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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 112
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Klage der Magd

       

Nun ist der Lenz gekommen,
Nun blühen alle Wiesen,
Nun herrschen Glanz und Freude
Auf Erden weit und breit;
Nur meine böse Herrin,
Sie keift und zetert immer
Noch wie in der betrübten
Und kalten Winterzeit!

Wenn ich am frühen Morgen
Mit aufgewachtem Herzen
Im Garten grab' und singe,
Die Welt mir freundlich blickt.
Wirft sie mir aus dem Fenster
Die ungefügen Worte,
Dass rasch in meiner Kehle
Das kleine Lied erstickt.

Und wenn mein Vielgeliebter
Am Hag vorüber wandelt
Und ein paar warme Blicke
Mir in die Seele warf,
Höhnt sie am Mittagsmahle,
Dass ich am untern Ende
Das Auge nicht erheben
Und mich nicht rühren darf.

Dass hungernd ich, mit Tränen,
Das Essen stehen lassen
Und mich hinweg muss wenden
Voll Scham und voll Verdruss,
Und weinend im Verborgnen
Die Rinde harten Brotes
Mit all den harten Reden
Hinunter würgen muss.

Sogar wenn ich am Sonntag
Will in die Kirche gehen,
Und mir ein armes Bändchen
Am Hals nicht übel steht,
Vergiftet sie mir neidisch
Mit ungerechtem Tadel
Die wochenmüde Seele,
Das tröstliche Gebet.

Mag selber sie nur beten,
Dass ihre eignen Kinder
Nicht einmal dienen müssen,
Wenn ihr das Glück entschwand
Und sie als arme Mutter
Wird um die Häuser schleichen,
Wo jene sind geschlagen
Von böser Herrenhand!

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