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Gedichte

Ludwig Uhland: Gedichte - Kapitel 193
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Uhland
publisherVerlag Projekt Gutenberg-DE
titleGedichte
created20150819
modified20170601
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Liebesklagen

1. Der Student.
            Als ich einst bei Salamanca
    Früh in einem Garten saß
    Und beim Schlag der Nachtigallen
    Emsig im Homerus las:
Wie in glänzenden Gewanden
    Helena zur Zinne trat
    Und so herrlich sich erzeigte
    Dem trojanischen Senat,
Daß vernehmlich der und jener
    Brummt' in seinen grauen Bart:
    »Solch ein Weib ward nie gesehen,
    Traun, sie ist von Götterart.«
Als ich so mich ganz vertiefet,
    Wußt' ich nicht, wie mir geschah,
    In die Blätter fuhr ein Wehen,
    Daß ich staunend um mich sah.
Auf benachbartem Balkone,
    Welch ein Wunder schaut' ich da!
    Dort in glänzenden Gewanden
    Stand ein Weib wie Helena
Und ein Graubart ihr zur Seite,
    Der so seltsam freundlich that,
    Daß ich schwören mocht', er wäre
    Von der Troer hohem Rat.
Doch ich selbst ward ein Achäer,
    Der ich nun seit jenem Tag
    Vor dem festen Gartenhause,
    Einer neuen Troja, lag.
Um es unverblümt zu sagen:
    Manche Sommerwoch' entlang
    Kam ich dorthin jeden Abend
    Mit der Laut' und mit Gesang,
Klagt' in mannigfachen Weisen
    Meiner Liebe Qual und Drang,
    Bis zuletzt vom hohen Gitter
    Süße Antwort niederklang.
Solches Spiel mit Wort und Tönen
    Trieben wir ein halbes Jahr,
    Und auch dies war nur vergönnet,
    Weil halb taub der Vormund war.
Hub er gleich sich oft vom Lager
    Schlaflos, eifersüchtig bang,
    Blieben doch ihm unsre Stimmen
    Ungehört wie Sphärenklang.
Aber einst (die Nacht war schaurig,
    Sternlos, finster wie das Grab)
    Klang auf das gewohnte Zeichen
    Keine Antwort mir herab;
Nur ein alt zahnloses Fräulein
    Ward von meiner Stimme wach,
    Nur das alte Fräulein Echo
    Stöhnte meine Klagen nach.
Meine Schöne war verschwunden,
    Leer die Zimmer, leer der Saal,
    Leer der blumenreiche Garten,
    Rings verödet Berg und Thal.
Ach, und nie hatt' ich erfahren
    Ihre Heimat, ihren Stand,
    Weil sie, beides zu verschweigen,
    Angelobt mit Mund und Hand.
Da beschloß ich, sie zu suchen
    Nah und fern, auf irrer Fahrt:
    Den Homerus ließ ich liegen,
    Nun ich selbst Ulysses ward;
Nahm die Laute zur Gefährtin,
    Und vor jeglichem Altan,
    Unter jedem Gitterfenster
    Frag' ich leis' mit Tönen an,
Sing' in Stadt und Feld das Liedchen,
    Das im Salamanker Thal
    Jeden Abend ich gesungen
    Meiner Liebsten zum Signal.
Doch die Antwort, die ersehnte,
    Tönet nimmermehr, und, ach!
    Nur das alte Fräulein Echo
    Reist zur Qual mir ewig nach.
 
2. Der Jäger.
Als ich einsmals in den Wäldern
    Hinter einer Eiche stand,
    Lauernd, oft mich vorwärts legend,
    Auch die Büchse schon zur Hand:
Da vernahm ich leichtes Rauschen,
    Und mein Hühnerhund schlug an,
    Fertig hielt ich gleich die Büchse,
    Paßte mit gespanntem Hahn.
Sieh'! da kam nicht Reh noch Hase.
    Kam ein Wild von schönrer Art,
    Trat ein Mägdlein aus den Büschen,
    Jung und frisch und lind und zart.
So von seltsamen Gewalten
    Ward ich plötzlich übermannt,
    Daß ich fast vor eitel Liebe
    Auf die Schönste losgebrannt.
Immer geh' ich nun den Fährten
    Dieses edeln Wildes nach,
    Und vor seinem Lager steh' ich
    Jeden Abend auf der Wach'.
Um es unverblümt zu sagen:
    Vor der Lieblichsten Altan
    Steh' ich pflichtlich jeden Abend,
    Blicke traurig still hinan.
Doch von solcher stummen Klage
    Wird ihr gleich die Zeit zu lang;
    Lieder will sie, süße Weisen,
    Flötentöne, Lautenklang.
Ach, das ist ein künstlich Locken,
    Drin ich Weidmann nichts vermag,
    Nur den Knckucksruf verstehend
    Und den schlichten Wachtelschlag.
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