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Johann Wolfgang von Goethe: Gedichte - Kapitel 107
Quellenangabe
titleGedichte
authorJohann Wolfgang von Goethe
typepoem
created20170703
correctorgerd.bouillon@t-online.de
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Rechenschaft.

Der Meister.

        Frisch! der Wein soll reichlich fließen!
Nichts Verdrießlich's weh' uns an!
Sage, willst du mitgenießen,
Hast du deine Pflicht gethan?

Einer.

Zwei recht gute junge Leute
Liebten sich nur gar zu sehr;
Gestern zärtlich, wüthend heute,
Morgen wär' es noch viel mehr;
Senkte Sie hier das Genicke,
Dort zerrauft' Er sich das Haar;
Alles bracht' ich in's Geschicke,
Und sie sind ein glücklich Paar.

Chor.

Sollst uns nicht nach Weine lechzen!
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Aechzen und das Krächzen
Hast du heut schon abgethan.

Einer.

Warum weinst du, junge Waise?
»Gott! ich wünschte mir das Grab;
Denn mein Vormund, leise, leise,
Bringt mich an den Bettelstab.«
Und ich kannte das Gelichter,
Zog den Schächer vor Gericht,
Streng' und brav sind unsre Richter,
Und das Mädchen bettelt nicht.

Chor.

Sollst uns nicht nach Weine lechzen!
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Aechzen und das Krächzen
Hast du heut schon abgethan.

Einer.

Einem armen kleinen Kegel,
Der sich nicht besonders regt,
Hatt' ein ungeheurer Flegel
Heute grob sich aufgelegt.
Und ich fühlte mich ein Mannsen,
Ich gedachte meiner Pflicht,
Und ich hieb dem langen Hansen
Gleich die Schmarre durch's Gesicht.

Chor.

Sollst uns nicht nach Weine lechzen!
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Aechzen und das Krächzen
Hast du heut schon abgethan.

Einer.

Wenig hab' ich nur zu sagen;
Denn ich habe nichts gethan.
Ohne Sorgen, ohne Plagen
Nahm ich mich der Wirthschaft an;
Doch ich habe nichts vergessen,
Ich gedachte meiner Pflicht:
Alle wollten sie zu essen,
Und an Essen fehlt' es nicht.

Chor.

Sollst uns nicht nach Weine lechzen!
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Aechzen und das Krächzen
Hast du heut schon abgethan.

Einer.

Einer wollte mich erneuen,
Macht' es schlecht: Verzeih' mir Gott!
Achselzucken, Kümmereien!
Und er hieß ein Patriot.
Ich verfluchte das Gewäsche,
Rannte meinen alten Lauf.
Narre! wenn es brennt, so lösche,
Hat's gebrannt, bau wieder auf!

Chor.

Sollst uns nicht nach Weine lechzen!
Gleich das volle Glas heran!
Denn das Aechzen und das Krächzen
Hast du heut schon abgethan.

Meister.

Jeder möge so verkünden,
Was ihm heute wohl gelang!
Das ist erst das rechte Zünden,
Daß entbrenne der Gesang.
Keinen Druckser hier zu leiden,
Sei ein ewiges Mandat!
Nur die Lumpe sind bescheiden,
Brave freuen sich der That.

Chor.

Sollst uns nicht nach Weine lechzen!
Schnell das volle Glas heran!
Denn das Aechzen und das Krächzen
Haben wir nun abgethan.

Drei Stimmen.

Heiter trete jeder Sänger
Hochwillkommen in den Saal;
Denn nur mit dem Grillenfänger
Halten wir's nicht liberal;
Furchten hinter diesen Launen,
Diesem ausstaffirten Schmerz,
Diesen trüben Augenbraunen,
Leerheit oder schlechtes Herz.

Chor.

Niemand soll nach Weine lechzen!
Doch kein Dichter soll heran,
Der das Aechzen und das Krächzen
Nicht zuvor hat abgethan!

 


 

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