Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gottfried Keller: Gedichte - Kapitel 10
Quellenangabe
typepoem
titleGedichte
authorGottfried Keller
senderh.guhl@bluewin.ch
created1999
modified20170529
Schließen

Navigation:

Am fliessenden Wasser

1.

       

Hell im Silberlichte flimmernd
Zieht und singt des Baches Welle,
Goldengrün und tiefblau schimmernd
Küsst sie flüchtig die Libelle;
Und ein drittes kommt dazu,
Eine Blüte hergeschwommen:
Alle haben drauf im Nu
Heitern Abschied schon genommen.

Und die Esche beugt sich drüber,
Schaut in Ruh das holde Treiben,
Denkt: Ihr Lieben, zieht vorüber,
Ich will grünen hier und bleiben!
Und ich unterm Eschenbaum:
Was soll denn mit mir geschehen
In dem reizend leichten Traum?
Soll ich bleiben? Soll ich gehen?

2.

       

Ich liege beschaulich
An klingender Quelle
Und senke vertraulich
Den Blick in die Welle;
Ich such' in den Schäumen,
Weiss selbst nicht, wonach?
Verschollenes Träumen
Wird in mir wach.

Da kommt es gefahren
Mit lächelndem Munde,
Vorüber im klaren
Kristallenen Grunde,
Das alte vertraute,
Das Weltangesicht!
Sein Aug' auf mich schaute
Mit äth'rischem Licht.

Wohin ist's geschwommen
Im Wellengewimmel?
Woher ist's gekommen?
Vom blauenden Himmel!
Denn als ich ins Weben
Der Wolken gesehn,
Da sah ich noch eben
Es dort vergehn.

Ich seh' es fast immer,
Wenn's windstill und heiter,
Und stets macht sein Schimmer
Die Brust mir dann weiter;
Doch wenn sein Begegnen
Der Seele Bedarf,
Im Stürmen und Regnen
Auch seh' ich es scharf

3.

       

Ein Fischlein steht am kühlen Grund,
Durchsichtig fliessen die Wogen,
Und senkrecht ob ihm hat sein Rund
Ein schwebender Falk gezogen.

Der ist so lerchenklein zu sehn
Zuhöchst im Himmelsdome;
Er sieht das Fischlein ruhig stehn,
Glänzend im tiefen Strome!

Und dieses auch hinwieder sieht
Ins Blaue durch seine Welle.
Ich glaube gar, das Sehnen zieht
Eins an des andern Stelle!

4.

       

Sah ich eine junge Welle,
Die durch Alpenrosen floss
Und sich rauschend mit der Quelle,
Mit dem Strom ins Tal ergoss.

Schien der Himmel drin versunken,
Und war doch so leicht und klar,
Und ich hab' davon getrunken,
Wie so frisch und rein sie war!

Bin dann auf dem Meer gelegen,
Wo das Kreuz am Himmel steht;
Nicht konnt' unser Schiff sich regen,
In der Glut kein Lüftchen weht'!

Schaut' ich in die Wasser nieder,
In die Tiefen unverwandt,
Und sah meine Welle wieder
Aus den Bergen, wohlbekannt.

Von dem heissen Strahl durchzittert,
Ja, sie war es, deutlich, nah!
Doch versalzen und verbittert,
Still und mutlos lag sie da. –

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.