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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 59
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Die Thronfolger

       

Hoffnungsblumen, Morgenröten,
Die am dunkeln Himmel blühn!
Und das Volk in seinen Nöten
Schaut erwartungsvoll das Glühn,
Harrt in Demut auf die Sonne,
Die da auferstehen soll,
Und von bessrer Zeiten Wonne
Wird sein leerer Becher voll.

Horch! Was flüstern diese Massen,
Und was reitet vom Palast
Schwarz ein Herold durch die Gassen,
Rufend mit gedämpfter Hast?
Hört! Der König ist gestorben,
Tot der alte Eigensinn!
Hat der Sohn das Reich erworben,
Ist auch unsre Not dahin!

Bald verhallt der dumpfe Klang von
Trauerglocken weit herum;
Festdrommeten harren lang schon
Und das treue Publikum:
Heil dem Prinz, der sich gebildet
Lang mit Männern, weis' und alt!
Heil uns selbst, wir sind geschildet
Gegen Willkür und Gewalt!

Morgenjubel ist verklungen,
Wetter hielt sich leidlich gut,
Und die Alten nebst den Jungen
Schlendern heimwärts wohlgemut.
Sieh, da tröpfelt's auf die Nase –
Spute sich, wer laufen mag!
Und dem kurzen Morgenspasse
Folgt ein langer Regentag.

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