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Gedichte

Ludwig Uhland: Gedichte - Kapitel 139
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Uhland
publisherVerlag Projekt Gutenberg-DE
titleGedichte
created20150819
modified20170601
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Entsagung

        Wer entwandelt durch den Garten
Bei der Sterne bleichem Schein?
Hat er Süßes zu erwarten?
Wird die Nacht ihm selig sein?
Ach, der Harfner ist's; er sinkt
Nieder an des Turmes Fuße,
Wo es spät herunterblinkt,
Und beginnt zum Saitengruße:

»Lausche, Jungfrau, aus der Höhe
Einem Liede, dir geweiht,
Daß ein Traum dich lind umwehe
Aus der Kindheit Rosenzeit!
Mit der Abendglocke Klang
Kam ich, will vor Tage gehen
Und das Schloß, dem ich entsprang,
Nicht im Sonnenstrahle sehen.

»Von dem kerzenhellen Saale,
Wo du throntest, blieb ich fern,
Wo um dich beim reichen Mahle
Freudig saßen edle Herrn;
Mit der Freude nur vertraut
Hätten Frohes sie begehret,
Nicht der Liebe Klagelaut,
Nicht der Kindheit Recht geehret.

»Bange Dämmerung, entweiche!
Düstre Bäume, glänzet neu,
Daß ich in dem Zauberreiche
Meiner Kindheit selig sei!
Sinken will ich in den Klee,
Bis das Kind mit leichtem Schritte
Wandle her, die schöne Fee,
Und mit Blumen mich beschütte.

»Ja, die Zeit ist hingeflogen,
Die Erinnrung weichet nie;
Als ein lichter Regenbogen
Steht auf trüben Wolken sie.
Schauen flieht mein süßer Schmerz,
Daß nicht die Erinnrung schwinde.
Sage das nur, ob dein Herz
Noch der Kindheit Lust empfinde!«

Und es schwieg der Sohn der Lieder,
Der am Fuß des Turmes saß;
Und vom Fenster klang es nieder,
Und es glänzt' im dunkeln Gras:
»Nimm den Ring und denke mein,
Denk an unsrer Kindheit Schöne!
Nimm ihn hin! Ein Edelstein
Glänzt darauf und eine Thräne.«

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