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Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte - Kapitel 353
Quellenangabe
titleGedichte
authorJohann Wolfgang von Goethe
typepoem
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correctorgerd.bouillon@t-online.de
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Zahme Xenien

                »Warum willst du dich von uns allen
Und unsrer Meinung entfernen?«
Ich schreibe nicht, euch zu gefallen;
Ihr sollt was lernen!

»Ist denn das klug und wohlgetan
Was willst du Freund' und Feinde kränken?«
Erwachsne gehn mich nichts mehr an,
Ich muß nun an die Enkel denken.

Ein alter Mann ist stets ein König Lear! –
Was Hand in Hand mitwirkte, stritt,
Ist längst vorbeigegangen;
Was mit und an dir liebte, litt,
Hat sich woanders angehangen.
Die Jugend ist um ihretwillen hier,
Es wäre törig, zu verlangen:
Komm, ältele du mit mir.

Wonach soll man am Ende trachten?
Die Welt zu kennen und sie nicht zu verachten.

Hast du es so lange wie ich getrieben,
Versuche wie ich das Leben zu lieben.

Nichts vom Vergänglichen,
Wie's auch geschah!
Uns zu verewigen,
Sind wir ja da.

»Sag nur, wie trägst du so behäglich
Der tollen Jugend anmaßliches Wesen?«
Fürwahr, sie wären unerträglich,
Wär ich nicht auch unerträglich gewesen.

Mir will das kranke Zeug nicht munden,
Autoren sollten erst gesunden.

Mit Narren leben wird dir gar nicht schwer,
Versammle nur ein Tollhaus um dich her.
Bedenke dann, das macht dich gleich gelind,
Daß Narrenwärter selbst auch Narren sind.

»Da reiten sie hin! wer hemmt den Lauf?«
Wer reitet denn? »Stolz und Unwissenheit.«
Laß sie reiten! da ist gute Zeit,
Schimpf und Schande sitzen hintenauf.

»Wie ist dirs doch so balde
Zur Ehr und Schmach gediehn?«
Blieb der Wolf im Walde,
Würd er nicht beschrien.

»Triebst du doch bald dies, bald das!
War es ernstlich, war es Spaß?«
Daß ich redlich mich beflissen,
Was auch werde, Gott mags wissen.

»So sei doch höflich!« – Höflich mit dem Pack?
Mit Seide näht man keinen groben Sack.

Was euch die heilige Preßfreiheit
Für Frommen, Vorteil und Früchte beut?
Davon habt ihr gewisse Erscheinung:
Tiefe Verachtung öffentlicher Meinung.

Wer den Dichter will verstehen,
Muß in Dichters Lande gehen.

Ich bin so guter Dinge,
So heiter und so rein,
Und wenn ich einen Fehler beginge,
Könnts keiner sein.

»Manches können wir nicht verstehn.«
Lebt nur so fort, es wird schon gehn.

Ich habe gar nichts gegen die Menge;
Doch kommt sie einmal ins Gedränge,
So ruft sie, um den Teufel zu bannen,
Gewiß die Schelme, die Tyrannen.

Wenn ich kennte den Weg des Herrn,
Ich ging' ihn wahrhaftig gar zu gern;
Führte man mich in der Wahrheit Haus,
Bei Gott! ich ging' nicht wieder heraus.

Habt ihr gelogen in Wort und Schrift,
Andern ist es und euch ein Gift.

»Du hast nicht recht!« Das mag wohl sein;
Doch das zu sagen, ist klein;
Habe mehr Recht als ich! das wird was sein.

Hätte Gott mich anders gewollt,
So hätt er mich anders gebaut;
Da er mir aber Talent gezollt,
Hat er mir viel vertraut.
Ich brauch es zur Rechten und Linken,
Weiß nicht, was daraus kommt;
Wenns nicht mehr frommt,
Wird er schon winken.

»Du hast Unsterblichkeit im Sinn;
Kannst du uns deine Gründe nennen?«
Gar wohl! Der Hauptgrund liegt darin,
Daß wir sie nicht entbehren können.

All unser redlichstes Bemühn
Glückt nur im unbewußten Momente.
Wie möchte denn die Rose blühn,
Wenn sie der Sonne Herrlichkeit erkennte!

Gern hören wir allerlei gute Lehr,
Doch Schmähen und Schimpfen noch viel mehr.

»Was hat dich nur von uns entfernt?«
Hab immer den Plutarch gelesen.
»Was hast du denn dabei gelernt?«
Sind eben alles Menschen gewesen.

Du sehnst dich, weit hinaus zu wandern,
Bereitest dich zu raschem Flug;
Dir selbst sei treu und treu den andern,
Dann ist die Enge weit genug.

Halte dich nur im stillen rein
Und laß es um dich wettern;
Je mehr du fühlst, ein Mensch zu sein,
Desto ähnlicher bist du den Göttern.

Sie täten gern große Männer verehren,
Wenn diese nur zugleich auch Lumpe wären.

Vom Vater hab ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
Urahnherr war der Schönsten hold,
Das spukt so hin und wieder;
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
Das zuckt wohl durch die Glieder.
Sind nun die Elemente nicht
Aus dem Komplex zu trennen,
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?

Wer mit dem Leben spielt,
Kommt nie zurecht;
Wer sich nicht selbst befiehlt,
Bleibt immer Knecht.

Könnt ich vor mir selber fliehn!
Das Maß ist voll.
Ach! warum streb ich immer dahin,
Wohin ich nicht soll?

Wer lebenslang dir wohlgetan,
Verletzung rechne dem nicht an.

Ich habe nichts gegen die Frömmigkeit,
Sie ist zugleich Bequemlichkeit;
Wer ohne Frömmigkeit will leben,
Muß großer Mühe sich ergeben:
Auf seine eigne Hand zu wandern,
Sich selbst genügen und den andern
Und freilich auch dabei vertraun:
Gott werde wohl auf ihn niederschaun.

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion;
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.

Am Jüngsten Tag, vor Gottes Thron
Stand endlich Held Napoleon.
Der Teufel hielt ein großes Register
Gegen denselben und seine Geschwister.
Gott Vater oder Gott der Sohn,
Einer von beiden sprach vom Thron:
»Wiederhols nicht vor göttlichen Ohren!
Du sprichst wie die deutschen Professoren,
Getraust du dich, ihn anzugreifen,
So magst du ihn nach der Hölle schleifen.«

»Warum denn wie mit einem Besen
Wird so ein König hinausgekehrt?«
Wärens Könige gewesen,
Sie stünden alle noch unversehrt.

Die stille Freude wollt ihr stören?
Laßt mich bei meinem Becher Wein;
Mit andern kann man sich belehren,
Begeistert wird man nur allein.

Amerika, du hast es besser
Als unser Kontinent, der alte,
Hast keine verfallenen Schlösser
Und keine Basalte.
Dich stört nicht im Innern
Zu lebendiger Zeit
Unnützes Erinnern
Und vergeblicher Streit.

Ein dürres Blatt, vom Wind getrieben,
Sieht öfters einem Vogel gleich.

Ein jeder kehre vor seiner Tür,
Und rein ist jedes Stadtquartier.

Ein jeder übe seine Lektion,
So wird es gut im Rate stohn.

Jüngling, merke dir, in Zeiten,
Wo sich Geist und Sinn erhöht:
Daß die Muse zu begleiten,
Doch zu leiten nicht versteht.

 


 

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