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Gedichte

Eugenie Marlitt: Gedichte - Kapitel 34
Quellenangabe
typepoem
authorEugenie Marlitt
year1994
publisherHain Verlag
addressRudolstadt - Jena
isbn3-930215-03-9
titleGedichte
created20170516
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Windsbraut.

                  Es rieselt der Schnee. Die Erde ist weiß,
Umgeben vom Panzer aus glänzendem Eis.

Zwei Wanderer eilen durch mächtiges Graus
Beschneiten Pfades zum sicheren Haus.

Der eine gebeugt, seine Locken ergraut,
Der andere fröhlich ins Leben noch schaut.

,Mein Sohn, hülle fester dich ein ins Gewand,
Die Windsbraut fährt heut' über Meere und Land!«

»Die Windsbraut soll fürchten dein starker Sohn?
Laut kündet dem Weibe er Spott nur und Hohn!«

Und jubelnd er schmettert in jauchzender Lust
Ein munteres Liedchen aus voller Brust.

So schreiten sie rüstig. Der Schnee fällt dicht,
Und Wolken verhüllen des Mondes Licht.

»Mein Auge wird schwach, und mein Blick ist umflort,
Mein Sohn, führt der Weg auch zum Heimatort?«

»So haben, mein Vater, wir zwei uns verirrt?
Mein Singen, es hat mir den Sinn wohl verwirrt!«

Der Weg ist verweht und die Bahn, die ist aus –
Von ferne zieht pfeifend des Sturmes Gebraus.

Auf türmt sich der Schnee wie zu mächtiger Wehr,
Und spitziges Eis fähret glitzernd umher.

So irren sie lange. – »Mein Vater, halt ein,
Ich kann nicht mehr, laß mich hier sterben allein!«

Er sinkt in die Knie. Es rasselt heran
Der tobende Sturmwind mit wildem Gespann.

»Mein Vater, hörst du nicht den fernen Gesang,
Das Glockengeläute, den Harfenklang?

Und vor dem verlockenden, süßen Getön
Schweigt selbst jetzt des rasenden Windes Gestöhn –

O geh, alter Mann, sieh, ich schlummre hier,
Geh heim nun, und grüße die Mutter von mir...«

Huiii! Donnert ein brausender Windstoß daher!
Die Wolken sich türmen wie schäumendes Meer!

Die Bäume zersplittern im nahen Wald,
Und heulender Wehruf die Lüfte durchhallt.

»O Vater, siehst dort du das himmlische Weib
Mit nachtschwarzen Flügeln am schlanken Leib,

Umflattert von mächtiger Schleier Gewind
Gleich fliegenden Mähnen, gepeitscht vom Wind?

O siehe, des funkelnden Augenpaars Pracht
Durchflammt wie die Sonne das Grausen der Nacht!«

Er jauchzt, daß es gellt! und dem bebenden Greis
Gerinnt in den Adern das Blut fast zu Eis.

»Sieh Vater, sie winkt mir mit schlohweißem Arm,
Ich fühl' ihren Atem so liebewarm...

Hiernieder zu mir!... sie ziehet vorbei!«
Er stürzet zu Boden mit gellendem Schrei!

Erstarrt vor Entsetzen der Alte steht,
Auf der Lippe erstirbt ihm das heiße Gebet.

Er hüllt in den Mantel sein sterbendes Kind,
Wankt heim dann allein durch den Schnee und den Wind.

Und wird dir auch Hilfe, sie ist kein Gewinn,
Das Herz ist zerbrochen, der Stolz ist dahin!

Dein Sohn schläft so tief, daß er nimmer erwacht...
An ihm ward die Rache der Windsbraut vollbracht.

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