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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 133
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Nachtfalter

       

Ermattet von des Tages Not und Pein,
Die nur auf Wiedersehen von mir schied,
Sass ich und schrieb bei einer Kerze Schein,
Und schrieb ein wild und gottverleugnend Lied.
Doch draussen lag die klare Sommernacht,
Mild grüsst mein armes Licht der Mondenstrahl,
Und aller Sterne volle goldne Pracht
Schaut hoch herab auf mich vom blauen Saal.

Am offnen Fenster blühen dunkle Nelken
Vielleicht die letzte Nacht vor ihrem Welken.

Und wie ich schreib' an meinem Höllenpsalter,
Die süsse Nacht im Zorne von mir weisend,
Da schwebt herein zu mir ein grauer Falter,
Mit blinder Hast der Kerze Docht umkreisend;
Wohl wie sein Schicksal flackerte das Licht,
Dann züngelt' seine Flamme still empor
Und zog wie mit magnetischem Gewicht
Den leichten Vogel in sein Todestor.

Ich schaute lang und in beklommner Ruh,
Mit wunderlich neugierigen Gedanken
Des Falters unheilvollem Treiben zu.
Doch als zu nah der Flamme schon fast sanken
Die Flügel, fasst' ich ihn mit schneller Hand,
Zu seiner Rettung innerlich gezwungen,
Und trug ihn weg. Hinaus ins dunkle Land
Hat er auf raschem Fittig sich geschwungen.

Ich aber hemmte meines Liedes Lauf
Und hob den Anfang bis auf weitres auf.

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