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Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 11
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
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Am Himmelfahrtstage 1846

(Mit den ersten Gedichten)

       

Ausgestorben scheint die Stadt,
Weil, was sich des Lebens freut
Und den Bund mit ihm erneut,
Sich hinaus begeben hat
Auf die Hügel, auf die Berge,
Angefüllt wird jedes Tal,
Rühren wird sich Wirt und Ferge
In dem warmen Maienstrahl.

Von dem höchsten Giebel schau'
Ich hinaus, o welch Gewimmel!
Ja, die Erde trägt gen Himmel
Menschenherz und grüne Au!
Und wie ferne Kirchenfahnen
Flattert's von der Burg Geländern
Bunt von seidnen Lenzgewändern
Unter grünenden Platanen.

Einsam wehen hier die Linden
Dieser Stadt um stille Dächer –
Ach, wie einen leeren Becher
Muss ich die verlassne finden,
Einen Becher, dessen Schein
Wird geflohn von jedem Munde,
Und auf dessen dunkelm Grunde
Ich der letzte Tropfen Wein!

In die kühle Dämmernacht
Meines Hauses steig' ich nieder,
Wo mir meine jungen Lieder
Schlummern, bis ihr Tag erwacht;
Wo ein Strauss von Fliederzweigen
Drüber nickt mit stillem Neigen,
Mit erwartungsvollem Schweigen
Wilde Röschen halten Wacht.

Nun in tiefer Einsamkeit
Schreib' ich, eh' für immer schied
Mir die lange Morgenzeit,
Meiner Jugend letztes Lied;
Und der Hoffnung sei's geweiht!
Was ich hoffe, hofft die Welt;
Ist sie nur zur Fahrt bereit,
Wird sie selbst ihr Himmelszelt!

Tu' dich auf, o schöner Schrein,
Lasse deine Schätze funkeln!
Lass sie, blitzend hell, verdunkeln
Der Martyrer blass Gebein! –
Weihrauch sind die Frühlingsdüfte,
Und auch du, mein Schwalbenzug,
Flattre, leichter Liederflug,
Aufwärts in die freien Lüfte!

Stille der Nacht

Willkommen, klare Sommernacht,
Die auf betauten Fluren liegt!
Gegrüsst mir, goldne Sternenpracht,
Die spielend sich im Weltraum wiegt!

Das Urgebirge um mich her
Ist schweigend, wie mein Nachtgebet;
Weit hinter ihm hör' ich das Meer
Im Geist und wie die Brandung geht.

Ich höre einen Flötenton,
Den mir die Luft von Westen bringt,
Indes herauf im Osten schon
Des Tages leise Ahnung dringt.

Ich sinne, wo in weiter Welt
Jetzt sterben mag ein Menschenkind –
Und ob vielleicht den Einzug hält
Das viel ersehnte Heldenkind.

Doch wie im dunklen Erdental
Ein unergründlich Schweigen ruht,
Ich fühle mich so leicht zumal
Und wie die Welt so still und gut.

Der letzte leise Schmerz und Spott
Verschwindet aus des Herzens Grund;
Es ist, als tät' der alte Gott
Mir endlich seinen Namen kund.

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