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Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte - Kapitel 202
Quellenangabe
titleGedichte
authorJohann Wolfgang von Goethe
typepoem
created20170703
correctorgerd.bouillon@t-online.de
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Kenner und Enthusiast.

        Ich führt' einen Freund zum Maidel jung,
Wollt' ihm zu genießen geben,
Was alles es hätt, gar Freud' genung,
Frisch junges warmes Leben.
Wir fanden sie sitzen an ihrem Bett,
Thät sich auf ihr Händlein stützen.
Der Herr der macht' ihr ein Compliment,
Thät gegen ihr über sitzen.
Er spitzt die Nase, er sturt sie an,
Betracht sie herüber, hinüber:
Und um mich war's gar bald gethan,
Die Sinnen gingen mir über.

Der liebe Herr für allen Dank
Führt mich drauf in eine Ecken,
Und sagt, sie wär' doch allzu schlank,
Und hätt' auch Sommerflecken.
Da nahm ich von meinem Kind Adjeu,
Und scheidend sah ich in die Höh':
Ach Herre Gott, ach Herre Gott,
Erbarm' dich doch des Herren!

Da führt' ich ihn in die Galerie
Voll Menschengluth und Geistes;
Mir wird's da gleich, ich weiß nicht wie,
Mein ganzes Herz zerreißt es.
O Maler! Maler! rief ich laut,
Belohn' dir Gott dein Malen!
Und nur die allerschönste Braut
Kann dich für uns bezahlen.

Und sieh, da ging mein Herr herum,
Und stochert' sich die Zähne,
Registrirt' in Catalogum
Mir meine Göttersöhne.
Mein Busen war so voll und bang,
Von hundert Welten trächtig;
Ihm war bald was zu kurz, zu lang,
Wägt' alles gar bedächtig.

Da warf ich in ein Eckchen mich,
Die Eingeweide brannten.
Um ihn versammelten Männer sich,
Die ihn einen Kenner nannten.

 


 

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