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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 184
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Wanderbilder 1852

1. Am Tegelsee

           

Es glänzt ein stilles weisses Haus
Aus stillen grünen Kronen;
Auf seinen Warten ruhen aus
Die Winde aller Zonen.

Auf ihrem Hauch ein edler Klang
Hat sich hinausgeschwungen;
Von Meer zu Meer grüsst ihn Gesang,
Gesang in allen Zungen.

Im Hause sind Gemach und Saal
Gefüllt von Glanzgestalten,
Die in vergangner Tage Strahl
Die stumme Wache halten.

Die Marmorlippen scheinen sich
Just aufzutun wie Blüten,
Erhobne Hände feierlich
Ein heilig Gut zu hüten.

Lass hinter dir, was trüb und wild,
Der du dies Haus betreten;
Denn zu der Hoffnung reinem Bild
Darfst du gefasst hier beten!

Trittst du hinaus, den Föhrensaum
Sieh ernst den See umgeben,
In seinen Wipfeln rauscht der Traum
Vom ferneblauen Leben.

Und auf dem Walde wandeln sacht
Die weissen Wolkenfrauen,
Die in der Flut kristallner Nacht
Ihr klares Bild beschauen.

In leisrem Blau die Sonne schweift,
Ihr eigner Schein ist blasser,
Von feuchter Reiherschwinge träuft
Er perlengleich ins Wasser.

Fühlst nach der Heimat du das Weh,
O Fremdling, dich durchschauern,
Fahr auf dem nord'schen Geistersee,
Hier ist es schön zu trauern!

 
2. In einem Lustwalde

Ich bin ein Fremder hier zu Lande,
Wo Krongewalt herrscht allerwärts,
Mich binden nicht die starren Bande,
Doch dieser Hain erfreut mein Herz!

Um dieses grünen Lebens willen,
Um dieser Weiher sanfte Flut,
Um diese ruhgewiegten stillen
Baumwipfel in der Abendglut,

Um diesen milden tiefen Frieden,
Den mir ein braver Toter beut,
Sei ihm ein voller Dank beschieden
Des Herzens, das sein Werk erfreut!

 
3. Sonntags

Lässig bald und wieder schneller
Greifend in den blauen Himmel
Dreht sich eine graue Mühle
Dort am schweigenden Totenhain.

Drüben glänzt des Königs Kuppel;
Still ist's auch in jener Gegend,
Schmollend lässt er Gras ergrünen
Vor dem riesigen Burgportal.

Aus den Toren summt und brummt es,
Und das Weichbild schwirrt von Geigen;
Fernhin watet in dem Sande
Staubaufregendes Volk Berlins.

Aber auf dem trägen Flusse
Fahren stille Wendenschiffe;
Durch die Wipfel in die Ferne
Golden sonnige Segel ziehn.

 
4. Berliner Pfingsten

Heute sah ich ein Gesicht,
Freudevoll zu deuten:
In dem frühen Pfingstenlicht
Und beim Glockenläuten
Schritten Weiber drei einher,
Feierlich im Gange,
Wäscherinnen fest und schwer,
Jede trug 'ne Stange.

Mädchensommerkleider drei
Flaggten von den Stangen,
Schönre Fahnen, stolz und frei,
Als je Krieger schwangen;
Frisch gewaschen und gesteift,
Tadellos gebügelt,
Blau und weiss und rot gestreift,
Wunderbar geflügelt!

Lustig blies der Wind, der Schuft,
Falbeln auf und Büste,
Und mit frischer Morgenluft
Füllten sich die Brüste;
Und ich sang, als ich gesehn
Ferne sie entschweben:
"Auf und lasst die Fahnen wehn,
Lustig ist das Leben!"

 
5. Weihnachtsmarkt

Welch lustiger Wald um das hohe Schloss
Hat sich zusammengefunden,
Ein grünes bewegliches Nadelgehölz,
Von keiner Wurzel gebunden!

Anstatt der warmen Sonne scheint
Das Rauschgold durch die Wipfel;
Hier backt man Kuchen,
dort brät man Wurst,
Das Räuchlein zieht um die Gipfel.

Es ist ein fröhliches Leben im Wald,
Das Volk erfüllet die Räume;
Die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt,
Die fällen am frohsten die Bäume.

Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs
Zu überreichen Geschenken,
Der andre einen gewaltigen Strauch,
Drei Nüsse daran zu henken.

Dort feilscht um ein winziges Kieferlein
Ein Weib mit scharfen Waffen;
Der dünne Silberling soll zugleich
Den Baum und die Früchte verschaffen.

Mit rosiger Nase schleppt der Lakai
Die schwere Tanne von hinnen;
Das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach,
Zu ersteigen die grünen Zinnen.

Und kommt die Nacht, so singt der Wald
Und wiegt sich im Gaslichtscheine;
Bang führt die ärmste Mutter ihr Kind
Vorüber dem Zauberhaine.

Einst sah ich einen Weihnachtsbaum:
Im düstern Bergesbanne
Stand reifbezuckert auf dem Grat
Die alte Wettertanne.

Und zwischen den Ästen waren schön
Die Sterne aufgegangen;
Am untersten Ast sah man entsetzt
Die alte Wendel hangen.

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,
Das festlich still verkläret;
Weil auf der Welt sie nichts besass,
Hatt' sie sich selbst bescheret.

 
6. Polkakirche

Wie nach dem Rezept geschaffen,
Fein und niedlich ist der Tempel,
Angemessnen jungen Leuten
Ein erbaulich Bauexempel!

Byzantinisch jede Fuge,
Bogen, Bögelchen und Kehlen,
Nur die phantasiegebornen
Alten Fratzenbilder fehlen.

Durch die byzantin'schen Pförtchen
Rauscht es leis in Samt und Seiden;
Drinnen glitzert's fromm und geistreich
Wie zu der Komnenen Zeiten.

Hofhistoriographen lispeln
Mit ergrauten Paladinen;
Nach den Mosaiken blicken
Kammerherrn mit Betermienen.

Und die Kanzel mit dem glatten
Superintendent garnieret -
Ja, den Glaspalast zu London
Hätte dieses Werk gezieret!

 
7. Biermamsell

Dein Witz geht an, o Schöne mein,
Noch eher, als dein bayrisch Bier!
Jedoch noch besser leuchtet mir
Das Blaue deiner Augen ein!

Und besser als dies Flackerlicht
Noch dünket mich dein schmal Gesicht,
Die runde Schulter, die zierliche Brust
Und deiner Hüften schlanke Lust.

An deiner schwarzen Seidentracht
Ist jedes Fältchen wohlgemacht;
Und immer nobel, witzig nur
Verfolgst du deine dunkle Spur.

Bist nie gemein und schimpfest nicht,
Wenn dir ein Gast die Treue bricht,
Ein Marquis Posa, wie gemalt,
Die sieben Seidel nicht bezahlt.

Du siehst nur intressanter aus,
Kaum zittern leis Manschett' und Kraus',
So edelbleich und schmerzenreich
Siehst du Marien Stuart gleich.

Getrost nur wandle deine Bahn!
Ich kenne manchen ernsten Mann,
Des Seelenstaat und Wortgeschmeid
Mahnt an dein seidnes Rauschekleid.

Er strebt und ringt und peroriert,
Wird edelbleich, wenn er verliert:
Um was sich's handelt, scheint es mir,
Ist mehr nicht, als ein Seidel Bier!

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