mitternacht
Von meinem Schlummer bin erwacht,
Sah ich zu meinem Haupte sitzen
Ein schwarzes Ding, des Aug' tät blitzen.

Ich dacht', 's ist eine Fledermaus,
Und jagt' das schwarze Ding hinaus;
Gleich kamen wieder zweie, dreie;
Verjagt' ich die, wohl hundert neue.

Sie tanzten um mich mit Geschwirr,
Im Kopfe wurde mir ganz wirr,
Und riefen: wir sind deine Sorgen,
Die gestern du bestellt auf morgen.

Dacht' schon, es sei um mich getan,
Da tat den ersten Schrei der Hahn,
Ein Frührotstrahl quoll durch das Fenster:
Und spurlos schwanden die Gespenster.

 
Die vier Hühnchen
Der Hahn hat mir heut Morgen früh
Erzählet dies Geschichtchen hie.

Es ist nun gerade Jahr und Tag,
Wie ich mich wohl erinnern mag,
Da saßen vier Hühnchen auf einem Stakete,
Worüber ein grünes Zweiglein wehte.

Die Hühnchen, die wollten recht lustig sein,
Da fiel's dem einen der viere ein,
Hinaufzuspringen zum Zweiglein oben,
Das wollten die andern auch erproben.

Wohl dreien der Sprung ganz gut gelang,
Das vierte leider zu niedrig sprang;
Die droben erhoben ein frohes Gekrähe,
Das unten, das schrie Zeter und Wehe.

Die dreie wollten recht lustig sein,
Da fiel's dem einen der dreie ein,
Zu springen noch nach dem Zweiglein darüber;
Ei, riefen alle, je höher, je lieber!

Wohl zweien der Sprung ganz gut gelang,
Das eine leider zu niedrig sprang;
Die oben erhoben ein frohes Gekrähe,
Die unten schrien Zeter und Wehe.

Die zweie wollten recht lustig sein,
Da fiel's dem einen der zweie ein,
Hinaufzuspringen noch vollends zur Spitzen;
Das andere rief: da will ich mit sitzen.

Dem einen der Sprung ganz gut gelang,
Das andere leider zu niedrig sprang;
Das droben erhob ein frohes Gekrähe,
Die unten schrien Zeter und Wehe!

Das Hühnchen, das jetzt saß oben drauf,
Seitdem zum großen Hahn wuchs auf;
Der hat sich den Baum zum Sitz erwählet,
Das ist der Hahn, der dies erzählet.

Die unten schrien noch lange Glucks,
Da kam und fraß sie alle der Fuchs;
Den droben mußt' er sich lassen vergehen,
Der lacht' ihn aus von seinen Höhen.

So geht es zu in dem Hühnerreich,
Es will jedes auf einen grünen Zweig;
Doch alle können nicht oben sitzen,
Drei fallen, eines gelangt zur Spitzen.

 
Der Mäusehimmel
Ein Mäuslein sprach einst zu der Maus:
Wenn sein wird unser Leben aus,
Das wir geführt auf dieser Erden,
Was wird doch künftig aus uns werden?

Die Maus spricht: Mäuslein, hast du hier
Gelebt in Tugend für und für,
Wirst du zwei schöne Flügel kriegen,
Als Engel in den Himmel fliegen;

Wirst finden dort ein voll Gedeck
Von himmlischem statt ird'schem Speck,
Wirst schweben hoch ob allen Katzen,
Und nimmer fürchten ihre Tatzen.

Das Mäuslein spricht: o Seligkeit,
Hätt' ich doch schon mein Engelskleid!
Doch sprich, will's denn kein Engel gönnen,
Daß wir ihn hier schon schauen können?

Die Maus zum Mäuslein spricht darauf:
Wer schaut recht stet nach oben auf,
Dem mag's zuweilen wohl geschehen,
Daß sich ein Engel lässet sehen.

Das Mäuslein schrieb sich's in den Sinn,
Lief manchen Tag noch her und hin,
Und kam, verlockt durch Wohlgerüche,
Einstmals auch auf den Herd der Küche.

Als es da hat empor geblickt,
Wie wird sein ganzer Sinn entzückt!
Erfüllet ist nun all sein Hoffen,
Den Himmel sieht's auf einmal offen.

Der hänget ganz voll Himmelsspeck,
Und wirkend an dem höhern Zweck
Schaut nieder auf die Welt voll Mängel
Die Fledermaus als Mäuseengel.

Das Mäuslein, dem ward dies Gesicht,
Vergaß es all sein Lebtag nicht;
Ein Maler ward's von heil'gen Bildern,
So schön wußt' Engel kein's zu schildern.

O Mäuslein, wie verdienst du Neid!
Der Mensch niemals bracht' es so weit,
Daß er den Himmel, den er baute,
Auch leiblich hier mit Augen schaute.

 


 

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