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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 35
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Der alte Bettler

           

Nun legst du, alte wettermüde Föhre,
Den allerletzten Jahresring dir an,
Da ich im Walde schon rumoren höre
Mit seiner Axt den grauen Zimmermann.

Er wird so wenig deinen Kopf begnaden,
Als jemand über dein Verschwinden klagt;
Dem armen Schelm und einem alten Schaden
Nur wird des Alters Ehrenzoll versagt!

Sei's immerhin! ich liebe drum nicht minder
Dies alte Land, mein gutes Vaterland,
Und segne seine lebensfrohen Kinder
Mit der verworfnen toten Bettlerhand!
Ich segne euch, o Strom, Gebirg und Auen,
Die ihr im Lichte heiter vor mir schwimmt!
Ein Reichtum ist dies selig klare Schauen,
Den meinem Aug' nicht Vogt noch Richter nimmt!

Als meine Brüder einst vor vierzig Jahren
Das schiefe, morsche Vaterhaus verkauft,
Um nach der fernen neuen Welt zu fahren,
Wo man sich mit der alten Erde rauft,
Da bin ich ganz allein zurückgeblieben,
Bald war ich um mein kleines Erb' geprellt;
Weiss nicht, wie weit sie drüben es getrieben:
Ich wurd' ein Hauptmann in der Bettler Welt!

Denn weder Not noch Mühsal konnten scheiden
Mich von den Marken meines Vaterlands;
Wer will mich zwingen, seinen Schoss zu meiden,
Zu missen seiner Ströme blauen Glanz?
Hier will ich wandeln, wo ich bin geboren,
Und sei's auch in zerrissnen Bettlerschuhn!
Ging drob die Bürgerehre mir verloren,
Ich will und muss bei meinen Vätern ruhn!

Dich sollt' ich fliehen, trautes Netz der Wege,
Daran auch ich mit fleiss'gen Füssen spann,
Und dich, Gebirg, wo ich des Abgrunds Stege
Fast mit verbundnem Aug' beschreiten kann?
Wo ich den Fuchs und seinen Vater kenne
Und jeden Stamm im dunklen Forst gezählt
Und jede Trift bei ihrem Namen nenne –
Den Boden, wo mir nie ein Tritt gefehlt?

O gute Scholle meiner Heimaterde,
Wie kriech' ich gern in deinen warmen Schoss!
Mir ahnet schon, wie sanft ich ruhen werde,
Vom Kaun des Brots und allem Irrsal los!
Wie will ich meine müden Beine strecken,
Wegwerfend meines Elends dürren Stab,
Wie langhin mich von West nach Osten recken,
Als läg' ich stolz in eines Königs Grab!

Doch spinnt sich weiter meiner Seele Leben,
So möge sie im leichten Nebelkleid,
So leicht wie Luft, dies laute Volk umschweben,
Noch immer treu in Freude, Zorn und Leid!
Möcht' meine Seligkeit darin bestehen,
Einst seines letzten Bettlers Geist zu sein,
Zufrieden, still und müssig umzugehen
In seines Glückes hellem Sonnenschein!

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