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Gedichte

Ludwig Uhland: Gedichte - Kapitel 109
Quellenangabe
typepoem
authorLudwig Uhland
publisherVerlag Projekt Gutenberg-DE
titleGedichte
created20150819
modified20170601
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Die Geisterkelter

            Zu Weinsberg, der gepriesnen Stadt,
Die von dem Wein den Namen hat,
Wo Lieder klingen, schön und neu,
Und wo die Burg heißt Weibertreu:
Bei Weib und Wein und bei Gesang
Wär' Luthern dort die Zeit nicht lang,
Auch fänd' er Herberg' und Gelaß
Für Teufel und für Dintenfaß,
Denn alle Geister wandeln da;
Hört! was zu Weinsberg jüngst geschah.

Der Wächter, der die Stadt bewacht,
Ging seinen Gang in jener Nacht,
In der ein Jahr zu Grabe geht
Und gleich ein andres aufersteht.
Schon warnt die Uhr zur Geisterzeit,
Der Wächter steht zum Ruf bereit:
Da, zwischen Warnen, zwischen Schlag,
Am Scheideweg von Jahr und Tag,
Hört er ein Knarren, ein Gebraus,
Genüber öffnet sich das Haus,
Es sinkt die Wand, im hohlen Raum
Erhebt sich stolz ein Kelterbaum,
Und um ihn dreht in vollem Schwung
Sich jauchzend, glühend alt und jung,
Und aus den Röhren, purpurhell,
Vollblütig, springt des Mostes Quell;
Ein sausend Mühlrad, tobt der Reihn,
Die Schaufeln treibt der wilde Wein.
Der Wächter weiß nicht, wie er tu',
Er kehrt sich ab, den Bergen zu:
Doch ob der dunkeln Stadt herein
Erglänzen die in Mittagsschein,
Des Herbstes goldner Sonnenstaub
Umwebt der Reben üppig Laub,
Und aus dem Laube blinkt hervor
Der Winzerinnen bunter Chor;
Den Trägern in den Furchen all
Wächst übers Haupt der Trauben Schwall,
Die Treterknaben sieht man kaum,
So spritzt um sie der edle Schaum.
Gelächter und Gesang erschallt,
Die Pritsche klatscht, der Puffer knallt.
Wohl senkt die Sonne jetzt den Lauf,
Doch rauschen Feuergarben auf
Und werfen Sterne, groß und licht,
Dem Abendhimmel ins Gesicht.
Da dröhnt der Hammer, dumpf und schwer,
Zwölfmal vom grauen Kirchturm her.
Der Jubel schweigt, der Glanz erlischt,
Die Kelter ist hinweggewischt,
Und aus der stillen Kammer nur
Glimmt eines Lämpchens letzte Spur
Der Wächter aber singet schon
Das neue Jahr im alten Ton,
Doch fließet ihm, wie Honigseim,
Zum alten Spruch manch neuer Reim.
Er kündet froh und preiset laut,
Was ihm die Wundernacht vertraut,
Denn wann die Geisterkelter schafft,
Ist guter Herbst unzweifelhaft.

Da klopft's ihm auf die Schulter sacht,
Es ist kein Geist der Mitternacht;
Ein Zechgesell, der keinen glaubt,
Begrüßt ihn, schüttelnd mit dem Haupt:
»Der Most in deiner Kelter war
Vom alten, nicht vom neuen Jahr.«

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