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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 169
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Tod und Dichter

Tod:

             

Deiner bunten Blasen Kinderfreude
Hängt und bricht an meiner Sensenschneide,
Wirf zur Seite nunmehr Rohr und Schaum,
Mache dich auf, aus ist der Traum!

Dichter:

Halte weg die Sense! Lasse steigen
Meiner Irisbälle bunten Tanz!

Tod:

Schon an meinem Schädel platzt der Reigen,
Und ein Ende nimmt der Firlefanz!

Dichter:

Lass! Ich will dich als das Beste preisen,
Trost und Labsal alles Menschentumes!

Tod:

Nicht bedarf ich Schrecklicher des Ruhmes;
Spare deine falschen Schmeichelweisen!

Dichter:

Weh, noch schuld' ich manche schöne Pflichten!

Tod:

Reif genug schon bist du den Gerichten!

Dichter:

Doch die lieblichste der Dichtersünden
Lass nicht büssen mich, der sie gepflegt:
Süsse Frauenbilder zu erfinden,
Wie die bittre Erde sie nicht hegt!

Tod:

Warum hast du solchen Spass getrieben,
Schemen zu ersinnen und zu lieben?

Dichter:

Sind sie nicht auf diesem kleinen Sterne,
Blühn sie doch wo in der Weltenferne,
Blut von meinem Blute; zu verderben
Bin ich nicht, eh' jene sterben!

Tod:

Ei, da fahr' ich hin, sie wegzumähen,
Und sie müssen gleich mit dir vergehen!

Dichter:

Hui! Da fährt er hin ins Unermessne
Und ich bin der glückliche Vergessne,
Spiele weiter in des Lebens Fluten,
Bis er findet jene schönen Guten!

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