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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 80
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Frau Rösel

               

Frau Rösel ist eine gute Frau, wie liebt sie ihren König,
Den König und sein ganzes Haus, und isst und trinkt so wenig!
Die gute, arme Frau Rösel.

Und als es hiess, der junge Prinz wird seine Braut heimführen.
Da sprach der Vogt: »Auf, gute Frau! Ihr müsst das Haus verzieren!«
Die gute, arme Frau Rösel.

Nun hat Frau Rösel dick zu tun, wie trippelt sie und wie lauft sie!
Ein Dutzend Fähnchen und Goldpapier und junge Birken kauft sie,
Die gute, arme Frau Rösel.

Sie geht zu Wald und sammelt Moos, beim Nachbar bettelt sie Schnüre
Und alte Nägel und derlei Zeug, beim Schuster Kleister und Schmiere,
Die gute, arme Frau Rösel.

Dann schafft und keucht sie den ganzen Tag und sinnt und klopft und klittert,
Bis dass ihr Häuslein um und um behangen ist und beflittert,
Die gute, arme Frau Rösel.

Herr Bunzelmann, der alles kann, hilft ihr studieren und kleben,
Macht Wappen und Kron' und Namenszüg', trinkt zwölf Mass Bier daneben
Der guten, armen Frau Rösel.

Und aus dem letzten Groschen kauft sie Brot und frische Butter
Und sitzt vergnügt vor ihrem Haus und harrt der Landesmutter,
Die gute, arme Frau Rösel.

Doch ist sie müd, sie sitzt und schläft, hört nicht das Schiessen und Lärmen,
Und sie entschläft für allezeit, es kann sie nichts mehr härmen,
Die gute, arme Frau Rösel.

Sie sieht nicht, wie vorübertollt, als von der Luft getragen,
Im Sonnenschein der Freudenzug der königlichen Wagen,
Die gute, stille Frau Rösel!

Denn hinten auf dem hintersten im goldbetressten Kleide
Ein Jäger stand, der hiess der Tod, und löst sie von dem Leide.
Die gute, arme Frau Rösel!

Heut kommt der Vogt herbeigerannt und kratzt sich an den Ohren:
»Nun hab' die letzte Steuer ich aus eigner Schuld verloren
Am alten Weib, der Rösel!

Was soll ich denn dem toten Weib, dem hinterlist'gen, pfänden?
Es bleibt mir nichts als Flitterkram und welkes Laub in Händen!
Das schlechte Weib, die Rösel!«

Der Künstler auch, Herr Bunzelmann, er kam herbei gehunken:
»Gut ist es, dass mein Honorar ich auf der Stell' getrunken!«
Die gute, arme Frau Rösel.

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