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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 43
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Der Schöngeist

       

»O welch ein Duften, Rosalinde!
Im blütenüberfüllten Tal!
Durch das Gewölk, zerstreut vom Winde,
Bricht brennend rot der Abendstrahl;
Wie Feuer fliesst der Frühlingsregen,
Wie Feuer rollt es auf den Wegen
Und trieft's von jedem Zweig zumal!

Und siehst du dort die Gruppe ragen
Am Kreuzweg finster in die Glut,
In sich geschart, wie stumme Klagen,
Die malerische Lumpenbrut?
Ein volles Bild ist hier errichtet,
Ein jeder Zug ist wie gedichtet –
Heut sind uns, traun! die Musen gut!

Gib Stift und Mappe, dass die rasche,
Die kecke Dilettantenhand
Die Perle dieses Bildes hasche,
Das ich so unverhofft hier fand!
Zu schöner Stunden heitrem Schauen,
Gemüt und Augen zu erbauen,
Sei es für immer festgebannt.

Siehst du, o teure Rosalinde!
Den bärt'gen Mann mit breitem Hut,
An dem die Mutter mit dem Kinde –
Madonnenurbild! – säugend ruht?
Es ragt das dunkle Haupt des Gatten,
In sich gekehrt, im braunen Schatten,
Das ihre schwimmt in Purpurglut.

Jedoch, dass von der ebnen Erde
Das Bild gerundet auf sich schwingt,
Siehst du der Kinder scheue Herde,
Wie sie der Eltern Knie umringt;
Und düster, stumm, wie erzgegossen,
Von Licht und Regen überflossen
Es glänzend in die Augen springt.

Welch einen Adel haucht das Ganze,
Stolz, wie ein ehern Königsgrab!
Wie thront in seines Jammers Glanze
Der Mann mit seinem Wanderstab!
Dank dir, o freundlichste der Musen,
Die ein empfänglich Herz im Busen,
Den Sinn für ewig Schönes gab!«

Da sind, im Tau des Grames schwimmend,
In dem der Abendstrahl sich bricht,
Ein grosses Sternbild, dunkel glimmend,
Die Augen jener aufgericht';
Sie starren wundernd nach dem Bogen,
Von dem ihr Konterfei, gezogen
Von weisser Hand, schon deutlich spricht.

Und hoch aus seines Elends Mitte
Hub sich der arme Mann empor,
Und langsam trugen müde Schritte
Die finstere Gestalt hervor;
Es schlossen fest sich seine Zähne,
Im Aug' der Kränkung bittre Träne,
Im Antlitz dunklen Zornes Flor,

Stand er vor den Empfindungsvollen,
Die im verglühnden Abendrot
Erbleichten ob dem dumpfen Grollen
Der furchtbar nahen Menschennot!
»Soll ich das sein? o sprich, du Fratze!
Soll meiner spotten dies Gekratze?«
Und trat das Bild tief in den Kot.

»Verdammt sei eurer Seelen Kälte,
Die mit den Blicken, spitz wie Stahl,
Herschleichend unterm Himmelszelte
Betastet unsre nackte Qual!«
Er schwang der Armut langen Stecken
Samt Rosalinden floh voll Schrecken
Der Schöngeist aus dem Blütental!

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