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Gedichte

Justinus Kerner: Gedichte - Kapitel 32
Quellenangabe
typepoem
authorJustinus Kerner
year1981
publisherVerlag Projekt Gutenberg-DE
titleGedichte
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170530
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Der Traum eines Arztes
in einer Nacht zu Nürnberg im Jahre 1845

          Es war ein Arzt aus Schwaben
Zu Nürnberg in Quartier,
Der wollt' frühmorgens haben
Zur Stärkung Wurst und Bier.

Da sprach des Hauses Meister:
»Ja! trinkt! bleich seht Ihr aus.
Saht Ihr heut nacht wohl Geister
In meinem alten Haus?«

»Nein!« sprach der Arzt, »mit Schauern
Träumt' ich heut nacht den Traum:
In eines Kirchhofs Mauern
Saß ich an einem Baum.

Kein goldner Vollmond schiffte
Durchs grüne Rebental.
Es zuckte durch die Lüfte
Entfernter Blitze Strahl.

Ich aber saß beklommen,
Als drohte was noch mehr;
Sprach, wie bin ich gekommen
Um Mitternacht hieher?

Ich seufzte und ich grollte,
Da hör ich dumpfes Schall'n,
Als ob die Erd' entrollte
Den Grabeshügeln all'n.

Der Mond aus Wolkenbergen
Auf einmal strahlend bricht,
Da seh ich, wie aus Särgen
Steigt Leich' an Leiche dicht.

Die lenken ihre Schritte
Gerade auf mich zu,
Ich aber ruf: ›Ich bitte,
Ihr Toten, kehrt zur Ruh'!‹

Schnell will ich mich erheben,
Gebannt bleib ich am Baum,
Die Leichen zu mir schweben.
O nie vergeßner Traum!

Die erste, wie im Grimme
Hebt auf die schwarze Hand,
Und spricht mit hohler Stimme:
›Mein Tod war heißer Brand.

Du aber hast gestecket
Moschus in mich hinein,
Die Glut noch mehr gewecket,
Der Tod half mir allein.‹

Drauf mit den Knochenhänden
Die zweite weist aufs Herz,
Und spricht: ›So mußt' ich enden!
Hier innen saß mein Schmerz.

Du aber gabst mir Pillen
Und Tränke für die Brust:
Mein Leiden hat zu stillen
Allein der Tod gewußt.‹

Die dritte kommt geschritten,
Und streckt mir hin ihr Bein:
›Hättst du dies abgeschnitten,
Würd' ich noch lebend sein.

Du doch auf meine Klagen
Sprachst: Jod und Lebertran
Heilt dich in wenig Tagen,
Der Tod nur hat's getan.‹

Die vierte mit dem Kopfe
Stets nickte hin und her:
›Wie war mir armen Tropfe
Im Leben der so schwer!

Hättst Wasser mir gegeben
Statt China immerdar,
So wär' ich noch am Leben.
Der Tod mein Helfer war.‹

Jetzt kommt die fünfte Leiche
An Krücken her auf mich,
Ich kenne sie, ruf: ›Weiche!
Die Erde decke dich!

Fort! fort! sie deck' euch alle,
Ihr Toten! fort vom Licht!‹
Da ruft's mit grellem Schalle:
›Arzt, mit dir ins Gericht!‹

Nun kommt der Tod gegangen,
Die Leichen singen: ›Tod!
Mit Kränzen sei umfangen,
Du Retter aus der Not.

Preis dir, Arzt, der gefunden
Den Balsam Grabesruh',
Du bandest unsre Wunden
Sanft mit dem Sargtuch zu.‹

Und jetzt, an mir vorüber,
Schwebt' Tod und Leichenchor.
Schnell war der Himmel trüber,
Das Mondlicht sich verlor.

Zum Baum, wo meine Stätte,
Ein Blitzstrahl niederkracht,
Davon bin ich im Bette
Vom tollen Traum erwacht.« –

Der Hausherr, etwas kühler,
Sprach: »O das hat gemacht,
Daß ihr im Dunst so vieler
Kunstbrüder zugebracht.

Trinkt unser Bier nur dreister,
Speist eine Wurst dazu,
Dann lassen euch die Geister
Und böse Träum' in Ruh'.«

Der diesen Traum hier träumte,
Justinus Kerner hieß,
Ob aber er ihn reimte
Das bleibt noch ungewiß.

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