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Gedichte

Ludwig Uhland: Gedichte - Kapitel 234
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Uhland
publisherVerlag Projekt Gutenberg-DE
titleGedichte
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Sängerliebe

          Seit der hohe Gott der Lieder
    Mußt' in Liebesschmerz erbleichen,
    Seit der Lorbeer seiner Schläfe
    Unglücksel'ger Liebe Zeichen:
Wundert's wen, daß ird'schen Sängern,
    Die dasselbe Zeichen kränzet,
    Selten in der Liebe Leben
    Ein beglückter Stern erglänzet?
Daß sie ernst und düster blicken,
    Ihre Saiten traurig tönen,
    Daß von Lust sie wenig singen,
    Aber viel von Schmerz und Sehnen?
Sängerliebe, tief und schmerzlich,
    Laßt euch denn in ernsten Bildern
    Aus den Tagen des Gesanges,
    Aus der Zeit der Minne schildern!
 
1. Rudello.
In den Thalen der Provence
    Ist der Minnesang entsprossen,
    Kind des Frühlings und der Minne,
    Holder, inniger Genossen.
Blütenglanz und süße Stimme
    Konnt' an ihm den Vater zeigen,
    Herzensglut und tiefes Schmachten
    War ihm von der Mutter eigen.
Selige Provencer Thale,
    Üppig blühend war't ihr immer,
    Aber eure reichste Blüte
    War des Minneliedes Schimmer.
Jene tapfern, schmucken Ritter,
    Welch ein edler Sängerorden!
    Jene hochbeglückten Damen,
    Wie sie schön gefeiert worden!
Vielgeehrt im Sängerchore
    War Rudellos werter Name,
    Vielgepriesen, vielbeneidet
    Die von ihm besungne Dame.
Aber niemand mocht' erkunden,
    Wie sie hieße, wo sie lebte,
    Die so herrlich, überirdisch
    In Rudellos Liedern schwebte;
Denn nur in geheimen Nächten
    Nahte sie dem Sänger leise,
    Selbst den Boden nie berührend,
    Spurlos, schwank, in Traumesweise.
Wollt' er sie mit Armen fassen,
    Schwand sie in die Wolken wieder,
    Und aus Seufzern und aus Thränen
    Wurden dann ihm süße Lieder.
Schiffer, Pilger, Kreuzesritter
    Brachten dazumal die Märe,
    Daß von Tripolis die Gräfin
    Aller Frauen Krone wäre;
Und so oft Rudell es hörte,
    Fühlt' er sich's im Busen schlagen,
    Und es trieb ihn nach dem Strande,
    Wo die Schiffe fertig lagen.
Meer, unsichres, vielbewegtes,
    Ohne Grund und ohne Schranken!
    Wohl auf deiner regen Wüste
    Mag die irre Sehnsucht schwanken.
Fern von Tripolis verschlagen,
    Irrt die Barke mit dem Sänger;
    Äußrem Sturm und innrem Drängen
    Widersteht Rudell nicht länger.
Schwer erkranket liegt er nieder,
    Aber ostwärts schaut er immer,
    Bis sich hebt am letzten Rand
    Ein Palast im Morgenschimmer.
Und der Himmel hat Erbarmen
    Mit des kranken Sängers Flehen;
    In den Port von Tripolis
    Fliegt das Schiff mit günst'gem Wehen.
Kaum vernimmt die schöne Gräfin,
    Daß so edler Gast gekommen,
    Der allein um ihretwillen
    Übers weite Meer geschwommen;
Alsobald mit ihren Frauen
    Steigt sie nieder unerbeten,
    Als Rudello schwanken Ganges
    Eben das Gestad betreten.
Schon will sie die Hand ihm reichen,
    Doch ihm dünkt, der Boden schwinde;
    In des Führers Arme sinkt er,
    Haucht sein Leben in die Winde.
Ihren Sänger ehrt die Herrin
    Durch ein prächtiges Begängnis,
    Und ein Grabmal von Porphyr
    Lehrt sein trauriges Verhängnis.
Seine Lieder läßt sie schreiben
    Allesamt mit goldnen Lettern,
    Köstlich ausgezierte Decken
    Giebt sie diesen teuren Blättern;
Liest darin so manche Stunde,
    Ach, und oft mit heißen Thränen,
    Bis auch sie ergriffen ist
    Von dem unnennbaren Sehnen.
Von des Hofes lust'gem Glanz,
    Aus der Freunde Kreis geschieden,
    Suchet sie in Klostermauern
    Ihrer armen Seele Frieden.
 
2. Durand.
Nach dem hohen Schloß von Balbi
    Zieht Durand mit seinem Spiele;
    Voll die Brust von süßen Liedern,
    Naht er schon dem frohen Ziele.
Dort ja wird ein holdes Fräulein,
    Wann die Saiten lieblich rauschen,
    Augen senkend, zart erglühend,
    Innig atmend niederlauschen.
In des Hofes Lindenschatten
    Hat er schon sein Spiel begonnen,
    Singt er schon mit klarer Stimme,
    Was er Süßestes ersonnen.
Von dem Söller, von den Fenstern
    Sieht er Blumen freundlich nicken,
    Doch die Herrin seiner Lieder
    Kann sein Auge nicht erblicken.
Und es geht ein Mann vorüber,
    Der sich traurig zu ihm wendet:
    »Störe nicht die Ruh' der Toten!
    Fräulein Blanka hat vollendet.«
Doch Durand, der junge Sänger,
    Hat darauf kein Wort gesprochen;
    Ach, sein Aug' ist schon erloschen,
    Ach, sein Herz ist schon gebrochen.
Drüben in der Burgkapelle,
    Wo unzähl'ge Kerzen glänzen,
    Wo das tote Fräulein ruht,
    Hold geschmückt mit Blumenkränzen:
Dort ergreifet alles Volk
    Schreck und Staunen, freudig Beben,
    Denn von ihrem Totenlager
    Sieht man Blanka sich erheben.
Aus des Scheintods tiefem Schlummer
    Ist sie blühend auferstanden,
    Tritt im Sterbekleid hervor
    Wie in bräutlichen Gewanden.
Noch, wie ihr geschehn, nicht wissend,
    Wie von Träumen noch umschlungen,
    Fragt sie zärtlich, sehnsuchtsvoll:
    »Hat nicht hier Durand gesungen?«
Ja, gesungen hat Durand,
    Aber nie mehr wird er singen;
    Auferweckt hat er die Tote,
    Ihn wird niemand wiederbringen.
Schon im Lande der Verklärten
    Wacht' er auf, und mit Verlangen
    Sucht er seine süße Freundin,
    Die er wähnt vorangegangen.
Aller Himmel lichte Räume
    Sieht er herrlich sich verbreiten.
    »Blanka, Blanka!« ruft er sehnlich
    Durch die öden Seligkeiten.
 
3. Der Kastellan von Coucy.
Wie der Kastellan von Coucy
    Schnell die Hand zum Herzen drückte,
    Als die Dame von Fayel
    Er zum erstenmal erblickte!
Seit demselben Augenblicke
    Drang durch alle seine Lieder
    Unter allen Weisen stets
    Jener erste Herzschlag wieder.
Aber wenig mocht' ihm frommen
    All die süße Liederklage;
    Nimmer darf er dieses hoffen,
    Daß sein Herz an ihrem schlage.
Wenn sie auch mit zartem Sinn
    Eines schönen Lieds sich freute,
    Streng und stille ging sie immer
    An des stolzen Gatten Seite.
Da beschließt der Kastellan,
    Seine Brust in Stahl zu hüllen
    Und mit draufgeheft'tem Kreuz
    Seines Herzens Schlag zu stillen.
Als er schon im heil'gen Lande
    Manchen heißen Tag gestritten,
    Fährt ein Pfeil durch Kreuz und Panzer,
    Trifft ihm noch das Herze mitten.
»Hörst du mich, getreuer Knappe?
    Wann dies Herz nun ausgeschlagen,
    Zu der Dame von Fayel
    Sollt du es hinübertragen.«
In geweihter, kühler Erde
    Wird der edle Leib begraben;
    Nur das Herz, das müde Herz
    Soll noch keine Ruhe haben.
Schon in einer goldnen Urne
    Liegt es, wohl einbalsamieret,
    Und zu Schiffe steigt der Diener,
    Der es sorgsam mit sich führet.
Stürme brausen, Wogen schlagen,
    Blitze zucken, Maste spittern;
    Ängstlich klopfen alle Herzen,
    Eines nur ist ohne Zittern.
Golden strahlt die Sonne wieder,
    Frankreichs Küste glänzet drüben,
    Freudig schlagen alle Herzen,
    Eines nur ist still geblieben.
Schon im Walde von Fayel
    Schreitet rasch der Urne Träger,
    Plötzlich schallt ein lustig Horn
    Samt dem Rufe wilder Jäger;
Aus den Büschen rauscht ein Hirsch,
    Dem ein Pfeil im Herzen stecket,
    Bäumt sich auf und stürzt und liegt
    Vor dem Knappen hingestrecket.
Sieh! der Ritter von Fayel,
    Der das Wild ins Herz geschossen,
    Sprengt heran mit Jagdgefolg',
    Und der Knapp' ist rings umschlossen.
Nach dem blanken Goldgefäß
    Tasten gleich des Ritters Knechte,
    Doch der Knappe tritt zurück,
    Spricht mit vorgehaltner Rechte:
»Dies ist eines Sängers Herz,
    Herz von einem frommen Streiter,
    Herz des Kastellans von Coucy;
    Laßt dies Herz im Frieden weiter!
»Scheidend hat er mir geboten,
    Wann dies Herz nun ausgeschlagen,
    Zu der Dame von Fayel
    Soll' ich es hinübertragen.«
»Jene Dame kenn' ich wohl,«
    Spricht der ritterliche Jäger
    Und entreißt die goldne Urne
    Hastig dem erschrocknen Träger;
Nimmt sie unter seinen Mantel,
    Reitet fort in finstrem Grolle,
    Hält so eng das tote Herz
    An das heiße, rachevolle.
Als er auf sein Schloß gekommen,
    Müssen sich die Köche schürzen,
    Müssen gleich den Hirsch bereiten
    Und ein seltnes Herze würzen.
Dann, mit Blumen reich bestecket,
    Bringt man es auf goldner Schale,
    Als der Ritter von Fayel
    Mit der Dame sitzt am Mahle.
Zierlich reicht er es der Schönen,
    Sprechend mit verliebtem Scherze:
    »Was ich immer mag erjagen,
    Euch gehört davon das Herze.«
Wie die Dame kaum genossen,
    Hat sie also weinen müssen,
    Daß sie zu vergehen schien
    In den heißen Thränengüssen.
Doch der Ritter von Fayel
    Spricht zu ihr mit wildem Lachen:
    »Sagt man doch von Taubenherzen,
    Daß sie melancholisch machen:
»Wie viel mehr, geliebte Dame,
    Das, womit ich Euch bewirte,
    Herz des Kastellans von Coucy,
    Der so zärtlich Lieder girrte!«
Als der Ritter dies gesprochen,
    Dieses und noch andres Schlimme,
    Da erhebt die Dame sich,
    Spricht mit feierlicher Stimme:
»Großes Unrecht thatet Ihr;
    Euer war ich ohne Wanken,
    Aber solch ein Herz genießen,
    Wendet leichtlich die Gedanken.
»Manches tritt mir vor die Seele,
    Was vorlängst die Lieder sangen;
    Der mir lebend fremd geblieben,
    Hat als Toter mich befangen.
»Ja, ich bin dem Tod geweihet,
    Jedes Mahl ist mir verwehret;
    Nicht geziemt mir andre Speise,
    Seit mich dieses Herz genähret.
»Aber Euch wünsch' ich zum Letzten
    Milden Spruch des ew'gen Richters.«
    Dieses alles ist geschehen
    Mit dem Herzen eines Dichters.
 
4. Don Massias.
Don Massias aus Galicien
    Mit dem Namen: der Verliebte,
    Saß im Turm zu Arjonilla,
    Klagend um die Treugeliebte.
Einen Grafen, reich und mächtig,
    Gab man jüngst ihr zum Genossen,
    Und den vielgetreuen Sänger
    Hält man ferngebannt, verschlossen.
Traurig sang er oft am Gitter,
    Machte jeden Wandrer lauschen;
    Teure Blätter, liederreiche,
    Ließ er oft vom Fenster rauschen.
Ob es Wandrer fortgesungen,
    Ob es Winde hingetragen.
    Wohl vernahm die Heißgeliebte
    Ihres treuen Sängers Klagen.
Ihr Gemahl, argwöhnisch spähend,
    Hatt' es alles gut beachtet:
    »Muß ich vor dem Sänger beben,
    Selbst wann er im Kerker schmachtet?«
Einsmals schwang er sich zu Pferde,
    Wohl gewaffnet wie zum Sturme,
    Sprengte nach Granadas Grenze
    Und zu Arjonillas Turme.
Don Massias der Verliebte
    Stand gerade dort am Gitter,
    Sang so glühend seine Liebe,
    Schlug so zierlich seine Zither.
Jener hub sich in den Bügeln,
    Wutvoll seine Lanze schwingend;
    Don Massias ist durchbohret,
    Wie ein Schwan verschied er singend.
Und der Graf, des Siegs versichert.
    Kehret nach Galicien wieder.
    Eitler Wahn! es starb der Sänger,
    Doch es leben seine Lieder,
Die durch alle span'schen Reiche
    Tönevoll, geflügelt ziehen;
    Andern sind sie Philomelen,
    Jenem nur sind sie Harpyien.
Plötzlich oft vom Freudenmahle
    Haben sie ihn aufgeschrecket,
    Aus dem mitternächtgen Schlummer
    Wird er peinlich oft erwecket;
In den Gärten, in den Straßen
    Hört er Zithern hin und wieder,
    Und wie Geisterstimmen tönen
    Des Massias Liebeslieber.
 
5. Dante.
War's ein Thor der Stadt Florenz,
    Oder war's ein Thor der Himmel,
    Draus am klarsten Frühlingsmorgen
    Zog so festliches Gewimmel?
Kinder, hold wie Engelscharen,
    Reich geschmückt mit Blumenkränzen,
    Zogen in das Rosenthal
    Zu den frohen Festestänzen.
Unter einem Lorbeerbaume
    Stand, damals neunjährig, Dante,
    Der im lieblichsten der Mädchen
    Seinen Engel gleich erkannte.
Rauschten nicht des Lorbeers Zweige,
    Von der Frühlingsluft erschüttert?
    Klang nicht Dantes junge Seele,
    Von der Liebe Hauch durchzittert?
Ja, ihm ist in jener Stunde
    Des Gesanges Quell entsprungen;
    In Sonetten, in Kanzonen
    Ist die Lieb' ihm früh erklungen.
Als, zur Jungfrau hold erwachsen,
    Jene wieder ihm begegnet,
    Steht auch seine Dichtung schon
    Wie ein Baum, der Blüten regnet.
Aus dem Thore von Florenz
    Zogen dichte Scharen wieder,
    Aber langsam, trauervoll,
    Bei dem Klange dumpfer Lieder.
Unter jenem schwarzen Tuch,
    Mit dem weißen Kreuz geschmücket,
    Trägt man Beatricen hin,
    Die der Tod so früh gepflücket.
Dante saß in seiner Kammer
    Einsam, still, im Abendlichte,
    Hörte fern die Glocken tönen
    Und verhüllte sein Gesichte.
In der Wälder tiefste Schatten
    Stieg der edle Sänger nieder;
    Gleich den fernen Totenglocken
    Tönten fortan seine Lieder.
Aber in der wildsten Öde,
    Wo er ging mit bangem Stöhnen,
    Kam zu ihm ein Abgesandter
    Von der hingeschiednen Schönen,
Der ihn führt' an treuer Hand
    Durch der Hölle tiefste Schluchten,
    Wo sein ird'scher Schmerz verstummte
    Bei dem Anblick der Verfluchten.
Bald zum sel'gen Licht empor
    Kam er auf den dunkeln Wegen;
    Aus des Paradieses Pforte
    Trat die Freundin ihm entgegen.
Hoch und höher schwebten beide
    Durch des Himmels Glanz und Wonnen,
    Sie, aufblickend, ungeblendet,
    Zu der Sonne aller Sonnen;
Er, die Augen hingewendet
    Nach der Freundin Angesichte,
    Das verklärt ihn schauen ließ
    Abglanz von dem ew'gen Lichte.
Einem göttlichen Gedicht
    Hat er alles einverleibet
    Mit so ew'gen Feuerzügen,
    Wie der Blitz in Felsen schreibet.
Ja, mit Fug wird dieser Sänger
    Als der göttliche verehret,
    Dante, welchem ird'sche Liebe
    Sich zu himmlischer verkläret.
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