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Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte - Kapitel 524
Quellenangabe
titleGedichte
authorJohann Wolfgang von Goethe
typepoem
created20170703
correctorgerd.bouillon@t-online.de
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Neugriechische Liebe-Skolien.

1.

                  Diese Richtung ist gewiß,
Immer schreite, schreite!
Finsterniß und Hinderniß
Drängt mich nicht zur Seite.

Endlich leuchtest meinem Pfad,
Luna! klar und golden;
Immer fort und immer grad
Geht mein Weg zur Holden.

Nun der Fluß die Pfade bricht,
Ich zum Nachen schreite,
Leite, liebes Himmelslicht!
Mich zur andern Seite.

Seh' ich doch das Lämpchen schon
Aus der Hütte schimmern;
Laß um deinen Wagenthron
Alle Sterne glimmern.


2.

Immerhin und immerfort,
Allzuschön erscheinend,
Folgt sie mir von Ort zu Ort,
Und so hab' ich weinend

Ueberall umsonst gefragt,
Feld und Flur durchmessen;
Auch hat Fels und Berg gesagt:
Kannst sie nicht vergessen.

Wiese sagte: Geh nach Haus,
Laß dich dort bedauern,
Siehst mir gar zu traurig aus,
Möchte selber trauern.

Endlich fasse dir ein Herz
Und begreif's geschwinder:
Lachen, Weinen, Lust und Schmerz
Sind Geschwisterkinder.


Einzelne.

Hebe selbst die Hindernisse,
Neige dich herab, Cypresse!
Daß ich deinen Gipfel küsse
Und das Leben dran vergesse.

Eure Gärtnerei zu lernen
Könnte nimmermehr verlangen;
Mein Jasmin ist fortgegangen,
Meine Rose weilt im Fernen.

Die Nachtigall, sie war entfernt,
Der Frühling lockt sie wieder;
Was Neues hat sie nicht gelernt,
Singt alte, liebe Lieder.

Luna, solcher hohen Stelle
Weiten Umblick neid' ich dir;
Sei auch der Entfernten helle,
Aber äugle nicht mit ihr.

Liebevoll und frank und frei
Riefst du mich heran;
Langsam geh' ich nun vorbei:
Siehst du mich denn an?

Ringlein kauft! geschwind, ihr Fraun!
Möcht' nicht weiter wandeln:
Gegen Aug' und Augenbraun
Wollt' ich sie verhandeln.

Ach Cypresse, hoch zu schauen,
Mögest du dich zu mir neigen;
Habe dir was zu vertrauen,
Und dann will ich ewig schweigen.

Harre lieblich im Kyanenkranze,
Blondes Mädchen, bleib' er unverletzt,
Auch wenn Luna in Orion's Glanze
Wechselscheinend sich ergetzt.

Weiß ich doch, zu welchem Glück
Mädchen mir emporblüht,
Wenn der feurig schwarze Blick
Aus der Milch hervorsieht.

Von der Rose meines Herzens
Pflücktest Blätter nach Gefallen,
Sind vor Gluth des Scheideschmerzens
All die andern abgefallen.

Liebt' ich dich als Kleine, Kleine,
Jungfrau warst du mir versagt:
Wirst doch endlich noch die Meine,
Wenn der Freund die Wittwe fragt.

 


 

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