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Johannes Daniel Falk: Gedichte - Kapitel 9
Quellenangabe
titleGedichte
authorJohannes Daniel Falk
modified20170815
typepoem
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Das Schlachtfeld auf Mons

Zweyte Rhapsodie

1.
                        Ach, wie ist’s nun so todtenstille!
Vergossen ist der Krieger Blut;
Verhallt der Donner laut Gebrülle;
Versöhnt der Menschen Tygerwuth;
Das Mitleid kehrt in ihren Blick,
Die Menschlichkeit ins Herz zurück;
Dem starren Aug’ entlokt die Wehmuth heisse Thränen
Beym Anblick dieser grausen Scenen.
2.
Nun sucht der Waffenfreund den alten Waffenfreund;
Auf Todten finden sie sich wieder,
Und schütteln sich die Hand und jauchzen laut wie Brüder,
Die scheiterten, wann sie ein naher Strand vereint.
Doch viele wandelten ins stumme Reich der Schatten.
Von diesen sucht der Freund die heil’gen Reste auf,
Mit frommer Hand sie zu bestatten,
Und lässt den Thränen freyen Lauf.
3.
Hier liegt, zerschmettert vom Geschütze,
Ein blüh’nder Sohn, des alten Vaters Stütze. –
Ach einsam harrt der blinde Greis daheim,
Am Fenster seiner stillen Hütte,
Und lauscht im Dunkel auf des lieben Sohnes Tritte –
Ach nimmer, nimmer kehrt er heim! - -
Der alte Mann wird seinen Tod erfahren,
Und ach! sein graues Haupt vor Gram zur Grube fahren.
4.
Hier sank ein Vater. Sein Gebein
Wird fern von Weib und Kind im fremden Lande modern;
Die Gattin härmt sich ab im öden Kämmerlein,
Wann Kinder sehnsuchtsvoll von ihr den Vater fordern,
Und täuscht, vertröstend, sie auf seine Wiederkehr.
Sie harren lang. Einst kehrt im Siegesklang das Heer;
Wo ist mein Vater? ruft mit Ungestüm der Knabe;
Dann bricht sie schluchzend aus: Ach, liebes Kind, im Grabe!
5.
Hier haucht ein Jüngling, halb zerrissen,
Sein sanftes Leben aus. Dem Arm der Braut
Entwand er sich und ihren Abschiedsküssen,
Und Freyheit war sein letzter Laut.
Das Mägdlein grämt daheim sich bleich und hager;
Die schwarze Ahndung zeigt ihr oft um Mitternacht
Das Bild des blutenden Geliebten in der Schlacht,
Und schreckt sie wild empor vom nassgeweinten Lager.
6.
Wer aber ist der jugendliche Held,
Aus dessen Brust so laut des Lebens Quelle sprudelt,
Und dessen Anlitz, selbst von Staub und Blut besudelt,
Durch sanften Reitz im Tode noch gefällt? –
Hier sank er im Gewühl von Reisigen und Rossen –
Sein gelbgelocktes Haupt, sein zarter Leib,
Sein blaues Auge halb geschlossen –
Täuscht mich mein Blick? Wie, seh ich recht?
Ein Weib?
7.
Entflieht, entflieht ihr Töchter sanfter Freude!
Wer leitet euern Pfad ins ernste Blutgefild?
Wer hat mit diesem Kriegsgeschmeide
Den feinen Gliederbau umhüllt?
Der zarten Weiblichkeit verschämte Freuden winken
Mit einem süssern Tod. Uns ziemt das blut’ge Recht,
Dem rauhen Manne ziemt’s, im heissen Kampf zu sinken.
Entflieht! Vertilgt nicht auch das keimende Geschlecht!
8.
Du aber, himmlische Begeistrung stimme
Herab den kriegerischen Klang,
Und lisple lesbischen Gesang.
Dass zärtliche jedes Aug’ in Thränen schwimme.
Und wenn dein leiser Laut zur Nachwelt überschwebt,
Noch oft die Enkelin mit sanfter Schau’r erbebt;
Sing von dem Heldenmuth Vivonnens, und verkünde
Die Liebe und den Tod der schönen Adelinde!
9.
Dort, wo die spiegelnde Garonne, rundumpflanzt
Von Weingebirgen, froh umhüpft von Winzerinnen,
Und von der Sichelklang begrüsst, ins Weltmeer tanzt,
Liegt im Gebüsch versteckt, wie von den Huldgöttinnen
Zum Reihen auserseh`n, geborgen vor dem Strahl
Der Sonne, ein romantisch Thal.
In sanften Krümmungen vom klaren Strom durchschnitten
Und um und um bekränzt mit grünen Winzerhütten.
10.
Nie unterbrach des Lebens süssen Traum
In dieser holden Au der ungestüme Mangel;
Hier bog der Ueberfluss den reifen Dattelbaum,
Glüht’ in der Traube, zappelt’ an der Angel,
Und spann im Seidenwurm. In diesem Himmelsstrich,
Der keinem Paradies an Anmuth wich,
Erblikten Adelinde und Vivonne
Zuerst das goldne Licht der Sonne.
11.
Durch nichts als eine Hüttenwand
Getrennt, und seit dem Gängelband
Vereint – Was Wunder, wenn im ersten Flügelkleide
Ein zartes Bündnis schon die Liebenden verband,
Dass Adelinde jede Freude,
War nicht Vivonne da, nur halb empfand,
dass man sie überall im Garten, Feld und Heide
Als Kinder schon zusammen spielend fand.
12.
Sobald der Winter wich, und laue Winde
Um Blumen gaukelten, die Lerche wieder sang
Die Störche klapperten und der Garonne Münde
Von weissen Seegeln schwoll, von Schiffsgesang erklang,
Dann trippelte sogleich die kleine muntre Dirne
Ihr Körbchen unter’m Arm ins Veilchenthal, und wand
Sich einen Veilchenkranz, und band
Ihn süsserröthend um Vivonnens Stirne.
13.
Auch von Vivonnens Seite ward,
Die kleine Dirne liebzukosen,
Wie leicht zu denken, nichts gespart:
Er flocht ihr Lauben, pflanzt’ ihr Rosen,
Er bracht’ ihr Feigen, Aprikosen
Und bunte Schmetterling’, so kam er leis’ herangeschritten
Mit Blumen sie zu überschütten.
14.
Kein Sprössling, der im Thale sich erhub,
Und jungen Schatten warf, Vivonne grub
Alsbald in seine zarte Rinde
Den süssen Namen Adelinde.
So schlich sich unter Spiel und Scherz
Der Liebe süsses Gift in beyder Herz:
Sie ahneten kein Arg. Einst aber zog Vivonne
Zu einem Oheim jenseits der Garonne.
15.
Da wurden sie zuerst gewahr,
Wie unentbehrlich Eins dem Andern war.
Nie hatte sie den Höllenschmerz empfunden,
Den sie empfand, als nun im blassen Abendroth
Die Flaggen von dem kleinen Boot,
Auf dem ihr Liebling fuhr, dem nassen Aug’ entschwunden.
Nie war’s ihm so beklemmt, so bang und wehmuthsvoll,
Als da er von ihr scheiden soll.
16.
Kein Spiel ergötzte mehr die schöne Adelinde;
Schwarz war das Morgenroth, öd’ ihr Orangenhain,
Verwelkt das frische Grün von ihrer Lieblingslinde,
Verhasst war ihr des Mondes Silberschein;
Vivonne lispelt’s sanft von allen Zweigen,
Sie glaubt sein Bildnis überall zu sehn,
Sie sieht’s dem grauen Schooss der Flut entsteigen,
Hört seine Stimme sanft herüberwehn.
17.
Von Thränenströmen ward auch sein Gesicht nicht trocken,
Ihm fehlt’ auf seiner Fahrt, er wusste selbst nicht was;
Bald schlug das Herz ihm laut, bald fühlt’ er’s wieder stocken;
In Träumerey versunken sass
Er einen Augenblick, dann fuhr er, halb erschrocken,
Von seinem Sitz empor, und wurde roth und blass,
Wann die Gefährten in dem Nachen
Von Adelindens Reizen sprachen.
18.
Man landet in der kleinen Bay,
An der sein Oheim eine Siedeley,
Von Wald und Wasser lieblich eingeschlossen,
Bewohnte. Hier fand seine Schwärmerey
Zerstreuung. – Ein’ge Tage flossen
Mit Jagd, und Vogelfang, und Fischerey vorbey;
Am vierten bat er schon mit nassen Blicken
Den Oheim, ihn zurückzuschicken.
19.
Und Adelinde sass auf ihrer Rasenbank,
In einer Rosenlaub’, am Ufer der Garonne;
Ihr trüber Blick begleitete die Sonne,
Die majestätisch jetzt in Westen niedersank.
O wer beschreibt die namenlose Wonne,
Als aus dem schattenden Gebüsch Vivonne,
Der eben landete, auf einmal sprang
Und unter tausend Küssen sie umschlang.
20.
Tief in der Seeligkeit des Wiederseh’ns versunken,
Liegt von der Liebe süsser Macht besiegt,
Von tausend Himmelsfreuden trunken,
An ihre Brust der Jüngling angeschmiegt;
Fühlt ihre Lipp’ an seiner Lippe brennen,
Fühlt wie, von Liebesflammen aufgeregt
Ihr zitternd Herz an seinem Herzen schlägt,
Und schwört, sich nie von ihr zu trennen.
21.
Schon schimmert über’s dämmernde Gebüsch
Im Sternengürtel zauberisch
Die stille Nacht empor; einsiedlerisch
Entsteigt der Silbermond dem schwarzen Strom und spiegelt
Sich in der Wasserfluth, durchblickt verrätherisch
Der Laube Grün, wo sie den Liebesbund versiegelt;
Da wandeln beyde Hand in Hand
Nach ihrer Hütt’, entlang dem monderhellten Strand.
22.
Je mehr und mehr sah jetzt das ungewarnte Paar
Im labyrinthischen Gewinde
Der Liebe sich verstrickt, selbst ihre Unschuld war
In beyder Brust der Keim zur süssen Sünde. –
Vorüber rauscht’ ein ganzes Jahr
In diesem Uebermaass von Seligkeiten:
Auf einmal scholl’s von allen Seiten:
Das Vaterland ist in Gefahr!
23.
Von Waffen blitzen alle Strassen,
Ganz Frankreich gürtet sich, zum blut’gen Kampf bereit;
Der Heerd, der Pflug, die Werkstatt wird verlassen,
Und Greis und Jüngling stürzen in den Streit.
Verdün und Longwy sind in Feindes Hand,
Fayette selbst verlässt das Vaterland,
Und Held Dümourier steht mitten
Im steinigten Gefild Champagnens abgeschnitten.
24.
Ich war ein Mann und bin ein Greis geworden,
So rief Vivonnens Vater ingrimmsvoll;
Und diesen Tag soll ich erleben? Soll
Erleben, wie diess rauhe Volk aus Norden
In Frankreichs Fluren reissend bricht?
Wankt nicht schon Thionville? Ist Longwys Veste nicht,
Nicht Verdün schon ein Raub der Preussen?
Auf, Jüngling, greife nach dem Eisen!
25.
Die altersschweren Kniee wanken,
Und unterm Schwert erzittert dieser Arm,
Doch eh ichs dulde, dass das edle Volk der Franken
Erschrickt vor einem Räuberschwarm,
Eh soll mein graues Haupt von Blut sich purpurn färben.
Dann lerne für sein Vaterland
Von einem Greis der Jüngling sterben!
Komm, reiche mir den Stahl von jener Wand.
26.
Mit thränenlosem Aug umgürtet Adelinde
Des Jünglings Hüfte mit dem Schwerdt.
Zeuch hin, ruft sie, und sey des Vaterlandes werth,
Der Freiheit heil’ges Feur entzünde
Mit Heldensinn, mit Kriegeslust
Und hohen Trieben diese Brust
Zeuch hin. Mit narbenvollen Wangen
Werd ich dich siegreich einst empfangen.
27.
Drey Tage zog der Jüngling mit dem Alten
Durch Feld und Hayn, durch Berg und Thal;
Am vierten Abend, da sie just ihr kleines Mahl
Im Schatten eines Baum’s gehalten,
Erschien ein feingebauter Mann,
Geschmückt mti funkelndem Geschmeide,
Den Hut ins Aug gedrückt, und da er höflich beyde
Gegrüsst, so bot er sich zum Reisgefährten an.
28.
Die zarte Hand, der Wangen junge Rosen,
sein Anstand, sein gefäll’ger Gang,
Sein bartlos Kinn, der Stimme Silberklank,
Die Locken die vom weissen Nacken flossen,
Verriethen bald, wer dieser Fremdling sey.
Wer kann der Liebe Scharfblick hintergehen?
Vivonnens Aug durchdringt die Mummerey,
Und sieht sein Mädchen vor sich stehen.
29.
Umsonst ermahnt, befiehlt und droht
Der Greis; umsonst beschwört mit tausend Zähren
Der Jüngling sie, zurückzukehren.
Nichts mehr von Trennung, nichts!
Ich folg euch in den Tod,
So rief entschlossen Adelinde;
Weit besser, dass er mich an eurer Seite trifft,
Als dass ich von verborgnem Gift
Verzehrt, langsam zum Grabe schwinde!
30.
Gespornt von Ungeduld, bald auf des Ruhmes Bahnen
Willkommene Gefahren zu bestehn,
Erreichen sie die vaterländ’schen Fahnen,
Die vor Gemappe ausgebreitet wehn.
Hier sah man sie vereint die schwersten Kämpfe theilen,
Bis jener Tag erschien, wo, angeführt vom Sieg,
Der Franken Heer, trotz Klairfaits Donnerkeulen,
Die furchtbare Verschanzungen erlieg.
31.
Schon wich der Feind von allen Seiten,
Als unbezähmter wilder Kriegesgeist,
Den Flügel, wo der Greis und Adelinde streiten,
Tief in der Feinde dichte Haufen reisst.
Er sieht von deutschen Reitern sich umrungen,
Die mörderisch durch seine Glieder mähn,
Durch Menge wird die Tapferkeit bezwungen,
Und niemand kann dem Andrang widerstehn.
32.
Nicht weit davon empfieng Vivonnens Heldenmuth
Der Feinde hochgeschwollne Fluth
Mit starkem Arm gleich einer ehrnen Mauer,
Bis Mark und Kraft aus seiner Faust entwich.
Da blickt er um, und – kalte Schauer
Ergreifen ihn – er sieht von seinen Theuren sich
Gerissen, sieht den Greis erschöpft zu Boden sinken,
Und Säbel blitzen über Adelinden.
33.
Nacht wirds vor seinem Angesicht,
In seinem Ohr verstummt das Schlachtgetümmel,
Besinnungslos starrt er zum Himmel,
Ein fürchterlicher Kampf – dann siegt die Kindespflicht,
Und wüthend rennt er fort, dem Vater beyzuspringen.
Schon hat er sich durch Feind und Leichen Bahn gemacht.
Entreisst sein Haupt den schon gezückten Klingen,
Und trägt mit starkem Arm ihn aus der Schlacht.
34.
Er kommt zurück. Der Feind ist auf der Flucht.
Doch keine Spur von Adelinden.
Nachdem er lang verzweifelnd sie gesucht,
Sieht er – o ewiges Geschick! Lass ihn erblinden!
Entseelt sie auf dem Wahlplatz ausgestreckt,
Der Grund wankt unter seinen Füssen,
Lautschreiend stürzt er an ihr hin, bedeckt
Den bleichen Mund mit glüh’nden Küssen.
35.
Mit starrem thränenlosem Blick,
Umklammert er die kalte Hülle;
Sein Geist versinkt in fürchterliche Stille,
Doch bald ruft ihn der Schmerz zurück.
Auf springt er mit empor gesträubten Haaren,
Und wo des Grabes offner Rachen droht,
Im dichtesten Gedräng der Schaaren,
Sucht er – und findet er den Tod.

 


 

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