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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 36
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Der falsche Hafisjünger

       

»Ich bet' in aller Frühe
Und jeden Abend wieder,
Damit ich fromm erglühe,
Hafisens süsse Lieder.

Ich murmle sie beständig
Im Pharisäermunde;
Denn sie sind nicht lebendig
Auf meiner Seelen Grunde!

Wie einst ich meinem Gotte
Tugend und Treu' versprochen
Und täglich ihm zum Spotte
Dennoch das Wort gebrochen,

So brech' ich jetzo wieder
Das angelobte Streben,
Von Lieb' und Wein die Lieder
Auch orthodox zu leben,

Indes ich kalt und nüchtern
Und grämlich mich verbittre,
Indes ich blöd und schüchtern
In meinem Herzen zittre,

Indes ich mit Bülbülen
Und mit Narzissen prahle,
Sorg' einzig ich im stillen,
Wie sich die Zeche zahle.

Verfluchtes Buch, das dreimal
Ich schon veräussert habe!
Stets kehrt zurück das Scheusal
Wie eines Teufels Gabe

Und wieder mit Geflüster
Bet' ich in dem Breviere
Und hock', wie ein Magister
Bei seinem sauren Biere!

So ist zu jeden Zeiten
Die Heuchelei vom Bösen –
Mög' uns nach allen Seiten
Der Herr davon erlösen!«

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