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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 192
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Winterspiel

           

Verschlossen und dunkel ist um und um
Mein winterlich Herz zu schauen;
Doch innen, da ist es leuchtend und hell
Und dehnen sich grünende Auen.

Da stell' ich den Frühling im kleinen auf
Mit Rosengärten und Bronnen,
Und spann' ich ein zierliches Himmelsgezelt
Mit Regenbögen und Sonnen.

Da entzünd' ich Morgen und Abendrot
Und lasse die Nachtigall schlagen,
Schlank gehende, blühende Jungfräulein
Meergrüne Gewänder tragen.

Dann ändr' ich die Szene, dann lass' ich mit Macht
Den gewaltigen Sommer erglühen,
Die Schnitter auf goldenen Garben ruhn,
Blutrot das Mohnfeld blühen.

Dann plötzlich erhell' ich mit Wetterschein
Mein Herz und füll' es mit Stürmen,
Lass' Schiffe und Männer zu Grunde gehn,
Dann "Feuer" auf Bergen und Türmen!

Hei! Revolution und Mordgeschrei
Mit Galgen und Guillotinen!
Geköpfte Könige, wahnsinnig Volk,
Konvente und Höllenmaschinen!

Nun ist mein Busen der Greveplatz
Voll Pöbels und blutiger Leichen;
Ich sehe mich selber im dicksten Gewühl
Entsetzt und todblass schleichen.

Es wird mir so bang, kaum find' ich die Kraft,
Den Greuel noch wegzuhauchen;
Braun dämmert ein Moor, ich liege tot,
Wo verlassene Trümmer rauchen.

Wie alles so stumm und erstorben ist,
So trag' ich mich schweigend zu Grabe
Und pflanz' ein schwarzes Kreuz darauf,
Das ich selber gezimmert habe.

Ich schreibe darauf: Hier ist ins Gras
Ein spielender Träumer gekrochen;
Wohl ihm und uns, wär' die Welt von Glas,
Er hätte sie lange zerbrochen!

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