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Gedichte

Ludwig Uhland: Gedichte - Kapitel 182
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Uhland
publisherVerlag Projekt Gutenberg-DE
titleGedichte
created20150819
modified20170601
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Jungfrau Sieglinde

        Das war Jungfrau Sieglinde,
Die wollte früh aufstehn,
Mit ihrem Hofgesinde
Zum Frauenmünster gehn.
Sie ging in Gold und Seide,
Mit Blumen und Geschmeide;
Das ward zu großem Leide.

Es stehn drei Lindenbäume
Wohl vor der Kirchenpfort';
Da saß der edle Heime,
Der sprach viel leise Wort':
»Was Gold, was Edelsteine!
Hätt' ich der Blumen eine
Aus deinem Kranz, du Feine!«

So sprach der Jüngling leise;
Da trieb der Wind sein Spiel,
Daß aus der Blumen Kreise
Die schönste Rose fiel.
Herr Heime thät sich bücken,
Die Rose wegzupflücken,
Damit wollt' er sich schmücken.

Da war ein alter Ritter
In Siegelindens Chor;
Dem war es leid und bitter,
Gar zornig trat er vor:
»Muß ich dich Hofzucht lehren?
Darfst du vom Kranz der Ehren
Ein Läublein nur begehren?«

O weh dem Garten immer,
Der solche Rosen bracht'!
O Heil den Linden nimmer,
Wo solcher Streit erwacht!
Wie klangen da die Degen,
Bis unter wilden Schlägen
Der Jüngling tot erlegen!

Sieglinde beugt' sich nieder
Und nahm die Ros' empor,
Steckt' in den Kranz sie wieder
Und ging zur Kirche vor.
Sie ging in Gold und Seide,
Mit Blumen und Geschmeide;
Wer thät' ihr was zuleide?

Vor Sankt Mariens Bilde
Nahm sie herab die Kron':
»Nimm du sie, Reine, Milde!
Kein Blümlein kam davon.
Der Welt will ich entsagen,
Den heil'gen Schleier tragen
Und um die Toten klagen.«

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