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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 128
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Morgenwache

       

Nun, da diese alten Herrn
Tief im Rausche sanken,
Oben auch von Stern zu Stern
Morgennebel wanken:
Rücken wir zusammen
Unterm Gartentor,
Jetzt in neuen Flammen
Schlägt die Lust empor!

Dass der junge Sonnenball,
Rollt er auf den Hügeln,
Sich im funkelnden Kristall
Klärlich kann bespiegeln:
Halten wir entgegen
Becher ihm und Glas;
Fliesse, goldner Regen,
Glühe, dunkles Nass!

Jungfrau! Geh und sieh mir nach
Rings in allen Gärten,
Ob die Rosen schon sind wach,
Bring die tauverklärten!
Rosen, Rosen bringe!
Rosenduft soll wehn!
Wenn ich trink' und singe,
Muss ich Blumen sehn!

Horch! Der tiefe Amselschlag
Schallet aus den Gründen;
Treue Wächter soll der Tag
Heiter in uns finden.
Wer wird denn vermissen
Eine kurze Nacht,
Wenn sie sangbeflissen
Wacker durchgewacht?

Tief ist unsrer Freude Born,
Tiefer als das Leiden,
Doch es wacht der helle Zorn
Gleich in ihnen beiden.
Darum lasset rinnen
Letztes Glas und Lied!
Zornig uns von hinnen
Nun die Freude zieht!

Und der Lüge schwarzen Molch
Tapfer anzustechen,
Dem gemeinen Höllenstrolch
Kühn das Horn zu brechen:
Ja, die Nas' zu finden,
Die uns nicht gefällt,
Ziehn mit allen Winden
Fort wir in die Welt!

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