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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 190
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Winterabend

       

Schneebleich lag eine Leiche, und es trank
Bei ihr der Totenwächter unverdrossen,
Bis endlich ihm der Himmel aufgeschlossen
Und er berauscht zu ihr aufs Lager sank.

Von rotem Wein den Becher voll und blank
Bot er dem Toten; bald war übergossen
Das Grabgesicht und purpurn überflossen
Das Leichenhemd; so trieb er tollen Schwank.

Die trunken rote Sonne übergiesst
Im Sinken dieses schneeverhüllte Land,
Dass Rosenschein von allen Hügeln fliesst;

Von Purpur trieft der Erde Grabgewand,
Doch die verblasste Leichenlippe tut
Erstarrt sich nimmer auf der roten Flut.

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