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Max von Schenkendorf: Gedichte - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
authorMax von Schenkendorf
titleGedichte
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
editorEdgar Groß
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151005
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Lebensbild

 

»Denn Freiheit war das Meisterwort,
Als Gott die Geister schuf.«

 

Man ist gewöhnt, die Namen Arndt, Schenkendorf und Körner in einem Atem auszusprechen und sie zu dem Dreigestirn der eigentlichen Freiheitsdichter zusammenzufassen, obwohl diese Bevorzugung weit mehr auf persönlichen als künstlerischen Gründen beruht. So überragen andere, wie Rückert, Eichendorff und Görres, auch als politische Lyriker den Verfasser von »Leier und Schwert« bei weitem, an Volkstümlichkeit jedoch können sie sich mit ihm in keiner Weise messen. Denn Körner hatte das Glück, noch mitten im Sturm der Ereignisse den Heldentod zu sterben, und für das allgemeine Volksempfinden, das wenig nach literarischer Wertschätzung zu urteilen pflegt, genügte das, auch seinen poetischen Nachruhm zu erhöhen. Allerdings hatte er vor andern den Vorzug, Tagesdichter im eigentlichen Sinne des Wortes zu sein; seine Lieder wurden von den Soldaten im Felde gesungen und brachten den Namen ihres Autors schnell in aller Munde. Und darin berührt er sich mit den beiden bedeutendsten Dichtern der Freiheitskriege. Ernst Moritz Arndt und Max von Schenkendorf sind sich durchaus verwandt in der sicheren Erfassung aller Gegenwartsströmungen und -forderungen. Als Intellekt steht Arndt am höchsten, dessen etwas emphatische, aber immer markante und leider zu wenig beachtete Prosa einen Ideenreichtum enthält, der weit über das augenblickliche Tagesbedürfnis hinausweist. Doch er war eine schwere Natur, zwar volkstümlich, weil er tief im Wesen seiner Rügenschen Heimat wurzelte, aber nicht berufen, der Lieblingsheld des Volkes zu werden. Wenn überhaupt einer, so war Schenkendorf dazu geschaffen. Heldenhaft, anmutig, frisch und leicht, kein hervorragender Geist, aber mit dem Talent begnadet, seine Fähigkeiten im Dienste der Zeit, im Dienste des Vaterlandes auszuschöpfen,   so schien er alle idealistisch-romantischen Vorstellungen von einem ritterlichen Helden des Mittelalters in Wirklichkeit umzusetzen. Und so konnte die Zeit der Befreiungskriege, die uns selbst in ihrer ganzen Erscheinung als eine Vereinigung von Rittertum und Priestertum entgegentritt, in ihm den berufenen Sprecher des Volkes sehen.

Schenkendorfs Ideen- und Empfindungsgehalt war sicher bei hundert andern auch vorhanden; denn er war Allgemeingut seiner Nation. Und poetisch fühlen wie er mochten andere ebenfalls; erscheint doch in einer Epoche mit so gesteigerten Empfindungen eigentlich jedes Gefühl schon verklärt. Aber es so auszusprechen und dafür eine Form zu finden, die anfeuerte, auf jung und alt, auf Bürger und Soldat wirkte, das war Schenkendorfs besondere Begabung.

Seine Entwicklung bietet wenig überraschende Momente; nur dadurch, daß sein Leben in einer bedeutenden Epoche verläuft, ja sozusagen sich an ihr abwickelt, wird es ereignisreich. Niemals erhebt er sich über seine Zeit; ja gerade wo er in eine besondere Stellung gerückt ist, zeigt er sich als Mensch und Künstler von den politischen, sozialen und volkswirtschaftlichen Umständen durchaus abhängig. Schon durch seine Abstammung steht er in einem bestimmten Verhältnis zu Volk und Königtum. Wenn er auch nicht rein ostpreußisches Blut in den Adern hatte, so bewegte er sich doch den größten Teil seines Lebens hindurch in dem Milieu der altpreußischen Adelsfamilien, deren Hochburg damals gerade die östlichen Provinzen waren. Und ein Vertreter der altpreußischen Aristokratie im besten Sinne war auch Max von Schenkendorf.

Sein Vater, George Heinrich Ferdinand von Schenkendorf, stammte aus der Neumark. Er hatte das Familiengut Schönow früh verlassen und vierzehn Jahre als Offizier unter Friedrich II. gedient; dann zwang ihn ein Leiden, das durch den Hufschlag eines Pferdes hervorgerufen war, seinen Abschied zu nehmen. Nachdem er auf die ihm zustehende Pension verzichtet hatte, ließ er sich in Tilsit nieder, wo er die Stelle eines Salzfaktors und später den Titel Kriegsrat erhielt. Da aber seine Tätigkeit ihn wenig befriedigte und Bemühungen um einen besseren Verwaltungsposten auch keinen Erfolg hatten, wandte er sich der Landwirtschaft zu, für die er immer eine große Vorliebe besessen hatte. Er erwarb (1789) das sogenannte Mälzenbräuerhaus in Tilsit, das er in einen Speicher umwandeln ließ, und kaufte ein Jahr darauf das unweit der Stadt gelegene Gut Lenkonischken. Lenkonischken war keines der adligen Güter, die nur im Besitz von Adligen sein konnten, sondern gehörte zu den sogenannten köllmischen Gütern, die mit geringen Zinsabgaben belegt waren und ursprünglich von freien Besitzern, erst später von Adligen erworben wurden. 1782 hatte er sich mit Charlotte Karrius, der Tochter eines Königsberger Pfarrers, vermählt. Da seine Frau nach dem Tode ihrer Mutter noch das Gut Nesselbeck erbte, gehörte die Schenkendorfsche Familie anfangs also durchaus zu den wohlhabenden des Landes.

Am 11. Dezember 1783 wurde Gottlob Ferdinand Maximilian Gottfried von Schenkendorf in Tilsit geboren. Seine Jugend fällt also noch in die Zeit der Leibeigenschaft und der streng kastenmäßigen Trennung der Stände. Auf der einen Seite stand der Adel in einem teils vasallenartigen, teils familiären Verhältnis zum Königtum, auf der andern Seite war der Bauer Untertan des Junkers, der im besten Falle patriarchalisch »regierte«. Aber trotzdem war der soziale Gegensatz noch nicht zum Problem geworden. Mochte der Bauer im allgemeinen in arger Not und Bedrückung leben, er betrachtete die Unterordnung eben als selbstverständlich. Freilich gab es unter den Adligen auch einzelne, die sich bereits zu einem höheren Kulturstandpunkt erhoben hatten und in allen Ständen das Menschentum achteten; ja zuweilen machte sich in ihren Kreisen schon ein ausgeprägt soziales Empfinden bemerkbar. In Schenkendorfs Jugendzeit wurden mehrfach Aktionen für Hilfsbedürftige eingeleitet, wobei einer der Regsamsten der Dichter selbst war. Wenn er seine Feder geradezu in den Dienst der sozialen Fürsorge stellte, so blieb natürlich auch er in der naiven Zeitvorstellung befangen, man könne soziale Not allein durch private Unterstützung beseitigen; aber seine Handlungsweise entsprang doch einer wahren, großzügigen Menschenliebe. Allerdings sprach wie überall in jener Zeit auch hier das religiöse Empfinden mit. Gerade der damalige preußische Adel neigte zu pietistischen Anschauungen und hielt es für seine Pflicht, die Notleidenden zu unterstützen, weil das echte Christentum es so forderte. Wie hier also die Grundlage für Schenkendorfs spätere Betonung des altchristlichen Grundsatzes, alle Menschen seien Brüder, gegeben war, so wurde auch seine Stellung zum Vaterlande schon früh durch die Verhältnisse, unter denen er aufwuchs, bestimmt.

Durch die Person des Vaters war eine persönliche Verbindung mit der Glanzzeit preußischer Macht unter Friedrich II. gegeben; als ein ferner Schimmer mochte sie in das Leben hineinfallen und Vergleichungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit herausfordern. Dazu kamen Einflüsse von anderer Seite, die den Blick des Jünglings auf noch fernere Zeiten, auf das alte deutsche Kaisertum und Rittertum, lenkten. Er selbst durchlebte mit erwachendem Bewußtsein alle Leiden eines unterdrückten Volkes mit, er war Zeuge von Plünderungen und Feindesdurchzügen und sah schließlich auch seine Familie verarmen. Konnte es da ausbleiben, daß er sich mit hundert Gleichgesinnten im Zorn gegen den fremden Eroberer und in glühender Begeisterung für das Vaterland zusammenfand? Und doch entwickelten sich diese Empfindungen bei ihm erst sehr allmählich.

Die Erziehung des jungen Schenkendorf war ganz nach der damals in Adelshäusern üblichen Methode geregelt. Er und sein Bruder Karl Tugendreich (geboren 1785) Eine jüngere Schwester Karolina Ludovika Euphrosyna starb früh. hatten einen Hofmeister, von dem Ferdinand, das war der ursprüngliche Rufname des Dichters, für die Universität und Karl für die militärische Laufbahn vorbereitet werden sollten. Die Ausbildung entsprach der nüchternen Strenge des Vaters, der irgendwelche individuellen Neigungen seiner Kinder weder verstehen konnte noch wollte und auch, zum Teil infolge seiner Reizbarkeit und Verschlossenheit, niemals zu seinen Söhnen in ein inneres Verhältnis trat. Seit er sich gar auf die Landwirtschaft gelegt hatte, sah er sein eigentliches Lebensziel überhaupt nur darin, durch landwirtschaftliche Experimente hervorzuragen. Welcher Art sie gewesen sein mögen, zeigt sich zur Genüge darin, daß er die Ernährungsfrage auf dem Lande durch ein von ihm erfundenes Brot aus Torferde zu lösen versuchte.

Gegenüber der zwar starren, aber immerhin biederen Einfachheit des Vaters war die Mutter eine aus phantastischen Launen und Widersprüchen so seltsam zusammengesetzte Natur, daß die Gatten in späteren Jahren fast immer getrennt lebten. Charlotte pflegte dann in Königsberg oder auf ihrem Gute Nesselbeck zu hausen, wo sie sich ganz ihren überspannten Liebhabereien hingab. Den Tag brachte sie im Bett zu, indem sie entweder ihre Gutsgeschäfte erledigte oder sich mit mystischer Lektüre beschäftigte. Erst um 5 Uhr nachmittags stand sie auf, um sich zum Empfang der für den Abend geladenen Gäste vorzubereiten. Und nun zeigte sie sich ganz als liebenswürdige Wirtin. Geselligkeit und musikalisch-deklamatorische Vorträge hielten den Kreis bis zum frühen Morgen zusammen, dann schieden die Besucher, und Frau von Schenkendorf zog sich wieder in ihr Schlafzimmer zurück, um sich für den folgenden Abend zu erholen. Manchmal zog sie es auch vor, statt Gäste zu empfangen, des Nachts Sterne zu betrachten und so ihre phantastisch-mystischen Neigungen zu befriedigen. Die Verbindung mit ihren Kindern hielt sie zwar immer, auch in späteren Jahren noch, aufrecht; aber zu einem liebevollen Verhältnis war es niemals gekommen. Selbst Ferdinand, obwohl er in seinem Wesen ererbte Seltsamkeiten der Mutter aufwies und vielleicht gerade darum ihr Lieblingssohn war, empfand die Besuche auf Nesselbeck später nur als peinigende Qual.

Unter diesen Umständen fühlte sich Schenkendorf schon als Knabe im Elternhause unbehaglich und, um für die fehlende Liebe Ersatz zu finden, suchte er schon früh mit Vorliebe die Einsamkeit auf, wo er ungestört seinen Träumereien nachhängen durfte. Gerade die hügel- und seenreiche litauische Natur, die Heimat der schwermütig melodischen Dainos, gab ihm in dieser Beziehung Anregungen genug. So sehr ihn aber der poetische Reiz dieser Gegend lockte, er empfand es doch als eine rechte Erlösung, als er, entsprechend dem damaligen Brauch, mit fünfzehn Jahren (1798) auf die Universität Königsberg geschickt wurde, um sich dort unter der Aufsicht eines Onkels nach dem Wunsch des Vaters zum Landwirt, nach dem der Mutter zum Gelehrten vorzubereiten. Ist es zu verwundern, daß nun eine Reaktion mit doppelter Schärfe einsetzte? Den Fesseln plötzlich entronnen, gab Ferdinand sich alsbald unbeschränkt einem genialisch freien Studentenleben hin, ohne sich um die auferlegten Studien viel zu kümmern.

Eine Zeitlang scheint der Onkel das Treiben seines Pfleglings ruhig mit angesehen zu haben; als aber dieser anfing, die ihm ausgesetzte Summe zu überschreiten (sie war übrigens auch für damalige Verhältnisse äußerst gering), geriet er in helle Entrüstung und äußerte sein Mißfallen. Und nicht weniger entsetzt waren die Eltern, die zu erkennen meinten, daß sie den Sohn viel zu verfrüht auf die Universität entlassen hätten. Sie machten also kurzen Prozeß und brachten ihn aus dem bewegten Königsberger Leben in die Einsamkeit des sogenannten Oberlandes. Dort sollte der ehemalige Prinzenerzieher Dr. Ernst Hennig, der jetzt im Dorfe Schmauch bei Pr.-Holland als Pfarrer amtierte und Söhne adliger Familien in Pflege nahm, mit seinen pädagogischen Erfahrungen aus dem wilden Studenten einen gesetzten Jüngling machen.

Das Charakterbild Hennigs ist psychologisch sehr interessant. Er war von Grund aus Pedant, hielt sich für den unfehlbaren Richter in moralischen Angelegenheiten und witterte in jeder Sonderheit des Charakters schwere Gefahren, weshalb er die Aufgabe der Erziehung darin sah, Naturen, die anders geartet waren als er, zu vernichten. Um das zu erreichen, war ihm aber jedes Mittel recht. Während er seinen Schülern gegenüber den frommen Erzieher spielte und sie die moralische Überlegenheit des gereiften Pädagogen fühlen ließ, verleumdete er sie heimlich bei ihren Eltern, um seinen Pflichteifer ins rechte Licht zu rücken. Schenkendorf sollte diese Methode am eigenen Leibe erfahren. Dabei war dieser Pfarrer nicht ohne wissenschaftliches Streben; er beschäftigte sich mit der Geschichte Altpreußens und der Ordenszeit und schrieb über die deutsche Sprache. Hätte er seinen Zöglingen aus diesen Arbeiten Mitteilungen gemacht, so würde er in dem jungen Schenkendorf gewiß einen dankbaren Schüler gefunden haben. Denn gerade die romantische Oberländer Natur gab seiner Liebe zur Heimat, seinem begeisterten, fast religiös gestimmten Aufgehen in die Vergangenheit vielfach Anregungen, die Hennig leicht hätte benutzen können. So mußte er an anderer Stelle Erfüllung seiner unklaren, aber starken Sehnsucht suchen.

Auf seinen Streiftouren durch die waldreiche, vom Passargefluß durchströmte Gegend kam er zufällig, scheint es, in das unweit von Schmauch gelegene Hermsdorf und wurde dort von dem Erzpriester Wedeke mit großer Herzlichkeit aufgenommen. Wie wohl mußte es dem jungen Träumer tun, aus der unwahren, abstoßenden Sphäre Hennigs in dieses sympathische Landpfarrhaus zu treten, wo der Alte, nach Schleiermachers Urteil ein herrlicher Mann »von einfachem, echtem Gemüth, echter Sittlichkeit, reinem Wahrheitssinne und einem patriarchalischen Styl«, unbekümmert um die Ereignisse der Welt seinen romantischen Neigungen lebte. Er las Novalis und Friedrich Schlegel, schwärmte für die Ordenszeit und das mittelalterliche Kaisertum und schrieb selbst an einem Werk »Bemerkungen auf einer Reise durch Preußen«, das den Blick seiner Landsleute auf Denkwürdigkeiten und große Männer der preußischen Heimat lenken sollte. Und über das alles belehrte er seinen jungen Freund mit liebenswürdiger Gesprächigkeit und führte ihm Ideen nahe, die jener in jugendlicher Unklarheit schon manchmal gefühlt haben mochte. Die Stunden, welche Schenkendorf im Hermsdorfer Pfarrhaus verbrachte, waren von nachhaltiger Wirkung auf seinen ganzen Entwicklungsgang. Dagegen scheint Wedeke weniger Einfluß auf das religiöse Leben des jungen Studenten gewonnen zu haben, obwohl bei diesem schon damals ein starkes inneres Bedürfnis danach vorhanden gewesen ist. Zogen ihn doch hauptsächlich pietistische Neigungen nach dem Schlosse Karwinden, wo Wedekes Patronatsherr, der Burggraf Karl Ludwig Alexander zu Dohna, residierte. Dort nahm er mit dem gräflichen Familienkreis, dessen Mittelpunkt Karl zu Dohna und seine Schwester bildeten, an den religiösen Andachten teil und schwärmte mit viel Empfindsamkeit für romantische Kunst und Musik. Und wie sich aus diesem Verkehr zwischen ihm und dem etwa gleichaltrigen Grafen ein lebenslänglicher Freundschaftsbund entwickelte, so auch aus den Beziehungen, die er mit den beiden Grafen Kanitz auf dem nahen Schloß Podangen anknüpfte. Nachkommen des bekannten Hofpoeten Rudolph Ludwig von Canitz Rudolph Ludwig Freiherr von Canitz lebte von 1654-1699 und bekleidete sowohl unter dem Großen Kurfürsten wie unter Kurfürst Friedrich III. hohe Staatsstellungen. und selbst dilettantisch für »Pinsel und Zither« begabt, fanden sie sich mit Schenkendorf in künstlerischen Neigungen zusammen; besonders der jüngere Bruder Karl schloß sich ihm eng an.

So zog Schenkendorf aus dem Aufenthalt im Oberlande reichen Gewinn. Selbst wenn ein schnell geknüpfter Liebesbund mit Linchen, einer Amtsratstochter aus der Umgegend, ebenso schnell wieder gelöst wurde, hatte er als inneres Erlebnis in dieser Zeit doch große Bedeutung. Und wenn der Dichter sich später in Liedern und Briefen an diese Periode seiner Entwicklung erinnert, klingt überall ein starkes Glücksgefühl über die dort gefundene Liebe und Freundschaft heraus, die ihm halfen, den verhaßten Zwang in Hennigs Hause zu überwinden. »Im Oberlande«, schreibt er einmal, »ist meine Heimath, da fand ich Verwandte, nicht Verwandte des Bluts   verrinnt Blut nicht im Sande des Grabes?   eine Verwandtschaft des Geistes, die übers Grab hinaus, an keinen Körper gefesselt, währt und reicht für die Ewigkeit. Ich fühlte es oft, daß wie zwei gleichgestimmte Saitenspiele das eine den Ton widerhallt, den das andere angiebt, auch unsere Herzen oft von einem Gegenstande ergriffen wurden, daß oft ein Wort, eine Handlung tief in mein Herz drang, dort eine Sache berührte und ein Gefühl, einen Ton weckte, der schon lange der Erweckung geharrt hatte.«

Die drei Namen: Hermsdorf, Karwinden und Podangen blieben für ihn fortan ein Dreiklang schönster, wehmütiger Erinnerungen. Vielleicht gebührt aber dem alten Wedeke das meiste Verdienst, den Ton geweckt zu haben, »der schon lange der Erweckung geharrt hatte«. Er bestärkte seinen jungen Freund nicht nur allgemein in der Verehrung für die altpreußische Vergangenheit, sondern bestimmte ihn jedenfalls durch seine Mitteilungen aus der Ordensgeschichte geradezu zu einem Ausflug nach der Marienburg, der in gewisser Weise bedeutsam für Schenkendorfs Leben ist.

Mit den höchsten Vorstellungen eilte der junge Reisende nach dem Stammschloß der preußischen Ordensritter. Romantisch befangen, wie er war, erwartete er, von dem alten Denkmal müßte noch immer ein Schimmer des ehemaligen Ruhmesglanzes ausgehen. Aber was fand er? Statt Verehrung, wie er sie mitbrachte, Entweihung, statt Erhaltung »abgebrochene Hallen« und Zerstörung. Denn nicht nur, daß das alte Schloß zerfallen war: man war gerade dabei, die alten Remter zu nützlichen Speichern umzubauen.

Wie der in weltfernen Träumereien schwelgende Geist von Enttäuschungen immer härter getroffen wird als eine Gegenwartsnatur, so ergriff auch Schenkendorf eine ungeheure Entrüstung. Seine innersten Gefühle für das Vaterland, das er in dieser Mißachtung historischer Werte aufs tiefste getroffen glaubte, scheinen auf einmal hervorzubrechen und alles andere Empfinden zu verdrängen. Und der unmittelbaren Stimme des Herzens folgend, greift er zur Feder.

»Der Freimütige, Berlinische Zeitung für gebildete, unbefangene Leser«, brachte in der Beilage vom 26. August 1803 seinen Aufsatz, betitelt »Ein Beispiel von der Zerstörungssucht in Preußen«, der mit flammenden Worten entschiedenen Protest gegen die pietätlose Vernichtung alter Denkmäler einlegte.

»Unter allen Überbleibseln gothischer Baukunst in Preußen«, heißt es in diesem Artikel, »nimmt das Schloß zu Marienburg die erste Stelle ein. Aus- und Einländer eilten seit Jahren in Menge dahin, um es zu bewundern. Die Nachricht von seinem baldigen Untergange bewog mich, in diesem Sommer eine Wallfahrt nach seinen Überresten zu unternehmen. Ruinen dachte ich wenigstens zu finden und fand   Mehlmagazine. Gleich nach der preußischen Besitznehmung wurde ein Theil des Schlosses in Kasernen verwandelt, obgleich Friedrich, wie die Inschrift sagt, im Jahre 1774 befahl, das Schloß aus den Ruinen zu reißen und es der Nachwelt zu erhalten. Diesen Befehl befolgt man durch Zerstörung des Schlosses. Zerstörung ist es im buchstäblichen Sinne; denn selbst diejenigen Theile, welche jahrhundertelang unverletzt gestanden haben, werden jetzt zerbrochen. Die Seitendecken und Gipswände werden herausgeschlagen und statt der letztern hölzerne Böden eingelegt, um so doppelte Schüttungen zu erhalten. Mit dem heiligen Schutte füllt man die kostbaren Gewölbe an, die in mehreren Stockwerken unter dem Schlosse fortlaufen und nicht nur von der Riesenkraft, sondern auch von der Sorgfalt ihrer Erbauer sprechen, indem hier zur Zeit des Krieges der Landmann mit seinen Vorräten einen Schutz fand, dessen er freilich jetzt nicht bedarf! Das alte Gebäude kam mir wie das Skelett eines Riesen vor. Es wird ausgeweidet, und nur die kahlen Seitenwände verschont man. Es ist kein Vorteil dabei, ein altes, in so mancher Hinsicht nützliches Gebäude zu zerstören, um Mehlmagazine anzulegen. Die Kosten der Zerstörung wiegen die der Erbauung eines neuen auf. Und wenn dieses nicht wäre, wenn das Schloß ganz unnütz dastände, wenn niemand darin wohnen, wenn kein Gericht oder dergleichen sich darin versammeln könnte, so müßte man doch das Andenken der Väter ehren und nicht verwüsten. Denkt denn unsere Generation nicht daran, daß es eine Nachkommenschaft giebt, die es einst mit ihren Werken auch so machen kann?   Wer will nun aber diese Entheiligung? Der König nicht. Die Kammer auch nicht. Vielleicht nur die Intendantur? Wollen vielleicht nur die Baumeister das so einträgliche Geschäft nicht aufgeben? Man legte dem Könige bei seiner letzten Anwesenheit in Preußen die Frickschen Ansichten von Marienburg vor. Der Monarch empfand die ehrwürdige Schönheit des Orts und wünschte sehr dessen Erhaltung. Angesehene Männer, die den Greuel der Verwüstung ansehen, verwandten sich bei der Kammer in Marienwerder. Auf den verlangten Bericht erhielten diese zur Antwort, daß gar nichts niedergerissen würde, und daß man nur für die Erhaltung besorgt wäre. Und doch sah ich in diesem Sommer die Arbeiter mit der Zerstörung beschäftigt, doch wandelte ich nur unter Schutthaufen, und während meines Aufenthalts mußte der Oberst v. Viereck sein Logis, die ehemaligen Zimmer der Hochmeister, räumen, um sie abbrechen zu lassen. Jeder, dem der edle Rost des Altertums lieber ist als Mehlstaub, bedauert diesen Verlust. Der gebildete Ausländer nimmt theil daran, wie der Preuße. Wie klagt nicht schon Wraxall in seiner bekannten Reise über die Kasernen im Schlosse! Was würde er erst sagen, wenn er jetzt herkäme und sogar diese zerstört sähe! Um sich die Möglichkeit eines so traurigen Anblickes zu denken, muß man selbst dagewesen sein, muß man die Leute gesehen haben, durch welche alles geschieht. Ein Aufseher sagte einer vornehmen Dame, welche das Schloß besah und bedauerte, daß der jetzige Anblick der Mühe nicht lohne, es wäre alles so schmutzig und alt: über ein paar Jahre möchte sie kommen, dann würden hier herrliche Schüttungen sein.   Schüttungen sind also das Nonplusultra dieses Mannes. Darin will er leben wie eine Kornmaus!   Von ähnlichen Äußerungen war ich Zeuge. Doch was kann man anderes von Leuten erwarten, die nicht einmal das kennen, wodurch der Ort sein größtes Interesse erhält! Sie müssen nicht wissen, daß Marienburg von der Patronin des Deutschen Ordens seinen Namen hat. Die Intendantur nennt sich an öffentlichen Gebäuden nicht Marien-, sondern Margenburgische.   Genug um die Menschen, genug um das Ganze zu beurtheilen. Ich mag die Ursache davon nicht aufsuchen: dem Freimüthigen aber geziemt es, öffentlich über eine Sache zu reden, welche das ganze Land angeht. Vielleicht gelingt es dem Einflusse eines seiner Leser, das zu retten, was die zerstörende Hand noch nicht erreicht hat. Noch steht unter anderem der merkwürdige auf einer Säule ruhende Rittersaal, den ein Schullehrer zum Theil bewohnt, und wo man die berühmte Kugel, mit welcher die Polen einst Saal und Orden vernichten wollten, in dem Ofenloche eines Leinwebers suchen muß. Noch steht die Kirche und neben ihr Marias kolossalische Bildsäule. So muß die heilige Jungfrau ihren Sitz entweihen sehen! Bald vielleicht kommt die Reihe an sie; denn der Geiz kann ja wohl Glas für Edelstein ansehen. Wer retten will und kann, der rette bald! denn Eile ist nöthig.«

So sehr diese Zeilen unmittelbar zu Herzen sprachen, die außerordentliche Wirkung, die sie ausübten, wäre ihnen sicher nicht beschieden gewesen, hätte nicht ein glücklicher Zufall das seine dazu getan. »F. v. Sch.« war der Artikel unterzeichnet. Das gab in Regierungskreisen Anlaß, den Präsidenten F. von Schön für den Verfasser zu halten; und eine so gewichtige Stimme in einem vielgelesenen Blatt durfte natürlich nicht unbeachtet bleiben. Der Erfolg war, daß sehr bald fürs erste wenigstens die Zerstörung des alten Bauwerkes eingestellt wurde. An diesen Besuch sich rückerinnernd, widmete der Dichter dem alten Schloß später folgende Verse:

»Auf der Nogat grünen Wiesen
Steht ein Schloß in Preußenland,
Das die frommen deutschen Riesen
Einst Marienburg genannt.«

Vielleicht war es symbolisch, daß dieser Aufsatz, Schenkendorfs erster Schritt auf der Schriftstellerlaufbahn, einen Mahnruf an das Volk bildete. Die Fähigkeit, eine latente Tagesfrage zu erfassen und für sie mit der ganzen Kraft seines unmittelbaren Gefühls einzutreten, war ja auch die Lebensquelle seiner späteren Dichtungen. Noch sollte es aber Jahre dauern, ehe er auf der einmal betretenen Bahn fortschritt.

Zunächst ging sein Trachten danach, aus Hennigs Vormundschaft und der ländlichen Abgeschiedenheit in das bewegte Leben zurückzukehren. Er wandte sich an die Königsberger Studienfreunde, und opferwillig sagten sie sogleich Hilfe zu. Er sollte nur kommen, sie wollten Wohnung und Unterhaltsmittel mit ihm teilen und gemeinsam ihre juristischen Studien betreiben. Und gerade als Schenkendorfs Sehnsucht nach Königsberg so aufs höchste gesteigert wurde, fügte es ein glücklicher Zufall, daß Hennig indirekt mit dahin wirkte, den Wunsch seines Zöglings zu erfüllen. Er hatte an ihm seine Erziehungskünste scheitern sehen und infolgedessen gegen ihn jenen unüberwindlichen Haß gefaßt, den Naturen wie er gegen kraftgenialisch sich regende Jugend zu empfinden pflegen. Und, um sich seiner auf die beste Art zu erledigen, bat er Frau von Schenkendorf »um die Barmherzigkeit«, ihren Sohn aus seinem Hause zu nehmen. Die Mutter war einverstanden, doch stellte sie eine Bedingung, die auf ihr seltsames Gebaren ein charakteristisches Licht wirft. Schenkendorf konnte gehen, wenn er von Hennig ein »Verzeihungs-Dokument« erhielte, in dem dieser bescheinigen sollte, daß zwischen ihm und ihrem Sohn keine »heftigen Auftritte« vorgekommen seien. Hennig schien dazu gern bereit, er entließ seinen Schüler »unter Thränen und Küssen«, während er ihm gerührt den Brief an die Mutter zusteckte. Es war die gemeinste Heuchelei dieses »frommen« Erziehers. »Er nennt mich darin nicht anders«, heißt es in einem Schreiben Schenkendorfs an Wedeke, »als seinen ungerathenen Pflegling und erbietet sich, mich so zu entlarven, daß sie mich in meiner Blöße erkennen soll.« Man sollte erwarten, daß die Mutter, die Hennigs Brief selbst »einen Uriasbrief« nannte, sich von dieser unwahren Art abgestoßen fühlte. Aber weit gefehlt; Schenkendorf sollte die Wirkung dieses Schreibens noch erfahren.

Voll Hoffnungen zog er zum zweitenmal in die Stadt des Albertinums ein. Die Freunde, unter denen Ferdinand von Schrötter, der spätere Mitbegründer der »Vesta«, F. v. Heyden und ein getaufter Jude S. H. Friedländer ihm besonders nahestanden, empfingen ihn herzlich. Aber die Verhältnisse waren anders, als sie es ihm in ihrem schönen Opfermut in Aussicht gestellt hatten. Einer der Freunde wurde krank, ein anderer hatte mit zehn Talern Monatswechsel selbst kaum zu essen, das gemeinsame Studieren war auch nicht durchzuführen   kurz Schenkendorf sah sich sehr bald ganz auf sich angewiesen. Jetzt erst bat er die Eltern um Unterstützung.

Der Vater, dem das Gebaren seines Sohnes im ersten Semester noch immer in schrecklicher Erinnerung geblieben war, antwortete heftig abweisend; milder zeigte sich die Mutter. Sie gab Ferdinand Mittel zum Studium und brachte ihn zu seinem Onkel, dem Justizkommissar Wannovius, in Pension. Damit aber Hennigs Ermahnungen ja nicht nutzlos verhallten, mußte dieser die Ausgaben seines Neffen streng überwachen und zur allgemeinen Warnung in einer Königsberger Zeitung folgende Erklärung erlassen: »Zahllose Beispiele der Verschwendungssucht unter Jünglingen, herbeigeführt durch den alles huldigenden Luxus unserer Zeit, nöthigen mich zu der Erklärung, daß der Studiosus F. M. v. Schenkendorf in Abwesenheit seiner beiden Eltern meiner Curatel übergeben ist, daß ich alle seine Ausgaben nach dem ihm gemachten Etat regulire ...«

Das war natürlich für Schenkendorf eine arge Bloßstellung. »Öffentlich bin ich beschimpft«, klagte er dem väterlichen Freunde in Hermsdorf, und noch lange hielt das beschämende Gefühl an. In späteren Jahren spricht Schenkendorf trotzdem in einem Brief an die Eltern mit großer Verehrung und Liebe von dem Onkel. Ja, die Kluft zwischen ihm und der Mutter scheint infolge dieses Ereignisses ganz unüberbrückbar geworden zu sein. Möglich ist, daß bei ihr auch gar nicht die Neigung ausschlaggebend war, wenn sie ihrem Sohn die Fortsetzung des Studiums ermöglichte, sondern daß sie nur ihren alten Wunsch, aus ihm einen Gelehrten zu machen, gar zu gern erfüllt sehen wollte.

Eifriger als in der ersten Studienzeit widmete sich Schenkendorf jetzt der Wissenschaft. Schon von 6 Uhr morgens an hörte er juristische und kameralistische Vorlesungen. Daneben trieb er auch Chemie und Botanik; denn einmal widerte ihn »all das trockene Zeug«, Landrechte und Pandekten, »die denn doch nur durch Illusion unser Gemüt erwärmen können«, gar zu sehr an, dann entsprachen diese naturwissenschaftlichen Neigungen aber auch den Gepflogenheiten der Romantiker. Und um eine mystisch-poetische Vertiefung, nicht um streng wissenschaftliche Studien wird es sich bei Schenkendorf ebenfalls gehandelt haben. Begann doch gerade in dieser Zeit sein dichterisches Talent zu erwachen. »Lieber Gott, ich fühle es wohl, daß ich zu etwas Anderem als einem Kameralisten geboren bin«, rief er einmal aus, im ersten Bewußtsein seiner literarischen Bestimmung. Und wenn er sich damals auch noch nicht, oder nur nebensächlich in eigenen Produktionen versucht haben wird,   die überlieferten Gedichte gehören alle späteren Jahren an   so deuten doch die Beschäftigung mit der zeitgenössischen Literatur und die häufigen Theaterbesuche in Königsberg auf starke poetische Neigungen. Ein günstiges Geschick fügte es, daß er zu ihrer Pflege bald mehr Anregung und Muße finden sollte.

Schon durch seine pekuniären Verhältnisse gezwungen, hatte Schenkendorf in Königsberg sehr zurückgezogen gelebt und im Jahre 1805 seine Studien zum Abschluß gebracht. Er verließ die Universität und zog sich nach dem nicht weit von der Hauptstadt gelegenen Landamt Waldau zurück, um dort beim Amtsrat Werner das zum Referendarexamen erforderliche praktische Jahr zu absolvieren. Da ihm die neue Umgebung großes Unbehagen erweckte und er im Hause des Amtsrats auch, abgesehen von der Hausfrau, die seinen künstlerischen Neigungen einiges Verständnis entgegenbrachte, keinen Vertrauten fand, suchte er wieder auf einsamen Streifzügen in der Natur Erfüllung seiner Sehnsucht. Daneben setzte er aber seine literarischen Studien mit Eifer fort. Auf Novalis hatte ihn schon der behaglich schwärmende Wedeke hingewiesen, jetzt treten Goethe, Schiller und besonders Klopstock in den Vordergrund. Und wenn auch die erhaben-feierliche Art gerade dieses Dichters so gar nicht Schenkendorfs Natur entsprach, war die Vorliebe für ihn doch bezeichnend. Die Sehnsucht nach Frieden, die sentimentale Naturschwärmerei   das waren Gefühle, die er teilen konnte. Sentimental-idyllisch, teils klopstockisch, teils romantisch, war auch das Milieu, mit dem er sich in Waldau umgab. Er wohnte neben dem Amtshause in einer eigenen Hütte, wo ihn zwei »dichtrische Tauben« umflogen und er des Nachts aus dem Fenster »Orion und Capella« bewunderte oder sich in seine Lieblingsdichter vertiefte. Hier las er auch voll Entzücken die Wallensteintrilogie, in der besonders die Figur des jüngeren Piccolomini so nachhaltig auf ihn wirkte, daß er sich fortan statt Ferdinand nur noch Max von Schenkendorf nannte. Und schließlich blieb es nicht bei der bloßen Bewunderung, er versuchte auch seine Vorbilder nachzuahmen. Zum Durchbruch aber kam die poetische Begabung erst unter dem Einfluß einer heftigen Leidenschaft.

Im Hause des Amtmanns begegnete Schenkendorf eines Tages der Gattin eines Königsberger Kaufmanns, Henriette Elisabeth Barckley, die zu kurzem Besuch nach Waldau gekommen war. Und diese »mit allen Reizen äußerer und innerer Schönheit und echt weiblicher Würde reich ausgestattete« Frau erweckte, obwohl sie neun Jahre älter als er war, die schnell entflammte Liebe des jungen Dichters. Er scheint schon damals Erwiderung gefunden zu haben, und widmete der »holden Braut seines Geistes«, die ihm später angehören sollte, in Waldau die ersten sehnsüchtigen Liebesgedichte. Als die Erkrankung ihres Gatten sie unverhofft nach Königsberg zurückrief, sang Max ihr einen Abschiedshymnus, der jedenfalls zu seinen frühesten Gedichten gehört und deutlich den Einfluß der eifrigen Schillerstudien erkennen läßt.

»Aus dem Tempel willst du fliehen,
Den dir hier die Liebe baut?
Meinen Armen dich entziehen,
Meines Geistes holde Braut?
Richtest du nach deiner Heimat,
Pilgerin, den müden Lauf?
Fleuchst du schon in deinen Himmel,
Schöner Engel, wieder auf?«

Aber er zwingt sich zur Resignation und schließt:

»Schweigen sollen alle Klagen,
Und kein treuer Zephir soll
Diesen Seufzer zu dir tragen,
Welcher hier der Brust entquoll.
Näher, unaussprechlich näher
Bist du doch, Entfernte, mir,
Und im Geisterreiche schweiget
Jede stürmische Begier.«

Bald folgte Schenkendorf der Geliebten nach Königsberg. Schon im Herbst 1805 hatte er die nahe Stadt besucht, war aber mißmutig von dort zurückgekehrt. Unter dem 3. Oktober heißt es aus Waldau: »Ich bin vor ein paar Tagen in Königsberg gewesen. Dort sieht es sehr kriegerisch aus.« In der Tat hatten sich die Verhältnisse infolge der allgemeinen politischen Lage in der ostpreußischen Hauptstadt sehr verändert.

Durch die großen Erfolge, die Napoleon seit 1795 errungen hatte, war Frankreich die erste Macht auf dem ganzen Kontinent geworden. Nur England war noch imstande, Napoleons Forderungen einen entschiedenen Widerstand entgegenzusetzen; es kehrte sich nicht an die im Frieden von Amiens getroffenen Vereinbarungen mit Frankreich und erklärte, als Napoleon die von dem Inselreich gestellten Bedingungen zur Aufrechterhaltung des Friedens ablehnte, im Mai 1803 den Krieg an Frankreich, worauf Napoleon Hannover, Englands Besitz auf dem Kontinent, besetzen ließ. Da aber dadurch ein französisches Heer nicht nur mitten zwischen den östlichen und westlichen Teil Preußens hineingeschoben wurde, sondern auch dessen Gebiet berührte, riet der damalige preußische Minister des Äußeren, Haugwitz, dringend zum Kriege. Denn er erkannte sehr richtig, daß Preußen, dessen Politik seit 1795 ein unfähiges, unentschlossenes Hin- und Herschwanken gewesen war, seine Machtlosigkeit nur zu deutlich bewies, wenn es diesen Eingriff stillschweigend duldete. Indessen die Zaghaftigkeit Friedrich Wilhelms III. verhinderte nicht nur diesmal ein energisches Vorgehen, er zeigte sich auch im folgenden Jahre ebenso unentschlossen. England, Rußland, Schweden und Österreich schlossen die bekannte Koalition gegen Frankreich und erwarteten Preußens Beitritt. Um ihn zu verhindern, versprach Napoleon, Hannover an Preußen abzugeben, wenn es sich dem neuen Bund nicht anschlösse. Auf der andern Seite drängten die Verbündeten. Friedrich Wilhelm III. lehnte Napoleons Anerbieten ab, wodurch er in Gegensatz zu Frankreich trat, schloß sich aber auch nicht der Koalition an, stand also ganz isoliert. Darüber entrüstet, suchte Kaiser Alexander Preußen durch Drohungen und Forderungen aus seiner Neutralität herauszudrängen; dieses weigerte sich aber noch entschiedener und rüstete sogar einige Armeekorps gegen Rußland, um sich vor etwaigen Übergriffen zu sichern. Sehr bald änderte es indessen seine Stellung, zumal Napoleon Preußens Neutralität in ansbachischem Gebiet rücksichtslos verletzte, trat nun der Koalition bei und schloß einen Bund mit Rußland. Jetzt war es aber zu spät. Die Schlacht von Austerlitz (3. Dezember 1805) löste die Koalition auf, Rußland schloß mit Frankreich Frieden, und auch Friedrich Wilhelm III. wünschte, trotzdem er den Befehl zum Einrücken preußischer Truppen in Böhmen gab, nichts sehnlicher als eine Einigung. Noch in demselben Monat wurde daher der Schönbrunner Vertrag abgeschlossen, nach dem Preußen Ansbach und andere Besitzteile abtrat und dafür Hannover erhalten sollte. Damit hatte sich Friedrich Wilhelm III. gegen England in mißgünstige Lage gebracht, die Napoleon bald noch zu verschärfen wußte.

Und wie stand Schenkendorf zu alledem? In dem vorher erwähnten Brief Vielleicht handelt es sich auch um eine Tagebuchaufzeichnung. A. Hagen, dessen Schenkendorfbiographie diese Notiz entnommen ist, teilt sie ohne Quellenangabe mit. aus Waldau heißt es weiter: »Ich ärgere mich selbst, daß ich, der sonst so leicht entbrennt, hier gar keine Partei nehmen kann. Ich liebe den guten Alexander und bin dem Napoleon nicht hold. Aber hier glaube ich, thun wir Recht daran, mit Rußland Krieg zu führen, denn soll man sich, soll Preußen sich zwingen lassen? Und überhaupt wozu der jetzige Krieg? Ich finde nichts Großes darin, wenn Buonaparte unterliegt. Aber er wird nicht unterliegen und wozu dann der schreckliche Krieg?«

So schrieb der spätere Kriegs- und Freiheitssänger Schenkendorf. Allein nach seiner bisherigen Entwicklung ist diese Stimmung erklärlich. 1805 befand er sich noch mitten in seiner romantisch-schwärmenden Jugendperiode. Die zeitgenössische Literatur, besonders die Romantiker, hatten ihn gelehrt, die Tagesereignisse, überhaupt das reale Leben zu verachten und ein mystisches Jenseitsideal zu erstreben. Kriegerische Ereignisse konnten da nur als häßliche und lärmende Ablenkung empfunden werden. Wenn Wedeke und eigene Neigungen ihn schon früher für Preußen begeistert hatten, so handelte es sich dabei immer nur um romantische Vergangenheitsschwärmerei. Und mochte Wedeke unter den damaligen Verhältnissen selbst leiden und »das Samenkorn des politischen Besserwerdens« in der Erde wittern, er träumte doch nur von einer Erfüllung des romantisch-mittelalterlichen Ideals, von der Wiedereinführung der alten deutschen Reichsverfassung; an eine Umgestaltung der politischen Verhältnisse im modernen Sinne oder gar an eine gewaltsame Befreiung des Landes dachte er sicher ebensowenig wie sein Schüler. Wenn aber dieser jetzt besondere Verehrung für Schiller empfand, war er damit allerdings schon aus dem mystisch-weichen Halbdunkel der Novalisschen Romantik in eine klarere Sphäre herausgetreten; in einer jenseitigen Idealwelt befand er sich freilich immer noch. Zog ihn doch bezeichnenderweise eine der unwirklichsten Gestalten des »Wallenstein« am meisten an.

Zwischen dieser Periode Schenkendorfs und der Erkenntnis, daß nur tatkräftiges Handeln dem Volke politische und kulturelle Erlösung bringen konnte, lagen die Einflüsse, durch die er seine eigentliche politische Schulung erhielt.

Die Rückkehr nach Königsberg führte ihn unmittelbar in das kriegerische Milieu. Schon der Gegensatz: dort sentimentale Idylle, hier reales Geschehen, mußte seine Wirkung ausüben und den Kreis der bisherigen Empfindungen, wo Natur, Liebe und Einsamkeit die Hauptrolle gespielt hatten, zum mindesten stören.

Der junge Dichter fand jetzt Aufnahme im Hause seiner Großmutter, der alten Kaplanin Karrius, wo er häufig mit Männern zusammentraf, die im öffentlichen Leben eine angesehene Stellung einnahmen. Aber noch mehr kam er mit dem Getriebe des Königsberger Lebens in Berührung, als er bald darauf im Hause des Landhofmeisters von Auerswald, der im königlichen Schlosse wohnte, eingeführt wurde. Er verkehrte dort sehr häufig und erhielt nach einiger Zeit durch Wedekes und der Freunde Vermittelung eine Art Haushofmeisterstelle, die ihm auferlegte, für das Haus zu sorgen, wenn die Familie auf ihrem Landgut Faulen bei Marienwerder weilte; später standen auch die Söhne unter seiner Obhut. Das Verhältnis ging aber schnell über das Geschäftliche hinaus und gestaltete sich immer freundschaftlicher, so daß Schenkendorf aus den Beziehungen zu dieser Familie großen inneren Gewinn zog.

Das Haus Auerswald bildete in der Stadt einen Sammelpunkt des öffentlichen und künstlerischen Lebens. Mehr noch als die einflußreiche Stellung des Landhofmeisters übte dessen Frau, Albertina von Auerswald, starke Anziehung aus. Sie war klug und entschlossen, liebenswürdig und wohltätig, sie liebte Künste und Wissenschaft ohne aufdringliche Schöngeistigkeit und wußte die hervorragendsten Männer Königsbergs in ihren Salon zu fesseln. E. M. Arndt nennt sie einmal, unter dem tiefen Eindruck, den er bei einem Besuch in ihrem Hause empfing, die schönste und geistreichste Frau, die dem Vaterlande treueste und tapferste Söhne hinterlassen. Mit mütterlicher Liebe nahm sie sich Schenkendorfs an, den das bloße Bewußtsein, sich in einem Kreise gern gesehen und geliebt zu wissen, schon überglücklich machte. Sie pflegte ihn in einer schweren Krankheit, die ihn Ende 1806 oder 1807 befiel, und suchte sein Seelenleben in ruhigere Bahnen zu weisen: und er ließ ihren Einfluß gern auf sich wirken. Zahlreiche Briefe und Gelegenheitsverse legen von der etwas sentimental-überschwenglichen Verehrung, die er für Frau von Auerswald empfand, lebhaftes Zeugnis ab. So schrieb er ihr während der Genesung, dankbar für die Pflege, die sie ihm erwiesen hatte: »Die schöne Prospektmalerin Hoffnung, die mit der Genesung zum Kranken kommt, hatte mir das Glück vorgespiegelt, schon gestern Ihnen, verehrungswürdigste gnädigste Frau, mich darstellen zu können. Ich würde diesen Gang für einen Kirchengang gehalten haben.     Fern ist von mir die Idee, als wenn man mit dem Danke eine Wohlthat bezahlen könne, aber ich bin wirklich mit dem Gefühl einer Herzensschuld   sie ist schwerer als eine Ehrenschuld   umhergegangen.«

Mit alten und neuen Freunden traf der junge Dichter im Hause Auerswald zusammen. Außer den Professoren der Universität und Männern in hervorragenden politischen Stellungen finden wir dort aus der jüngeren Generation die Grafen Karl und Wilhelm von der Gröben, Karl von Münchow, Ernst von Kanitz und den Freiherrn Ferdinand von Schrötter   alles Namen, die später zum Teil durch ihre Verbindung mit Schenkendorf bekannt geworden sind. Und ein Jahr später erschien auch der alte Wedeke, der einen Ruf als Oberhofprediger an der Schloßkirche und Professor an der Universität erhalten hatte. Seine zwei Töchter traten besonders mit Ida von Auerswald, der späteren Gattin Wilhelms von der Gröben, in freundschaftlichen Verkehr. Kurz, eine sehr bunt zusammengesetzte, aber interessante Gesellschaft versammelte sich in diesem Hause. Oft erhielt Schenkendorf den Auftrag, Feste zu arrangieren, auch kleine Theateraufführungen einzustudieren und wohl gar selbst Stücke zu verfassen. Das Festspiel »Die Bernsteinküste«, von dem nur wenige Bruchstücke erhalten sind, entstand bei einer solchen Gelegenheit und wurde im Frühjahr 1808 im Auerswaldschen Hause aufgeführt. Und alles das gab ihm so recht Gelegenheit, sein starkes gesellschaftliches Talent zu entfalten. Er war unterhaltend, anmutig und schlagfertig, von treuherziger Offenheit und immer bereit, zu raten und zu helfen. Als besonderer Freund und Vertrauter der Damen mußte er nicht allein in mancher Liebesangelegenheit die Vermittlung übernehmen, auch viel intimere Sorgen, wie z. B. der Einkauf von falschen Haaren, das Versetzen von Wertgegenständen, wenn eine Schöne in Geldsorgen war, u. a. m. wurden ihm übertragen. Und er erledigte sich dieser Geschäfte in einer talentvollen und diskreten Weise. In andern Augenblicken konnte er freilich auch in mutwillige Freiheiten verfallen, bei denen man zuweilen an die Seltsamkeiten der Mutter erinnert wird: so warf er sich in Gesellschaft zuweilen einfach auf den Boden und verlangte von den Damen als Fußschemel benutzt zu werden oder gab sich sonst seinen Launen hin. Aber schließlich lag in allem doch wieder so viel Liebenswürdigkeit, daß niemand ihm gram sein mochte.  

Der dritte Königsberger Aufenthalt Schenkendorfs steht überhaupt unter dem Zeichen des freundschaftlichen Verkehrs. Wo in einem bedeutenderen Kreis gesellige oder künstlerische Bestrebungen gepflegt wurden, war auch er dabei.

Wie die Familie Auerswald, hatten auch der Kaufmann David Barckley und seine Frau Henriette Elisabeth ihren abendlichen Zirkel, in dem literarische Fragen der Gegenwart erörtert wurden. Entgegen dem etwas altpreußischen Geist des Auerswaldschen Hauses wurde bei Barckleys mit besonderer Betonung die Romantik gepflegt, wobei sich namentlich der Einfluß zweier Frauen geltend machte, die für das romantisch-religiöse Leben der damaligen Zeit typisch waren. Barbara Juliane von Krüdener und Henriette Gottschalk, geb. Hay, haben in der Königsberger Lokalgeschichte eine gewisse Rolle gespielt, beide waren von ihrem Manne geschieden und beide hatten sich seitdem pietistischen Neigungen hingegeben. Die Krüdener stammte aus Rußland, sie hatte lange Jahre in Paris gelebt und dort ihre Memoiren in Romanform unter dem Titel »Valérie ou lettres de Gustave de Linar à Ernest de G.« veröffentlicht; dann war sie nach Königsberg übergesiedelt und hatte sich dort als Kriegspflegerin betätigt, während sie gleichzeitig für ihre religiösen Ideen Propaganda machte und sich dadurch namentlich das Vertrauen des Königspaares erwarb. Weniger bewegt war Henriette Gottschalks Leben. Sie gehörte zu den Naturen, deren seraphische Erscheinung schon auf eine baldige Loslösung von allem Irdischen zu deuten scheint. Sie hatte sich nach der Trennung ihrer Ehe in ein sanftes Dulden ergeben und war durch ihre Fähigkeit, sich in religiöse Stimmungen aufs innigste zu versenken, zur Dichterin geworden. Ihre »Sternblumen«, deren erste Ausgabe Schenkendorf nach dem Tode seiner Geistesfreundin besorgte, tragen teils pietistischen, teils katholisierenden Charakter an sich und sind ganz warmherzig, für uns aber infolge der schwebenden Unsicherheit aller Empfindungen ungenießbar.

Außer diesen beiden Frauen verkehrten im Barckleyschen Hause noch der Arzt Dr. William Motherby mit Gattin, die Schauspielerin Hendel-Schütz u. a. Schenkendorf, dessen Leidenschaft für Elisabeth Barckley seit den Waldauer Tagen immer mehr gewachsen war, erhielt in ihrem Hause als Lehrer der Tochter Jettchen erwünschten Zutritt.

Bei den regelmäßigen Zusammenkünften, die oft in einem außerhalb der Stadt gelegenen Gartenhause stattfanden, schwärmte man nun für die romantischen Dramen Tiecks und für Novalis' »Heinrich von Ofterdingen«, man las August Wilhelm Schlegel, Kleist, Fouqué, Arnim, Jung Stillings spiritistische Werke und studierte endlich den theosophischen Apostel der Romantik, Jakob Böhme. Von den Klassikern fand, romantischen Gepflogenheiten entsprechend, nur Goethe Beachtung, dessen »Tasso« mit verteilten Rollen gelesen wurde. Alle diese Dichter übten auf Schenkendorf nachhaltigen Einfluß aus, namentlich aber entsprach seinem ureigensten Wesen die Neigung zur religiösen Poesie, die von den Frauen ausging und sich allen Mitgliedern des Zirkels mitteilte. Füllte sie doch später einen großen Teil von Schenkendorfs eigenem Schaffen aus. Während des Verkehrs im Barckleyschen Hause entstanden bereits: »Adventslied«, »Feigenbaum« u. a.

Aus diesem ruhigen Leben, das der künstlerischen und religiösen Pflege gewidmet war, wurde Schenkendorf am Ende des Jahres 1806 durch die neuen politischen Ereignisse herausgerissen.

Um das isolierte Preußen allmählich ganz zu vernichten, zwang Napoleon, nachdem inzwischen auch Österreich durch den Preßburger Frieden unschädlich gemacht worden war, den König wenige Monate nach dem Schönbrunner Vertrag zur Annahme neuer Bedingungen, die ihm die Besetzung Hannovers und Schließung der Elbe- und Weserhäfen gegen England auferlegten. Daraufhin erklärten England und Schweden Preußen den Krieg, das sich jetzt aufs neue an Rußland anschloß, seine schwankende Politik aber dauernd fortsetzte und sich dadurch die Mißachtung aller Welt erwarb. Diese Lage wußte Napoleon zu benutzen. Er machte dem König den Vorschlag, nach dem Muster des vor kurzem gegründeten Rheinbundes einen norddeutschen Staatenbund zu stiften, an dessen Spitze Friedrich Wilhelm III. als Kaiser treten sollte, und er hintertrieb den Plan wieder, als er sah, daß Preußen auf seine Lockungen einging. Inzwischen verhandelte er mit England, dem er im Fall eines Bündnisses die Abtretung Hannovers versprach, und bemühte sich, Rußland und Schweden durch Aussicht auf preußisches Gebiet zu gewinnen. Nebenbei verletzte er absichtlich Preußens Gebietsrechte am Rhein auf jede Weise. Da endlich entschloß der König sich zum energischen Widerstande; er erließ im August 1806 den Befehl, gegen Frankreich mobil zu machen. Aber da die Regierung einerseits im stillen noch immer hoffte, Napoleon werde nachgeben, andererseits man ganz unberechtigter Weise auf die vergangenen Ruhmestaten preußischer Waffen pochte, wurden die Rüstungen äußerst lässig betrieben. Als daher im Oktober 1806 die offizielle Kriegserklärung erging, war Preußen höchst unzulänglich vorbereitet und eine Niederlage von vornherein zu erwarten.

Unter dem unmittelbaren Eindruck dieser Ereignisse trat Schenkendorf nun plötzlich aus seiner Zurückhaltung heraus. Er begrüßte die Kriegserklärung mit dem Gedicht »Sing Heldenlieder, Preußenvolk«, und wenn auch die Erzählung, es sei am 21. Oktober bei einer Aufführung von »Wallensteins Lager« von den Terzkyschen Jägern gesungen worden, jedenfalls ins Gebiet der Fabel gehört, so wurde es vermutlich doch als Flugschrift verbreitet, und der Untertitel »Volkslied«, den der Verfasser in der Handschrift hinzusetzte, beweist, wie er überzeugt war, Allgemeinempfindungen ausgesprochen zu haben.

Die politischen Ereignisse drängten sich. Noch im Oktober fand die unglückliche Schlacht bei Jena statt, die alle Hoffnungen auf einmal vernichtete; die Festungen des Landes ergaben sich mit wenigen Ausnahmen, die Königsfamilie floh nach Königsberg und später nach Memel. Ostpreußen geriet in eine besonders traurige Lage. Da der Wohlstand der Provinz ganz auf Ackerbau, Pferde- und Rindviehzucht und der Ausfuhr nach England beruhte, war sie durch die Kontinentalsperre ihrer Lebensquelle beraubt: die Getreidepreise stiegen innerhalb eines Jahres um das Doppelte, Zahlungen stockten, und als gar im Juni 1807 die Franzosen nahten und Dörfer und Güter plünderten, stiegen Not und Elend aufs höchste. Auch die wohlhabenden Familien wurden schwer geschädigt, im Herbst 1807 mußten die Schenkendorfs für ihre Güter ein sogenanntes Moratorium, d. h. Zahlungsstundung nachsuchen, und die bis dahin schuldenfreien Güter kamen von jetzt an nie wieder aus Schwierigkeiten heraus. Nur einmal schienen die Dinge eine günstigere Wendung nehmen zu wollen. Der König, der noch immer von zaghaften Friedensideen erfüllt war, hatte Napoleon nach der Niederlage von Jena nicht nur Hannover, sondern auch das ganze Land jenseits der Elbe für den Fall eines Friedensschlusses versprochen. Und vielleicht wäre er auf Napoleons noch viel demütigendere Bedingungen eingegangen (Rückmarsch der Preußen bis in die östlichen Provinzen, Auslieferung aller Festungen bis zur Weichsel), hätten nicht Männer wie Stein u. a. eine Fortsetzung des Krieges lieber als eine solche Unterwerfung gefordert. Dazu kam, daß auch Rußland Hilfe verhieß und eine Armee unter Bennigsen entsandte, die sich mit der preußischen vereint Napoleon bei Pr.-Eylau gegenüberstellte. Es war die erste Schlacht, in der Napoleon gegen Preußen und Russen nicht Sieger blieb. Der unentschiedene Ausgang wurde beinahe als Erfolg aufgefaßt, und die Stimmung im ganzen Lande wurde zuversichtlicher, man faßte wieder Vertrauen und schöpfte neuen Mut.

Diese Gelegenheit ergriff Schenkendorf. Seinem ersten Kriegslied ließ er einen neuen politischen Weckruf folgen. Wie andere fühlte auch er, daß an dem Unglück des Landes nicht eine Niederlage oder ein unglücklicher Zufall, sondern der ganze kulturelle Tiefstand des Volkes schuld sei. Sollte die Hoffnung auf die Zukunft nicht leere Selbsttäuschung sein, so mußte man Kräfte erwecken. Aber es handelte sich nicht allein um eine Stärkung der militärischen Macht, vor allem mußten die Triebkräfte des menschlichen Geistes geweckt werden. Und dazu schien jetzt die Zeit. Doch der Kreis, mit dem er in Berührung stand, genügte Schenkendorf nicht, er wollte weiter wirken. Aus diesen Gedanken heraus entstand der Plan der beiden Freunde Schenkendorf und Schrötter, durch eine Zeitschrift Geisteskultur im Lande zu verbreiten. Gleichzeitig mit diesen allgemeinen Zielen wünschten sie aber auch praktisch-sozial zu wirken. Die Reinerträgnisse des Unternehmens sollten zu Beihilfen für die Kriegsverwundeten und für einzelne »Arme, deren Lage verbietet, die öffentliche Hilfe anzusprechen«, verwendet werden.

Zeitungen mit wissenschaftlichen und künstlerischen Interessen gab es damals mehrere in Königsberg. Eine gewisse Rolle spielte z. B. die »Morgenzeitung«, die ein Kandidat der Theologie, namens Böckel, und später ein Schauspieler Carnier leiteten. Sie brachte namentlich hitzige Theaterkritiken gegen Kotzebue, der damals in Königsberg lebte und auf der Bühne Triumphe feierte, und hatte oftmals schwere Kämpfe mit der Zensur zu bestehen. Auch von Schenkendorf finden sich in den Jahren 1807 und 1808 zwei lyrische Beiträge. Indessen kein Blatt hatte es sich bisher zur Aufgabe gemacht, politisch zu wirken. Diese Lücke sollte jetzt die am 13. April 1807 in der Hartungschen Zeitung angekündigte » Vesta« ausfüllen. Der Titel war symbolisch nach dem in demselben Jahre von Olbers entdeckten Planeten gewählt. »Für Freunde der Kunst und Wissenschaft« lautete der Untertitel, ein Deckmantel für die eigentlichen Absichten. Er war nötig, weil sich die an Pr.-Eylau geknüpften Hoffnungen ja längst als eitel erwiesen und die Franzosen bereits Ostpreußen besetzt hatten, als der erste Band der neuen Zeitschrift erschien (Juni 1807).

Die von Schrötter verfaßte Vorrede erging sich in etwas pathetischen Worten über die Ziele der Herausgeber folgendermaßen: »Der Geist Attilas schreitet furchtbar einher, und droht, die Welt mit seinen Gigantenplanen zu verwüsten; eine unglückschwere Wolke scheint über dem Schicksale der Völker zu schweben, und die Verzweiflung wohnt in den Gemüthern des Haufens. Doch lebt noch Griechenlands Geist in dem Edleren; es wiederholt sich die Zeit der Heroen in Fürsten und Bürgern. Mag auch der gemeine Sinn zahllos verkörpert in dumpfem Brüten seiner Angst sich selbst verlieren; ein erhabener Geist ist der Charakter dieser Zeit. Die entgegengesetzten Kräfte behaupten den Kampfplatz, das Verjährte zu vernichten, und aus dem Chaos eine neue, königliche Schöpfung zu entwickeln. Länder schwinden, Fürsten fallen, eine goldene Zukunft winkt: denn die Wahrheit muß der Lüge trotzen, und das Rechte Sieger seyn.

In diesem Glauben über alle Zweifel triumphirend, auf eigene Kraft und auf seinen Gott vertrauend, darf kein edler Geist aus den Schranken seiner Ruhe treten, wenn Schlachten Völkern Grenzen setzen. Es ist das Leben, das mit dem Leben kämpft; aus dem Kampfe aber geht der Sieg hervor, aus dem Blute die Erlösung. Wenn die Tugend mit der Sünde sich nicht mäße, woher sollte Frieden kommen? Frei von jeder Sorge sah der Grieche dem Schlachtengetümmel zu: denn über ihm waltete ein Fatum ernst und gerecht. Während der Perser Fürst mit seinen Sklaven Thessalien überschwemmte, und Leonidas sich zum Fürstenideal aufschwang, feierte Hellas seine Spiele nach gewohnter Sitte, und Dichter sangen den Heroen und der Liebe. Sollte aber dieser Heldengeist nur noch in den Liedern leben? Sollte der Norden Europa's vor den Übungen menschlicher Kräfte erzittern, und vor seinen eigenen Fähigkeiten erbeben, da der Süden den Kampf als den höchsten Standpunkt menschlicher Größe, ihn zu den Göttern erhebend, besang?

Nein! die Mannen der Nordischen Helden, und manche erhabene Fürsten der jetzt streitenden Völker beleben durch ihren Feuergeist den friedlichen Bürger, daß er in seinem Inneren stark werde, wie der Krieger im Gefecht: daß nicht nur die fürstlichen Befehle, sondern die Nationen kämpfen. Wo aber Patriotismus und Völkerhaß den Krieg zur heiligen Sache des Landes erheben, da herrscht ein edler Sinn, und in den Seelen wohnt der Friede. Der Geist eines höheren Lebens schwebt hernieder, Begeisterung durchdringt die Gemüther, und die Wahrheit wird gesucht. Solche Zeiten sind es, wo die Konvenienz erstirbt, der Mensch, dastehend, wie er ist, jedem Eindruck offen, annimmt, was ihm gegeben wird. Wem daher, von der guten Sache erwärmt, des Lebens Zweck mehr gilt, als des Lebens Frist, wer für die Größe seines Vaterlandes glüht, wessen Brust sich von heiligen Gefühlen hebt, der trete jetzt auf und rede mit Liebe. Alle edleren Kräfte sind gespannt, man wird ihn hören.

Und hierin liegt die Geburt und der Zweck dieser Zeitschrift. Wer nicht unmittelbar für den Staat streitet, ist als Bürger verpflichtet, wenigstens die allgemeine Aufmerksamkeit von dem unabänderlichen Elend, welches die Kriege begleitet, abzuziehen, und seinem Vaterlande die Erhabenheit und Ruhe, die einem großen Volk geziemt, mitzuerhalten. Ob diese Zeitschrift eine solche Tendenz erreichen werde, kann nur die Zukunft bestimmen: durch die Annahme derselben aber berechtigt, laden Unterzeichnete alle Freunde der Wahrheit, Anmuth und Kraft hiemit ein, durch die Werke ihres Geistes sie zu unterstützen. Kein Thema sei ausgeschlossen. Alles was erhebt und erheitert, befördert als reiner Ausfluß des göttlichen Geistes den Zweck der Kunst und des Wissens. Der schöne Genius, welcher im weiblichen Gewande die fürstlichen Gemüther zum heiligen Kampfe belebt, die eiserne Beharrlichkeit des Königs von Preußen, Alexanders und Gustavs, der nordischen Fürsten, antiker Heldensinn, die Riesenkraft des Feindes, geben diesem Zeitalter einen romantisch-heroischen Flug, und dieser ist es, der jedes Streben, so in das Gebiet des Schönen und Wahren eingreift, mit einem glücklichen Erfolge verherrlicht.«

Der Ankündigung entsprach der Inhalt; obwohl nur zum Teil geradezu Gegenwartsfragen behandelt wurden, waren doch alle Beiträge darauf berechnet, Teilnahme für öffentliche, politische und volkserzieherische Fragen zu erwecken. Unter den Mitarbeitern befanden sich Fichte, der über Machiavelli schrieb, der durch seine Lebenserinnerungen bekannte Kriegsrat Scheffner, ferner der Philologe und Professor der alten Literatur an der Königsberger Universität Süvern, Achim von Arnim, Baczko, Gries u. a. Die Hauptsorge ruhte freilich auf Schenkendorf. Er lieferte außer dem Widmungsgedicht an die Königin (vgl. S. 13) und der »verwandten Seele« das philosophische Gedicht »Künstlerleben« und eine prosaische Abhandlung »Der Streit der vier Künstler«, die das beliebte Thema vom Vorrang der Künste untereinander behandelt. In Dialogform, wie sie die Zeit für solche Erörterungen bevorzugte, wird der Streit von vier Freunden, als den Vertretern der Poesie, Malerei, Musik und Bildhauerkunst, geführt, bis Fernando hinzukommt und ihn so schlichtet:

»Welcher Kunst der Vorzug gebühre   den Streit sollt ihr ja entscheiden. Streit ihr Brüder, Streit unter Künstlern? Göttinnen mochten wohl streiten, nimmer die Künste. Giebt es denn Künste? und dient Bonaventura einem andern Gott als Anselmo? Alle, mein' ich, seid ihr ja Zweige des Einen großen Baumes, der in der Erde Wurzel schlägt, und mit der Krone gen Himmel strebt, gen Himmel reicht. Und trennen wolltet ihr die Zweige vom Herzen der Mutter, daß eine erbärmliche Schule werde aus dem Garten des Herrn? Nimmermehr! das könnt ihr selbst nicht wollen, und wär euer Stolz auch höher als der Hang zu euerm Geschäft. Eine Regel, ein Geist und ein Gott!       Eins ist die Schöpfung in sich: und ob ihr nach tausend Punkten strebtet, ihr nahet doch nur einem Ziel. Jedes Gebilde der Künstler, alle Gedanken der Menschen, alles nur Blumen eines Kranzes, Flammen eines Altars. Wie bei dem höchsten Vorwurf menschlicher Kunst, bei der großen Oper, die Mahlerei, die Skulptur, Dichtkunst und Tonkunst nicht eine vor der andern glänzen, sondern alle sich die Hände bieten müssen zur Bildung des Werkes, daß es ein Ganzes sei, vom hieroglyfischen Vorhang, vom ersten Bogenstrich in der Ouvertüre an bis zum letzten verhallenden Ton, so im ganzen, großen Gebiet der Kunst, in der Schöpfung, so im Leben jedes einzelnen Menschen! Schienen am ersten Pfingstfeste die Apostel den Ungläubigen nicht voll süßen Weins? Und doch erfüllte sie der Eine heilige Geist! So sind dem gemeinen Ohr die Sprachen des Alls unverständlich, wenn es der Geweihte in der Schönheit vollkommenster Form erblickt. Ach, in welcher Charitinengestalt ist es mir nicht erschienen, und welche Kunst hab' ich erlernt, in der alle die euern zusammenfließen! Zu welchem Kunstwerk hat die Liebe mein Leben geadelt   da sprach ich es aus, das heilige Wort, den Namen des Gottes und der Kunst. Gott ist die Liebe; und Liebe, ihr Brüder, Liebe ist die innige, hohe, strahlende, ewige, schaffende Kunst, der ihr mit euern Ideen alle entströmtet; und ob ihr euch der alma mater nimmer erinnert, doch müßt ihr wieder zurücksinken in ihren Schoß, wenn ihr mit euern Schöpfungen leben wollt.«

Man sieht, hier werden romantische Vorstellungen in Ton und Inhalt ohne große Originalität wiederholt. Nur für Schenkendorfs später klar hervortretende Identifizierung von Kunst, Religion und Liebe sind diese Zeilen bezeichnend.

Die »Vesta« erschien bis zum November 1807 ohne Störung, weil der akademische Senat der Universität, in dessen Händen die Zensur lag, sein Amt ziemlich nachsichtig ausgeübt zu haben scheint. Die für den Dezember geplante Ausgabe wurde erst verschoben, im folgenden Monat stellte die Zeitschrift aber plötzlich ihr Erscheinen ein, gerade als der Buchhändler Reimer in Berlin den Verlag übernehmen wollte. Napoleon, der von ihr Kenntnis erhalten hatte, verbot von Mailand aus das weitere Erscheinen, und der König erließ gehorsam einen dementsprechenden Kabinettsbefehl.

Allein Schenkendorf ließ sich nicht abschrecken. Es war kaum ein Monat vergangen, als er (am 18. Februar 1808) unter dem Vorwande, der abgebrannten Stadt Heiligenbeil in Ostpreußen zu helfen, eine neue Zeitschrift ankündigte, von der er hoffte, »daß der Geist dieser Blätter das befreundete Gemüth des Lesers zu jenen Kreisen erheben werde, die keine Erdenmacht verletzen dürfe    «. Und an den Buchhändler Reimer in Berlin, mit dem er wieder wegen der Verlagsübernahme verhandelte, schrieb er, »der Geist des Buches soll sich in einer freieren und schöneren Sphäre als der politischen, worin die ›Vesta‹ erstickte, bewegen«. Reimer scheint indessen abgelehnt zu haben, Czygan vermutet vielleicht auch mit Recht, daß Reimer als Verleger nicht genannt wurde, um die Zensur nicht argwöhnisch zu machen. die » Studien« erschienen im Juni 1808 in Berlin auf Kosten des Herausgebers mit dem Motto: »Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, gebe ich«. Das Titelblatt der »Studien« zeigt die eigentümliche, später niemals wiederkehrende Namensschreibung des Dichters: Ferdinand Max Gottfried Schenk v. Schenkendorf. Wieder waren Fichte, Scheffner, Schrötter und Süvern unter den Mitarbeitern, der Anhang brachte außerdem Kompositionen von Reichardt. Und wieder war natürlich Schenkendorf der Hauptversorger. Abgesehen von dem »Prolog«, der ihm nicht ganz sicher zugewiesen werden kann, veröffentlichte er zwei Prosaaufsätze (»Stimmen und Blätter« und »Der Menschheit veränderter Standpunkt«), in denen er sich über philosophisch-religiöse Fragen der Entwicklung des Menschengeschlechtes, aber in ganz dichterischer Form, äußerte. »Verweht war Gottes lebendiger Geist auf der Erde«, heißt es in einem Abschnitt, »verzerrt sein Ebenbild, und abgestorben, entartet in den verschiedenen Zonen der zarte Keim, der einst im Paradiese schlief. Die Massen rangen und kochten; doch statt in lieblichen Blumen emporzusteigen, in tausendfachen Krystallen anzuschießen, fielen sie in einen toten Klumpen zusammen. Der herrliche Konflikt einzelner Kräfte in Menschen und Staaten erstarb. Griechenland war untergegangen in Rom, die Götter gingen abgemessenen Senatorenschritt. In den hercynischen Wäldern und den Klüften des Kaukasus arbeitete die ewige Mutter an der Gestaltung neuer Kraft   noch war sie nicht reif, zu Tage gefördert zu werden; und wo sie erschien, ward sie verschlungen vom großen Ungethüm, das seine Fühlhörner nach allen Enden bewegte. Versunken im tiefsten moralischen Verderben lag die Menschheit   den Sättigungspunkt hatte die Sünde erreicht. Nun mußte man dursten nach einem lautern Quell, und die ganze Erde und alles Leben auf ihr war ein Schrei nach Erlösung.«

Ferner brachte Schenkendorf eine größere Anzahl von Gedichten zur Veröffentlichung. In dem »Gemach« und den »Rosenknospen« wurde die Königin Luise besungen, daneben findet sich das der Geliebten gewidmete »An Eleonore«, ferner religiöse Lieder: »Osterlied«, »Pfingstfest«, »Nach der Kommunion« u. a. Einen größeren Raum nehmen endlich die Nachdichtungen mittelhochdeutscher Minnelieder ein; auch sie hatten schließlich eine versteckte Tendenz: der Blick sollte auf das deutsche Mittelalter gelenkt werden, in dem Schenkendorf gleich den Romantikern ja das Ideal aller Kultur und Staatsverfassung sah.

Den »Studien« ging es noch schlimmer als der »Vesta«. Die französische Zensur, die seit Ende Mai 1808 dem Prediger Hauchecorne in Berlin unterstellt war, wachte mit großer Ängstlichkeit; sogar in der Anordnung einzelner Beiträge witterte man schon tendenziöse Absichten. Der erste Band der »Studien« blieb auch der letzte, sie wurden sofort verboten.

An einem dritten Zeitschriftenunternehmen, dem »Spiegel«, der Anfang 1810 erschien und in 24 Nummern fortgesetzt wurde, war Schenkendorf nicht mehr als Herausgeber beteiligt, doch ging es aus einem ihm nahestehenden Kreise, dem »baltischen Blumenkranz«, hervor. Die Redakteure, zwei ihm befreundete Schauspieler Carnier und Fleischer, forderten auch ihn zu Beiträgen auf, und er gab das »Gebet bei der Gefangenschaft des Papstes«, in dem er über die im Juli 1809 erfolgte Wegführung des Papstes Pius VII. aus Rom Klage führte. Da hier zum erstenmal eine ausdrückliche Verdammung Napoleons ausgesprochen wurde, bedurfte es der Zensur gegenüber natürlich eines besonderen Deckmantels. So verfiel Schenkendorf auf den Gedanken, sein Gedicht als eine Hymne des 16. Jahrhunderts auszugeben, und um die Sache ja glaubwürdig zu machen, mußte Carnier, ein gewandter Lateiner, das angebliche Original in lateinischer Sprache hinzudichten. So passierte das Lied die Zensur.

Inzwischen war man in Königsberg tätig gewesen, das was Schenkendorf in seinen Zeitschriften als Ziel erstrebte, die menschlichen Kräfte zu erwecken und sie zusammenzuschließen, auch im persönlichen Wirken zu erreichen. Der »Tugendbund«, der sich auch die Kräftigung der nationalen Gesinnung zur Aufgabe machte, spielte allerdings eine nur unbedeutende Rolle. Schenkendorf scheint sich auch bewußt von ihm fern gehalten zu haben. Er wurde am 31. Dezember 1809 auf Befehl Napoleons wieder aufgelöst. Dagegen riefen er und einige Freunde im Februar 1809 aufs neue eine Gesellschaft ins Leben, die von ihnen schon während der Studentenzeit gegründet war, sich aber nachher wieder aufgelöst hatte. Der » Blumenkranz des baltischen Meeres«, so lautete der Name dieser Vereinigung, machte sich die gemeinschaftliche Pflege von Religion, Philosophie und Poesie, sowie von Freundschaft und Geselligkeit zur Aufgabe. Bei den wöchentlichen Versammlungen im Hause eines Mitglieds wurde eine prosaische und eine poetische Arbeit vorgelesen und geprüft, ob sie zum Druck geeignet seien. Außer über diese Themata wurde über die jeweiligen literarischen Neuigkeiten diskutiert und eine schriftliche Kritik so lange umgearbeitet, bis sie einstimmige Anerkennung fand. Uns mutet diese Art, zu einer endgültigen Wertabschätzung eines Buches zu gelangen, furchtbar naiv an; die Blumenkranz-Mitglieder glaubten aber sich von Einseitigkeit und Dogmatismus frei zu halten, weil ihr Bund alle Alter und Stände umfaßte. Da hatten sich zusammengefunden: Schenkendorfs alte Freunde, Schrötter, Kanitz und Gröben, der dichterisch und musikalisch begabte Friedländer, ferner Kriegsrat Bock, der Virgils »Georgica« übersetzt hatte, sowie der Oberlehrer Karl Köpke und Ferdinand Delbrück, bei dem Schenkendorf später eine Vorlesung über Ästhetik hörte. Und wenn man mit besonderer Neigung auch Juden und Schauspieler, wie die klassisch gebildeten Carnier, Fleischer und Greis heranzog, so entsprach das dem neuen gesellschaftlichen Geist, der von den Berliner romantischen Salons ausging. Mit diesem modernen Ton verband sich indessen einträchtig eine Neigung zur schwärmenden Sentimentalität, wie sie uns sonst nur im 18. Jahrhundert, etwa bei dem Göttinger Hainbund, begegnet. Aus der naiv begeisterten Stimmung, die vor den Freiheitskriegen vielfach herrschte, erklärt es sich, daß in der Königsberger Gesellschaft solche Gefühle selbst bei Greisen Widerhall finden konnten. Alle Mitglieder redeten sich mit dem brüderlichen »Du« an, Küsse und Freundschaftsschwüre wurden getauscht, und ehe die Versammlung auseinanderging, stimmte sie jedesmal gemeinsam Goethes Bundeslied »In allen guten Stunden« an. Außerdem hatte jeder Teilnehmer einen besonderen Namen, der auf seine Stellung in dem Bunde deuten sollte. Schenkendorf, der auch hier jedenfalls eine führende Rolle spielte, hieß der »Herzog«, ein anderer war der »Bischof« usf. Der Plan der Freunde, ähnliche Vereinigungen auch in andern Städten ins Leben zu rufen, scheint nie zur Ausführung gekommen zu sein.

Das alles waren, wenn auch erst leise, Regungen einer neuen Zeit. Mochten sie noch so seltsame Formen annehmen, das entschiedene Streben nach einem Ziel hin lag ihnen jedenfalls zugrunde. Und gerade Schenkendorfs Gemüt ist wie ein Spiegel des neuen Lebens, das auch in Königsberg erwachte. Nur daß er sich jetzt den Ereignissen gegenüber nie mehr passiv verhält, sondern überall versucht, für seine Gefühle in der Brust der andern einen Widerhall zu finden.

Er teilte die allgemeine Trauer über die Leiden, die mit dem Jahre 1806 auch über die Königsfamilie hereingebrochen waren, und, um ihr in der schweren Zeit Mut einzuflößen, gab er in begeisterten Versen öffentlich die Versicherung, das Vertrauen des Volkes werde auch diese Prüfung überstehen. Als das Königspaar sich an der Grenze aufhielt, widmete er Friedrich Wilhelm III. zum Geburtstage am 3. August 1807 das Gedicht »Die siegende Kraft«, Erschien gleichzeitig mit einem Gedicht an die Königin, »Wo ich als Pilger wallte  «, und Schrötters Rede zum Geburtstag des Königs über »Deutschlands Nationalruhm« im Augustheft der »Vesta«. das mit anderen Liedern öffentlich gesungen wurde und bei den französischen Behörden großes Mißfallen hervorrief. Daraufhin richtete der Kammerpräsident Graf Dohna in Elbing ein Schreiben an den Minister von Schrötter, man habe sich »von seiten des französischen Militärs« über Lieder beschwert, die am 3. August in Königsberg gesungen wurden. Ihm selbst seien solche zwar nicht zu Gesicht gekommen, aber er ermahne die Exzellenz, doch ja bei der Zensur mit aller Strenge und Vorsicht zu verfahren, »damit nichts im Druck erscheine, das Anstoß und üble Sensation bei den französischen Behörden erwecken könnte«.

Das hielt indessen Schenkendorf nicht ab, der Königin bei ihrer Rückkehr von Memel die zwei Gedichte »An ein Gemach« und »Die Rosenknospen an ihre Königin« zu widmen. Außerdem gaben er und Schrötter zu Luisens Geburtstag am 10. März 1808 ein kleines Heftchen mit ihr zugeeigneten Gedichten heraus. Und als die Königin am 19. Juli 1810 plötzlich starb, widmete er ihr das bekannte Lied »Auf den Tod der Königin«, in dem er sie in Erinnerung an das Gedicht von den Rosenknospen jetzt selbst als eine geknickte Königsrose besang. Einige Tage später veranstaltete er in der katholischen Kirche eine Trauerfeier für die ihm unvergeßliche Fürstin, die er sein Leben lang als Heilige verehrte. Das entsprach ganz seiner romantisch-mittelalterlichen Neigung, derzufolge er in dem Königtum an sich schon die Verkörperung aller idealen Tugenden sah, ohne Rücksicht auf die Person, die auf dem Throne saß. Daher verstehen wir auch seine unbegrenzte Verehrung für Friedrich Wilhelm III., in dem wir auf Grund der neueren Geschichtsforschung noch weniger als in der Königin Luise eine Idealgestalt sehen können. Aber Schenkendorf war ein Sohn seiner Zeit, und wann war ein Volk zur romantischen Verklärung bereitwilliger als das Preußen der Befreiungskriege? Dazu kommt, daß unter allen Provinzen Ostpreußen, und da wieder in erster Linie die Hauptstadt, zu der Königsfamilie in besonders nahem Verhältnis stand, das dem Adel gegenüber, wie früher erwähnt wurde, geradezu einen familiären Charakter annahm.  

Jedenfalls in das Jahr 1809 fällt ein unglückliches Ereignis, das unsern Dichter nicht nur monatelang in seiner schriftstellerischen Arbeit hemmte, sondern ihn auf einmal überhaupt der Fähigkeit dazu zu berauben schien. Er hatte eines Tages auf einer Schlittenpartie einen alten General angefahren und war mit ihm in heftigen Wortwechsel geraten, der eine Beleidigungsklage zur Folge hatte. Ehe sie aber zur gerichtlichen Entscheidung kam, richtete Schenkendorf an seinen Gegner einen Brief, in dem er ihm die Malice an den Kopf warf, er, der Regimentern aus dem Wege gegangen sei, hätte auch einem Schlitten mit vollem Schellengeläut Platz machen können. Darauf sandte der General dem Dichter eine Pistolenforderung, die in Elbing ausgetragen wurde. Schenkendorf schwebte in großer Gefahr, sein Gegner war als vorzüglicher Schütze bekannt und soll anfangs entschlossen gewesen sein, ihn niederzuschießen. Erst am Abend vor dem Duell ließ er sich durch den versöhnlichen Geist eines Buches milder stimmen und äußerte, er wolle dem jungen Manne nur ein wenig das Schreiben verderben. In der Tat durchbohrte er seinem Gegner mit dem ersten Schuß die rechte Hand, Schenkendorf mußte kampfunfähig vom Platze geführt werden. Die Verwundung erwies sich als sehr schwer; trotzdem die Freunde, besonders Karl zu Dohna und Frau von Auerswald, ihn auf das fürsorgendste pflegten, zog sich die Genesung über ein Jahr hin, und auch dann blieben noch immer schlimme Folgeerscheinungen der Verwundung bemerkbar. Vor allem war die rechte Hand dauernd gelähmt. Diesem Übel wußte der Dichter zwar einigermaßen zu begegnen, indem er links schreiben lernte; dagegen scheint sein späteres unheilbares Leiden zum Teil auf diese Lähmung zurückzugehen.

Zu diesem Unglück kamen andere Verhältnisse, die Schenkendorf aufs schwerste bedrückten. Seine Hoffnung, in Königsberg oder Ostpreußen bei der Verwaltung eine auskömmliche Stellung zu erhalten, ging nicht in Erfüllung. Er wurde zwar als Hilfsarbeiter bei der Landesdeputation beschäftigt, hatte aber mit seiner Bewerbung um eine Deputiertenstelle für den Kreis Memel-Tilsit-Ragnit im Juli 1808 keinen Erfolg gehabt.

Der Verkehr in Frau Barckleys Hause war teils infolge Schenkendorfs Krankheit, teils infolge der steten Kriegswirren gestört, wenn nicht gar ganz unterbrochen. Barckley selbst hatte schwere geschäftliche Schädigungen erlitten. Beim Herannahen der Franzosen waren die großen Mühlenanlagen, die er außerhalb der Festungsmauern besaß, in Brand gesteckt, er hatte dadurch einen großen Teil seines Vermögens eingebüßt und mußte gegen die Stadt einen langwierigen Prozeß anstrengen. Da er ohnehin ein unglücklicher Melancholiker war und seine Schwermut unter diesen Verhältnissen nur noch zunahm, trennte er sich schließlich von seiner Familie und lebte zwei Jahre lang in völliger Einsamkeit. Dann ging er ins Wasser. Ganz ungeklärt bleibt es, wie er die Beziehungen seiner Frau zu Schenkendorf aufnahm. Jedenfalls hatte deren gegenseitige Neigung während all dieser Jahre fortbestanden. In einem Brief aus Karlsruhe (13. Februar 1813) an den ihm befreundeten Oberlehrer Köpke erzählt Schenkendorf, daß Frau von Krüdener ihn schon 1807 nach Baden habe mitnehmen wollen, doch konnte er sich von Elisabeth nicht trennen und habe daher ihre Aufforderung abgelehnt. Nach dem Tode Barckleys nahm der Dichter sich der Witwe und ihrer Tochter Jettchen an, er war ihr bei der Ordnung der Vermögensverhältnisse, die einer gerichtlichen Klärung bedurften, behilflich und trat jetzt, als die Geliebte frei war, auch mit seinen Gefühlen offener hervor. Aber die Mutter Elisabeths widerstrebte einer Verbindung aufs entschiedenste, zumal sie und die Tochter sich in dem Erbschaftsstreit als Gegner gegenüberstanden. Dazu fehlte es nicht an Verleumdungen, namentlich gegen Schenkendorf, bei dem man zweifelte, ob seine Bewerbungen der neun Jahre älteren Frau oder ihrer ungefähr ebensoviel jüngeren Tochter galten. Sogar der alte Wedeke wurde dem jungen Freunde durch diese Beziehungen entfremdet. Sich über alle diese Anfeindungen hinwegzusetzen, scheint aber Frau Barckley nicht stark genug gewesen zu sein. Und so beschloß sie, um sich ihnen zu entziehen, Königsberg für immer den Rücken zu kehren. In Begleitung der Frau von Krüdener verließ sie die Heimatstadt und begab sich über Schlesien nach Karlsruhe.

Einsam ließ sie Schenkendorf zurück. Er bezog ihr Haus, fühlte aber dort erst recht die Leere, die ihn umgab, zumal auch vertraute Freunde, wie Gröben, Schrötter und Friedländer, die Stadt verlassen hatten. Andere Verbindungen waren gelöst, zu vertraulichem Verkehr gönnten die unruhigen politischen Verhältnisse überhaupt keine Ruhe. Was konnte Königsberg dem Vereinsamten noch bieten? Die Beziehungen zu Frau von Auerswald wurden zwar aufrechterhalten. Aber waren sie geeignet, ihm die Geliebte zu ersetzen? Auch für Schenkendorf wurde der Aufenthalt in Königsberg unerträglich. Als nun gar die große Armee auf ihrem Durchzug nach Rußland Königsberg überflutete, da entschloß er sich ebenfalls, seinen alten Wohnsitz, in dem er mit Unterbrechungen vierzehn Jahre zugebracht hatte, zu verlassen. Mitte Juli 1812 rüstete er sich zur Abreise. Und nach kurzem Aufenthalt bei Frau von Auerswald in Faulen folgte er der Geliebten nach Karlsruhe. Sowenig wie sie sollte er Königsberg wiedersehen.

Die Reise führte Schenkendorf über Weimar, wo er durch Paßschwierigkeiten einige Tage festgehalten wurde. Dort lernte er Karoline von Wolzogenkennen und sah Goethe, dessen Anblick ihn zu einem Gedicht auf den »sel'gen Dichterfürsten« begeisterte. Wenn diese Begegnung trotzdem für ihn kein nachhaltiges Erlebnis wurde, so lag das gewiß zum großen Teil daran, daß die Sehnsucht nach Elisabeth Barckley sein Inneres ganz erfüllte. Im Herbst 1812 traf er in Karlsruhe ein.

Mit dieser Übersiedlung beginnt die zweite Periode in Schenkendorfs Leben. Die Jugendentwicklung ist beendet, das unklare Wollen der Königsberger Zeit weicht dem klaren Streben nach einem bestimmten Ziel, und seine Stimmung wird jedenfalls unter dem Einfluß Elisabeths im ganzen friedlicher.

Freilich stellten sich der Verbindung mit ihr zunächst noch große Schwierigkeiten entgegen. Der Dichter hatte nicht allein in Königsberg Schulden hinterlassen, er sah sich auch jetzt neuen Geldsorgen gegenüber, und Frau Barckleys Erbschaftsstreit war noch immer nicht entschieden. Auf die Eltern durfte Schenkendorf nicht rechnen, sie befanden sich selbst in Bedrängnis, da ihre Guter beim Durchzug der großen Armee zum zweitenmal geplündert worden waren. Dazu kamen innere Verstimmungen. Elisabeths Verwandte setzten ihre Anfeindungen fort, um die Heirat zwischen ihr und dem mittellosen Dichter auf jeden Fall zu hintertreiben, und auf diesem lastete neben allen anderen Sorgen ein großes Mißbehagen, wie es ihn in neuer Umgebung zunächst immer befiel, zumal ihn bald eine leise Sehnsucht nach der ostpreußischen Heimat ergriffen hatte. Auch sein Gesundheitszustand war nicht gut und wurde durch die ständigen Aufregungen nur verschlechtert, so daß er schon wenige Wochen nach der Ankunft in Karlsruhe zur Kur nach Baden-Baden gehen mußte.

Glücklicherweise gelang es Frau Barckley, ihre Verhältnisse inzwischen soweit zu ordnen, daß noch im Winter desselben Jahres die Hochzeit stattfinden konnte.

Es war für Schenkendorf einer der bedeutsamsten und schönsten Momente seines Lebens, als er am 15. Dezember 1812 mit der Geliebten vor den Altar trat. Nie wird er müde, diesen Tag in Gedichten und Briefen zu preisen und von dem unendlichen Glück zu erzählen, das er in der Ehe fand. »So bin ich denn getreten«, schreibt er bald nach der Vermählung, »in den geweihten und gewissermaßen priesterlichen Hausvaterstand   und wie glückselig mein Leben dahinfließt an der Seite dieser Frau, welch eine Perle ich besitze, wie ich sie hochhalte und an meinem Herzen trage, darf und kann ich Ihnen nicht beschreiben.« Unter diesem Gefühl verstummen für lange Zeit alle anderen Wünsche in seiner Brust; selbst die Sehnsucht nach der ostpreußischen Natur schwindet allmählich. »Ich lebe«, schreibt er im Februar 1813 an Köpke, »hier im Lande des Weines, in immer schöner Natur, mit dem Glück im Schoß, denn ich habe einen Engel zur Frau.« Und fortan will er am Rhein bleiben, denn dort hat sich ihm »die Wunderblume entfaltet, welche am Pregel doch nicht zu ihrer ganzen Leib und Seele belebenden Pracht gedeihen wollte«.

Es war keine eigentlich elementare Leidenschaft, die den Dichter mit seiner neun Jahre älteren Frau verband. Auch sie war eine tief religiöse Natur wie ihr Gatte, nur besaß sie eine noch ausgeprägtere Neigung zum Mystizismus. Aber gerade dieser Hang, verbunden mit Zartheit und innigem Empfinden, mit einem Wort: Elisabeths seelische Schönheit war geeignet, Schenkendorfs Unrast zu beruhigen und ihm den Frieden zu geben, nach dem er sich sehnte. Und dafür wußte er ihr tiefen Dank. Denn wenn ihn in späteren Jahren manchmal wieder die alte Sehnsucht befiel, ja ihn zeitweilig selbst von der Gattin forttrieb, die sich in ihrer stillen Gesinnung immer gleichblieb,   nach kurzer Zeit sah er in ihr von neuem die Erfüllung aller Wünsche. So konnte er von seiner Ehe sagen, daß sie nicht nur ein irdischer Bund, sondern eine heilige Vereinigung »von Ich und Du« sei. Und als eine Zusammenfassung alles dessen, was er für Elisabeth fühlte, schickte er ihr einmal diesen »Gruß aus der Fremde«:

»Du liebes frommes Wesen,
An dem dies Herz genas,
Das ich mir nicht erlesen,
Das mir mein Gott erlas.

Du Holde, Schöne, Süße,
Du meines Lebens Stern,
Ich grüße dich, ich grüße
Aus weiter, weiter Fern'.

Zwei Jahre sind verronnen,
Seit uns ein Name nennt.
Wer zählet ihre Wonnen,
Wer mißt das Firmament?

Sind wir auch fern geschieden,
Die Lieb' hat süßen Brauch,
Ich fühle deinen Frieden
Und atme deinen Hauch.«

Wesentlich nach religiösen Neigungen wählte sich das neuvermählte Paar seinen Bekanntenkreis in Karlsruhe aus. Außer der pietistischen Frau von Krüdener, die in demselben Hause wohnte und zu dem täglichen Umgang Frau von Schenkendorfs gehörte, standen der Dichter und seine Gattin mit dem gutmütigen, aber langweilig-sentimentalen Kirchenrat Ewald und einem Fräulein von Graimberg, die ein Erziehungsinstitut für junge Mädchen besaß, in vertrautem Verkehr. Am engsten schloß sich Schenkendorf aber dem alten Jugendfreunde Goethes Jung Stilling an, der in Karlsruhe als Arzt noch immer gesucht war und sich nebenbei spiritistisch-visionären Übungen gewidmet hatte. Er besaß einen unerschütterlichen Glauben an »spezielle Leitung und Gebetserhörung Gottes« und führte, seit er durch seine im Jahre 1808 veröffentlichte »Theorie der Geisterkunde« berühmt geworden war, eine fromme Korrespondenz mit aller Welt, die sich bei ihm Erbauung und Trost suchte. Auch Schenkendorf hatte, lange bevor er nach Karlsruhe gekommen war, im Barckleyschen Kreise angeregt, mit Entzücken seine Schriften gelesen. Jetzt verbrachte er, vielleicht durch Frau von Krüdener eingeführt, manche Stunde in der Familie des »schönen und ehrwürdigen Greises Jung«, in dem er »ganz den frommen, weichen und kindlichen Stilling wieder gefunden« hatte, ließ sich von ihm für den Freimaurerbund gewinnen und für Jakob Böhme aufs neue begeistern. Die Lieder, die er dem Alten und seiner Tochter Karoline widmete, sind von liebevoller Verehrung und fast kindlicher Hingebung erfüllt.

»O Vater freundlich, stark und mild,
Der hier im Hause waltet,
Bist uns des ew'gen Vaters Bild,
Der nimmermehr veraltet.
So blühe fort in Gottes Stärk',
Gleich rüstig stets zum frommen Werk,
Du teure Zier der Greise,«

rief er dem väterlichen Freunde zu.

Andere Mitglieder des Karlsruher Kreises   sie gehörten dem Offiziers- und Beamtenstande an   verdienen kaum Erwähnung. Sie traten zu dem Paar ebensowenig in ein vertrauteres Verhältnis, wie der alemannische Dichter Peter Hebel, dessen »Kindlichkeit und Bescheidenheit« nach einem Ausdruck Schenkendorfs gar zu sehr an »Blödigkeit« grenzte, so daß es schwer hielt, »in ganz innige Umfassung und Verflechtung mit ihm zu kommen«.

Aber mitten zwischen Freunden und Bekannten überkam Schenkendorf bald wieder das alte Verlangen nach einsamen Streifzügen durch das Land. Er besuchte Berge, Täler und Ruinen der badischen Gegenden, wohnte der Weinlese und Volksfesten bei und, wie so oft, fühlte er sich in der schönen Natur am wohlsten. Sie lehrte ihn erst das neue Land liebgewinnen und regte ihn zu poetischem Schaffen an. Die meisten seiner Naturgedichte, »An das Tal zu Baden«, »Der Durlacher Turm« u. a., fallen in die Zeit des Karlsruher Aufenthaltes. »Baden«, bekennt er entzückt, »gilt wohl mit Recht für das schönste aller deutschen Länder, es ist gesegnet mit Wein und Frucht, mit Bergen, Wäldern und Seen, und wie es sich herabzieht von der Bergstraße bis gen Konstanz vereinigt der Charakter der Badenser in sich fränkische Leichtigkeit, schwäbische Treuherzigkeit und die sagenreiche Einfalt der Gebirgsländer.« Und hatte es Schenkendorf vorher nach der Heimat gezogen, so fühlte er sich jetzt glücklich, aus ihr befreit zu sein. »Wenn ich die Enge bedenke,« heißt es in einem Brief an Frau von Auerswald, »die mich zuletzt in Königsberg umfing, und dann das herrliche Land überseh, durch welches ich gewandert bin, von Faulen bis hierher, als Einfassung des Gemäldes einen silbernen Strich mache von den Flüssen, die dem Knaben schon so lockend und badelabend klangen, als Oder, Elbe, Pleiße, Mulde, Ilm, Werra, Main, Neckar, Rhein   wenn ich zur Staffage die herrlichen Menschen hinzeichne, die mir begegnet sind, z. B. in Weimar Frau von Wolzogen, die Agnes von Lilien in der Hand, so erscheint mir der letzte Sommer wie ein Traum und ich fürchte zu erwachen.       Sie können denken, wie mich schon das Leben im Weinlande begeistert ...«

Trotzdem der Dichter sich so eine »Welt von Genüssen« »auf herrlicher Fahrt« erträumte, entsprach Karlsruhe, das er überhaupt nur auf Veranlassung der Frau von Krüdener zum Wohnsitz gewählt hatte, schon sehr bald nicht mehr seinen Wünschen. In erster Linie waren daran die politischen Verhältnisse Badens schuld. Je mehr Schenkendorf in den letzten Jahren zu diesen Fragen Stellung genommen hatte, desto entschiedener kehrte sich sein Haß gegen alles »welsche« Wesen. Nun stand aber gerade Baden, dessen Großherzogin eine Adoptivtochter Napoleons war, politisch und gesellschaftlich ganz unter französischem Einfluß, war also für eine Natur wie Schenkendorf, die sich keinen Zwang auflegen konnte, von vornherein kein geeigneter Aufenthaltsort, zumal auch die Natur um Karlsruhe »die ärmste im Lande« war. Dazu kam, daß er im Winter wieder seine Studien aufgenommen hatte. Er beschäftigte sich mit Tierarzneikunde und nahm in Lautorps Institut an botanischen Kursen teil, vermutlich weil er sich davon Nutzen für eine eventuelle Anstellung bei der Regierung versprach; am eifrigsten aber folgte er seinen literaturwissenschaftlichen Neigungen. Und dafür bot Karlsruhe wenig Hilfsmittel. Denn wenn auch das Theater auf einer gewissen Höhe stand   z. B. gab Iffland dort mehrfach Gastspiele,   so lebte man im ganzen in der badischen Hauptstadt doch »verbannt von aller Kunst und Litteratur «, und »die Namen Goethe, Schlegel, Fichte, Schelling und doch auch wieder Jakobi, gehören zu den verfehmten«. Vor allem vermißte Schenkendorf eine größere Bibliothek. Um so mehr lockte es ihn nach dem nahegelegenen Heidelberg, das gerade eine Art Mittelpunkt romantischer Bestrebungen geworden war und mit seinen literarischen Schätzen reichliche Gelegenheit zu wissenschaftlicher Beschäftigung gab. Im Frühjahr 1813 gedachte Schenkendorf dorthin zu gehen; »soweit ich von meiner Frau abkommen kann«, meinte er scherzhaft, denn die Familie sollte in Karlsruhe bleiben. Aber als er so schrieb, bereiteten sich schon die großen politischen Ereignisse vor, die nicht nur seine Pläne stören, sondern seinem Leben eine ganz neue Richtung geben sollten.

Mit Königsberg hatte er die Verbindung ständig aufrechterhalten. Er korrespondierte mit den Eltern, mit Borowsky, der Prediger an der Neuroßgärter Kirche und sein ehemaliger Beichtvater war, und mit andern alten Freunden. Mehrere Briefe Schenkendorfs kamen niemals in die Hände ihrer Empfänger, weil der russische Gesandtschaftssekretär Paul von Krüdener, ein Sohn der mehrfach erwähnten Hausfreundin, der über Königsberg nach Rußland reiste und die Briefe mitnahm, in Münster auf Befehl des Generals Savary verhaftet wurde. Die Briefe wurden nach Frankreich gebracht und erlebten so das seltsame Schicksal, zuerst von einer französischen Zeitschrift ans Licht gezogen zu werden. Nach ihr veröffentlichte sie der eifrige Königsberger Schenkendorfforscher, Professor Czygan, in Deutschland. Wenn aber irgend etwas in ihm schöne Erinnerungen an die Heimat erwecken konnte, so waren es die Briefe der Frau von Auerswald und ihrer Familie. Gar zu gern denkt er an die Stunden, die er in ihrem Hause verbringen durfte, und sein »rückwärts gewendeter Blick« weilt »auf den Tagen und Jahren«, die er »gleichsam geweidet von ihren Augen verlebte, wo die Huld und Gnade, die dem schüchternen Jüngling entgegenkam, sich am Ende in Vertrauen und Freundschaft von der einen, in die blindeste Ergebenheit von der andern Seite auflösete«. »Mein häusliches Glück«, schreibt er weiter an die mütterliche Freundin, »muß gerade so überschwänglich und die Natur, in der ich lebe, gerade so schön sein, als beides ist, um mir die süßen Gewohnheiten, welche ich jetzt entbehre, zu ersetzen.«

Von Königsberg aus ließ er sich nun ständig über die politische Lage in Preußen belehren, denn die Nachrichten, die er in Baden erhielt, waren alle den französischen Absichten entsprechend gefärbt. Von dort aus erfuhr er im Dezember 1812 zuerst vom Rückzug der großen Armee und von den Umwälzungen, die sich seitdem vorbereiteten. Und je mehr sich die Verhältnisse zuspitzen, um so lebendiger wird seine Teilnahme; je mehr alles nach einer gewaltsamen Lösung drängt, um so lauter erhebt auch er jetzt die Stimme. Seine Ahnung sagt ihm, daß die Zeit der Befreiung von der Fremdherrschaft nicht mehr fern sein kann; denn schon ist mit Moskaus Flammen das »Freiheitsmorgenrot« angebrochen. Der »Gottesheld« Kaiser Alexander von Rußland muß sich jetzt mit dem königlichen Waffenbruder am Belt vereinen und gemeinsam das Erlösungswerk vollbringen, nach dem die Völker verlangen:

»In Deutschland soll erblühen
Das Heil für alle Welt.«

Während Schenkendorf also nun entschieden für die gewaltsame Befreiung von der Fremdherrschaft eintrat, fand er merkwürdigerweise für den Mann, der im fernen Osten den ersten Schritt dazu tat, kein Verständnis. Am 30. Dezember 1812 hatte sich Yorck durch die bekannte Konvention von Tauroggen auf eigene Faust von dem preußisch-französischen Bündnis gegen Rußland losgesagt, und am 5. Februar 1813 hatte er auf einer von Auerswald einberufenen Deputiertenversammlung der ostpreußischen, westpreußischen und litauischen Kreise mit der ganzen ihm zu Gebote stehenden Energie zur allgemeinen Erhebung aufgefordert. Entrüstet vernahm Schenkendorf von diesen Vorgängen; weit entfernt, die Begeisterung seiner Landsleute für den »strengen« Helden zu teilen glaubte er vielmehr dessen Handlungsweise aufs schärfste verdammen zu müssen. Er nennt Yorcks Verhalten »Lehnsbruch und Hochverrath« und schreibt an den ihm befreundeten Kaufmann Collin: »Es tut mir um so mehr wohl, Sie von meiner unermüdlichen Anhänglichkeit versichern zu können, da in dem geliebten Vaterlande der gewaltige Strom der Zeit geradeswegs auf Zerstörung hinzuwirken scheint und sein finsteres Werk sehr klug gleich mit Untergrabung der bisher für heilig geachteten Grundvesten der Gesellschaft, der Ehre, der Lehnspflicht und des öffentlichen Vertrauens begonnen hat. Mich hat noch zur rechten Zeit ein Engel gleichsam beim Schopf ergriffen und aus all dem Gewirr in ein stilles Thal der Liebe und des Friedens geführt.« Und ganz ähnlich heißt es in einem Brief an die Eltern: »Wenn ich es genau überlege, so muß ich dankend anbeten den wunderbaren Rathschluß, der mich noch vor Thoresschluß, gleichsam wie der Engel Habakuk beim Schopfe ergriff, fortgeführt hat aus dem Getriebe. Was würde es meiner Frau für Unruhe gemacht haben, mich an einem pestartig heimgesuchten Orte zu wissen! und ich wäre dort wohl längst in Ketten und Banden, da ich Lehnsbruch und Hochverrath nie anders als mit dem rechten Namen belegen werde.«

Diese seltsame Haltung des Dichters ist zum Teil dadurch erklärlich, daß er von Yorcks Vorgehen damals nur aus den franzosenfreundlichen Blättern in Baden oder etwa aus der »Berlinischen Zeitung«, die eine öffentliche Verurteilung seines Vorgehens enthielt, erfahren hatte, zum Teil wird sie auch aus seiner romantisch-mittelalterlichen Auffassung von Gefolgschaft und Lehnstreue verständlich. Später beurteilte er den alten Freiheitskämpfer, den er zuerst verächtlich in die Klasse der Bourbons und Wallensteins gerechnet hatte, weit milder und setzte ihm in dem Gedicht »Die deutschen Städte« ein Denkmal:

»Wie man den Feind befehdet,
Das große Freiheitswerk,
Beschlossen und beredet
Ward es in Königsberg.
Am deutschen Eichenstamme
Du frisches grünes Reis,
Du meiner Jugend Amme,
Nimm hin des Liedes Preis.

Im Freiheits-Morgenrote,
In Moskaus heil'gem Schein
Kam ein geweihter Bote
Zu dir, der feste Stein.
Er zog in Kraft zusammen
Der Landesväter Kreis,
In den trug seine Flammen
Held Yorck, der strenge Greis.«

Die Ereignisse unmittelbar vor dem Ausbruch der Freiheitskriege, Alexanders und Friedrich Wilhelms III. erneuter Zusammenschluß, der »Aufruf an mein Volk« und die Erhebung des ganzen Landes sind zu bekannt, als daß sie hier besonderer Darstellung bedürften. Sie alle wurden von Schenkendorf jetzt mit gespanntester Erwartung beobachtet. Er begrüßt die Stiftung des Eisernen Kreuzes in Breslau als eine Wiedergeburt der alten Zeit, er mahnt alle Stände, an ihre heilige Pflicht gegen das Vaterland zu denken, und er bricht endlich in den Jubel glücklichster Begeisterung aus:

»Das Land ist aufgestanden.«

Für ihn handelte es sich jetzt nicht mehr um den Kampf eines Volkes gegen ein anderes, nicht um die Überwindung gerade Napoleons, sondern um das Dasein der Menschheit überhaupt, der man mit der Freiheit ihre Lebenskraft und Lebensmöglichkeit genommen hatte. Wie Th. Körner u. a. begrüßt er den bevorstehenden Krieg als einen heiligen Kreuzzug. Und so sehr war er von diesem Gefühl vaterländisch-religiöser Begeisterung durchdrungen, daß er selbst schmerzliche Verluste, die ihn in den ersten Monaten von 1813 betrafen, in der Verklärung sah.

Am 24. Januar 1813 starb in Königsberg der alte Kriegsrat von Schenkendorf. So wenig auch innere Beziehungen zwischen ihm und Max bestanden hatten, dieser erkannte nun doch dankend an, daß der Vater stets darauf bedacht gewesen sei, »der Ehre Mut« in seiner Kinder Herzen zu legen, und pries ihn glücklich, weil er wenigstens noch den Beginn der neuen Zeit erleben durfte. Frau von Schenkendorf überlebte ihren Gatten siebzehn Jahre, aber sie führte ein ziemlich freudloses Dasein. Durch den Tod ihres Mannes verschlimmerte sich die pekuniäre Lage der Güter, die seit den Kriegswirren überschuldet waren, noch mehr. Nesselbeck mußte bald verkauft werden und nur Lenkonischken blieb der Mutter des Dichters übrig, die sich alle Mühe gab, wenigstens diesen Besitz zu halten, obwohl auch auf ihm große Schulden lasteten. Noch kurz vor ihrem Tode lehnte sie das Angebot, ihr Gut gegen eine Pension von 200 Talern den Gläubigern zu überlassen, vornehmerweise ab, weil dadurch einer ihrer Verwandten, der Kaufmann Tschysius in Königsberg, sein Vermögen verloren hätte. Schließlich sah sie aber keine andere Hilfe, als sich an den König zu wenden, der ihr die Erlaubnis geben sollte, das Gut in Teilen durch eine Privatlotterie ausspielen zu lassen. Auch diese Hoffnung schlug fehl. Die Zwangsvollstreckung wurde angeordnet, bevor sie aber zur Ausführung kam, starb Frau von Schenkendorf (1830).

Schwerer als der Tod des Vaters traf den Dichter wenige Monate später ein anderer Verlust. Sein Bruder Karl, der sich schon im Kriege von 1807 ausgezeichnet hatte und dafür durch den Orden pour le mérite belohnt und zum Hauptmann befördert worden war, wurde in der Schlacht bei Bautzen schwer verwundet und erlag seinen Verletzungen bald darauf zu Hirschberg in Schlesien. Er war der einzige aus der Familie, der dem Dichter nahegestanden hatte, und als »frommer Degen« lebte er auch in dessen Andenken immer fort. Bei Hochkirch hatten die Brüder nach langjähriger Trennung kurz vor der Schlacht noch eine letzte Begegnung gehabt. Denn auch Schenkendorf weilte um diese Zeit nicht mehr zu Hause. Er hatte nicht müßig zusehen können, während alles zu den Waffen zusammenströmte; wenn ihn seine gelähmte Hand zum aktiven Dienst auch unfähig machte, wollte er doch wenigstens da sein, wo die Kämpfer waren. Und so hatte er kaum die Nachrichten von den ersten Treffen erhalten, als er im Mai 1813 von Karlsruhe aufbrach. In Begleitung eines befreundeten Professors Ladomus kam er durch feindliche Heere hindurch wohlbehalten in Görlitz an. Nach kurzem Aufenthalt in der Stadt des Jakob Böhme, dessen Grab er voll Verehrung aufsuchte, eilte er nach Schweidnitz ins preußisch-russische Hauptquartier. Dort wußte er ostpreußische Landsleute und unter ihnen alte Freunde, wie Karl von der Gröben, Schrötter, Kanitz und Dr. Friedländer, deren Brigade auch er sich anschloß, von ihrem Chef, Generalmajor Röder, herzlich aufgenommen.

Damit beginnt für Schenkendorf die erfolgreichste und äußerlich wenigstens bewegteste Epoche seines Lebens. Während der drei Kriegsjahre entstehen zum Teil unmittelbar im Felde die vielgesungenen Lieder, die seinen Namen hauptsächlich bekannt gemacht haben. Und die Wirkung, die er so als Dichter ausübte, war weit größer, als wenn er am Kampfe selbst teilgenommen hätte.

Seine Hoffnung, sofort in das eigentliche Schlacht- und Kriegsgetümmel zu kommen, erfüllte sich zunächst nicht. Als er am 8. Juni im Schweidnitzer Lager eintraf, war vier Tage vorher gerade der Waffenstillstand mit Napoleon abgeschlossen, und statt aufregender Kämpfe fand er ein heiter ungebundenes Lagerleben vor, dessen Mittelpunkt bald er selbst und der in derselben Brigade stehende Dichter Friedrich de la Motte Fouqué wurden. Schenkendorfs Frohsinn und sein gesellschaftliches Talent erwarben ihm die Sympathien der Freunde und Lagergenossen, und bald ging von ihm ein solcher Strom schwärmerischer Begeisterung aus, daß er überall hoffnungsfreudigen Mut erweckte. Fouqué, der ihn nach seinen Gedichten sehr gering eingeschätzt hatte, änderte nach der persönlichen Begegnung sofort seine Meinung und schloß sich ihm in herzlicher Neigung an. »Eine kräftige untersetzte Gestalt mit kerndeutschen Gesichtszügen«, so schildert er in seinen Erinnerungen »Aus Max von Schenkendorfs Leben«, den befreundeten Dichter, »trat er in unsere Mitte, die wir in der preußischen Kürassier-Brigade einen kleinen Kreis von theils dichtenden, theils Dichter liebenden Genossen von frischer Heiterkeit und Vertraulichkeit bildeten.« Max mahnte Fouqué an Götz von Berlichingen durch eine Ähnlichkeit mit dessen Bildern, die noch durch die kampfgelähmte Hand, vielleicht auch noch durch die Kürze seines Vornamens gestärkt ward, sich aber besonders in der heiterlebendigen Frische seines Charakters und ganzen Benehmens stets mehr und mehr entfalteten. Sympathisch berührte ihn an Schenkendorf auch die dem Ostpreußen wesentliche Charaktermischung von kühner Frische und einer an das Wehmütige streifenden Weichheit, von aufrichtiger Ehrlichkeit und feinem Takt in Ernst und Scherz. Kurz der Schenkendorf, wie er sich hier in der Ungebundenheit des Lagerlebens gab, zeigte sich als einer der »ernsten, aber fröhlichen Gottesjünger«, meint Fouqué, »die berufen sind, den wunderlichen Wahn durch ihr ganzes Sein und Wesen widerlegen zu helfen, als sei der Dienst des Schöpfers und das getreuliche Hinschauen auf Gottes Offenbarung schwermütige Kopfhängerei, oder leite doch dazu hin«.

Schenkendorfs Ausrüstung war freilich mehr romantisch als kriegsmäßig. Nach der Schilderung eines Augenzeugen trug er »eine schwarze Litewka, oder, wie das polnische Kleidungsstück damals hieß, einen deutschen Rock«, über den er ein Schwert geschnallt hatte. Auf dem dichten Lockenhaar saß eine Soldatenmütze, die mit dem Schnurrbart und »dem grimmigen Blicke in dem Gesamteindruck der Physiognomie verbunden« den nötigen martialischen Eindruck erwecken sollte.

Eine Stellung bekleidete der Dichter nicht, doch wußte er sich freiwillig bei Erledigung der Korrespondenz und anderer Geschäftssachen nützlich zu erweisen, wofür ein Pferd, das er mitführte, im Lager gefüttert wurde.

Schon in dem Schweidnitzer Lager begann Schenkendorf seine Tätigkeit als Kriegsdichter. Er begleitete die politischen Ereignisse mit Liedern, die aus dem unmittelbarsten Gefühl heraus entstanden, dann meist handschriftlich verbreitet wurden und im ganzen Heere eine gewaltige Wirkung hatten. Was Tausende fühlten, die große Begeisterung und die große Sehnsucht   es fand hier von Herz zu Herzen gehend beredten Ausdruck.

Mit Recht durfte Schenkendorf, als er ein Jahr später die erste Ausgabe seiner Gedichte veranstaltete, in glücklichem Stolz sagen: »Den Titel wünsche ich so einfach wie möglich. Da mein Name doch ziemlich bekannt ist, so wird es um der Käufer willen nicht erst nöthig sein, zu erwähnen, daß die Gedichte sich auf diese Zeit beziehen.«  

Mehr als sechs Wochen verbrachten die Freunde im Lager teils zu Schweidnitz, teils zu Peilau, und so sehr fühlte Schenkendorf sich hier in seinem Element, daß er den Vorschlag des Präsidenten von Schön, eine Stelle im militärischen Verwaltungsrat anzunehmen, ablehnte; er wollte beim Heere bleiben.

Nach Wiederausbruch des Krieges begleitete er sein Armeekorps durch Schlesien über Reinerz und Glatz nach Prag, wo er im Theater C. M. von Weber und Ludwig Tieck, der sich vor den Kriegswirren dorthin zurückgezogen hatte, sah, und weiter über Teplitz und das Erzgebirge bis nach Leipzig. Er erlebte mitten in den Reihen der Kämpfer stehend die große Völkerschlacht und widmete diesen Tagen in ungeheurer Ergriffenheit einen Zyklus von fünf Liedern, der mit dem »Gebet vor der Schlacht« beginnt und in das »Tedeum« ausklingt:

»Herr Gott, dich loben wir,
Herr Gott, wir danken dir!«

Fouqué entwirft wieder in seinen Erinnerungen von dem letzten Morgen vor der Entscheidung ein recht charakteristisches Stimmungsbild: »Die Rödersche Kürassierbrigade rückte feierlich ernsten Schrittes in der Gegend von Probstheide feindan, vor uns Preußische Ulanen. Die Wichtigkeit der über uns schwebenden Entscheidung empfand jeder, einigermaßen mit Sinn für die höhere Kriegskunst Begabte. Feindliche Geschützkugeln begrüßten uns, auf einen ernsten Widerstand deutend. Links von uns in einem sanft eingesenkten Thale hörte man französischen Befehlsruf. ›Sie wollen uns überflügeln‹, ging ein leises Reden und Winken durch die Reihen.       Max ritt unweit von mir. ›Halt!‹ hieß einstweilen der Befehlsruf für die Ulanen vor uns und für uns mit. Max kam zu mir heran. Er trug einen französischen Dragonerhelm in der Hand, den er vom Boden aufgenommen hatte und demonstrierte mir mit sinnvollem Eifer, wie er den wolle zum Pokal bereiten lassen und hoffte noch daraus manchen Zug edlen Weines zu thun mit mir und anderen Freunden in Gott preisender Erinnerung unserer Waffenfahrten. In diesem Augenblick kam der König von vornher mit kleinem Gefolg, zwischen den Ulanen durch, langsam herangeritten. Max in seiner Ziviltracht ritt seitwärts.« Schenkendorfs Abteilung kam nicht mehr in die Schlacht, bald verbreitete sich die Nachricht von dem großen Siege. Ein Landsmann des Dichters drang als erster in die Stadt ein, während ein anderer Königsberger, John Motherby, bei der Erstürmung am Tore fiel.

Mit der Schlacht bei Leipzig war der Rückzug der Franzosen über das Rheinufer entschieden. Mit ihr endete auch Schenkendorfs Teilnahme an dem Feldzuge. Er blieb, während die verbündeten Heere den Franzosen nachfolgten, noch kurze Zeit in der wiedergewonnenen Stadt und wurde dann durch Stein der Zentralverwaltung der Bewaffnungs-Angelegenheiten in Frankfurt a. M. zugeteilt, von wo er bald nach Baden zurückkehrte, um mit dem Großherzog wegen der Volksbewaffnung zu verhandeln. Dabei erwies er sich so außerordentlich tüchtig und umsichtig, daß der Bremer Abgeordnete im Hauptquartier, Senator Smidt, mit dem er in freundschaftlichen Verkehr trat, von ihm bewundernd sagte: »Stein weiß seine Leute zu wählen, auch dieser ist ein Mann, wie er sein muß.« Infolgedessen wurde er bald zu Sendungen an das Hauptquartier der Verbündeten in Frankreich verwendet. Noch einmal kam er in die Nähe des Schlachtfeldes, als er von Chaumont aus am 30. Januar 1814 den Kanonendonner von Brienne hörte; dann kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er im Februar desselben Jahres zum Lohn für seine guten Dienste zum Volontair-Offizier ernannt wurde. Bei der Zentralverwaltung, wo er ein monatliches Gehalt von 100 Talern erhielt, blieb er bis Ostern 1815, wahrscheinlich bis zum Abschluß des Friedens, teils in Frankfurt und Karlsruhe, teils am Rhein tätig, obgleich es ihn sehr schmerzte, in der Heimat sitzen zu müssen, »während die Waffenbrüder das neue Babel ängstigen«. Wenigstens aber suchte er im kleinen, wie im weiteren Kreise durch immer neue Lieder zu ermutigen und anzuspornen. Als Görres in Koblenz 1814 seinen »Rheinischen Merkur« erscheinen ließ, um für das nationale Ziel zu arbeiten, lieferte Schenkendorf, der mit dem Dichtergenossen persönliche Beziehungen angeknüpft hatte, sofort Beiträge.

Am 30. März 1814 wurde der Pariser Friede abgeschlossen, die Verbündeten zogen in die französische Hauptstadt ein, und allgemein hoffte man, daß endlich der Tag der Freiheit angebrochen sei. Auch Schenkendorf, obwohl er wie andere die Friedensbedingungen, namentlich die Überlassung des linken Rheinufers an Frankreich, als zu große Nachgiebigkeit empfinden mochte, stimmte doch »von Andacht hochdurchglüht der Freiheit Lobgesang an«:

»Im Himmel und auf Erden klang
Noch nie ein schönres Lied.
Denn Freiheit war das Meisterwort,
Als Gott die Geister schuf;
O Freiheit, unser Stern und Hort,
Wir hörten auch den Ruf.

Da brach hervor zu Gotteslust,
Was lang im Finstern schlief,
Der Keim der Freiheit, welcher tief
Entsproß in Menschenbrust.
In tausend Ästen brach es aus,
Das junge zarte Reis,
Ein reicher voller Blütenstrauß
Zu Gottes Ehr' und Preis.«

Aber keineswegs sah der Dichter alle Aufgaben, welche die Zeit stellte, gelöst. Die Fremdherrschaft war abgeschüttelt, nun galt es, im Innern das Zerstörte wieder aufzubauen. Seit Kaiser Franz II. im August 1806 die deutsche Kaiserwürde niedergelegt hatte, hielt Schenkendorf an der Hoffnung fest, aus der Vernichtung würde sich bald wie ein verjüngter Phönix das neue Deutsche Reich erheben. Schon während des Krieges hatte er in Liedern auf dieses Ziel hingewiesen, weil in ihm allein das wahre Heil Deutschlands ruhe; jetzt nach dem Friedensschluß trat er energischer mit seiner Forderung hervor. Das Haus Habsburg war für ihn das angestammte Kaiserhaus, einen Habsburger wünschte er anfangs auch wieder auf den Thron; erst später richtete er seinen Blick auf die Hohenzollern. Aber anstatt seine Hoffnungen erfüllt zu sehen, mußte er entrüstet wahrnehmen, wie jetzt die Souveränität der einzelnen Fürsten wuchs und manche von ihnen eine mächtige Sonderstellung gewannen, die ganz den Prinzipien der alten deutschen Reichsverfassung widersprach.

Um so mehr setzte er seine Hoffnungen auf den Wiener Kongreß, der im Herbst 1814 zusammentrat, um die Gebietsverteilung in Europa zu ordnen. Dieser, meinte er, würde auch das höhere Ziel nicht außer acht lassen; und so ließ er sich von dem Senator Smidt, der als Vertreter Bremens nach Wien ging, genau über die Verhandlungen berichten. Indes auch hier wartete seiner eine tiefe Enttäuschung. An eine Wiederaufrichtung des alten Deutschen Reiches dachte der Kongreß überhaupt nicht. Verstimmt lehnte Schenkendorf daher Smidts Einladung, selbst nach Wien zu kommen, ab; er versprach sich keinen Erfolg davon. Um aber einen letzten Versuch zu machen, setzte er dem Freunde in einem langen Schreiben auseinander, welche Aufgaben seiner Ansicht nach in Wien zu lösen seien. Nachdem er darin zu Anfang Preußen, dem man Sucht nach unmäßiger Gebietsvergrößerung vorgeworfen hatte, in Schutz genommen hat, sucht er die Notwendigkeit eines neuen deutschen Kaisertums ausführlich zu beweisen. So wird dieser Brief vom 26. Januar 1815 eine Art politisches Glaubensbekenntnis Schenkendorfs. Es heißt da: Leider sind wir auch hier wieder ganz auf A. Hagens Wiedergabe dieses Schreibens angewiesen, der nicht das Original unverändert abgedruckt, sondern Kürzungen und Umstellungen vorgenommen hat. »Wen hat die Erhebung des preußischen Volkes im Jahre 1813 nicht begeistert und wer glaubte nicht, von daher würde oder könnte das Heil für Deutschland kommen.       Es ist eine Thatsache, daß seit Einführung der Rheinbunds-Souveränität die Höfe und die Völker in diesen Gegenden schlechter geworden sind.     Die unselige Menge von Fürsten und Residenzen, deren man zwei bis drei in einem Tage besuchen kann, wie Stuttgart, Carlsruhe, Darmstadt   und alle vom Souveränitäts-Teufel geplagt und immer nur das Gegenteil von dem Guten und Allgemeinen wollend. Wie vordem das Vaterland eine zu enge Schranke war und nur Menschheit und Weltbürgerlichkeit das Losungswort, so ist jetzt das Vaterland zu groß, und Baden, Baiern, Württemberg soll es heißen, aber nimmer Deutschland.       Die größere Macht Preußens ist mir immer nur als ein Gegenmittel (gegen Zerspaltenheit) wünschenswerth erschienen. Oestreich, dem man früher ein zu starres Festhalten an Formen Schuld gab, hat sich in der letzten Zeit entweiht durch die Persönlichkeit des Ministers, hat sich nur zu beweglich und veränderlich und zu wenig stolz gezeigt. Da der deutsche Adler einmal ein doppelköpfiger ist, da ich die völlige Gleichheit und Freiheit aller, wegen der Grundverdorbenheit der despotischen Rheinbunds-Regierungen, mehr noch als ihrer Regenten, unmöglich billigen kann, da die Sicherheit Deutschlands selbst eine Einheit des Kriegswesens nöthig macht, so sollten sich meiner Einsicht nach in die Lenkung des Kriegswesens von Süd- und Norddeutschland und zugleich in die der äußeren Verhältnisse Oestreich und Preußen theilen.       Unterwerfung unter ein Haupt wäre besser. Hätten wir ein Reichs-Oberhaupt, dem alle, auch Oestreich und Preußen sich untergeordnet hätten, so wäre die Einheit dagewesen. Wie einmal Katholizismus und Protestantismus Deutschland leider! getheilt haben, so wird die politische Theilung noch eine geraume Zeit währen, bis das eine ganz untergegangen ist in der volkstümlichen germanisch-katholischen Kirche und das andere im volkstümlichen Vaterlande.       Ich bin niemals, von meiner frühesten Kindheit an, niemals ein Stock-Preuße gewesen, habe mich in Preußen selbst oft genug darüber ausgesprochen, daß Preußen seinem ersten Ursprunge, seiner ersten Kultur, seiner Geschichte, dem Gemüth und den Sitten des größesten Theils seiner Bewohner, seiner Sprache, seinen ältesten und edelsten Geschlechtsnamen, so wie seinen Städtenamen nach   und dem heiligen Recht nach rein deutsch sei und bleiben müsse.       Unmöglich kann ich also damit einverstanden sein oder es auch nur billigen, wenn jetzt der größte und beste Theil Preußens aufs Neue von dem deutschen Reich losgerissen werden soll.     Der König trägt aber keine Schuld davon, denn es wäre ein Leichtes gewesen, ihn zu bewegen, mit der ganzen Masse seiner ältesten Besitzungen sich wieder an Deutschland hinzugeben. Die Räthe mögen die Schuld tragen, noch mehr aber alle die deutschen Fürsten und Stände, welche schwiegen, als es an ihnen war zu reden, d. h. zuletzt in Paris       Man kann nicht Gott dienen und dem Belial. Es ist jetzt die Zeit der Sichtung und Scheidung. Gutes und Böses, Freies und Unfreies, Wahrheit und Lüge können fürder nicht in einem Gefäß bleiben. Darum wollen wir den Gang, den Deutschlands Schicksal einmal nehmen soll, nicht hindern, damit unsere guten, treuen Landsleute und am Ende auch wir selbst, nicht von neuem eingeschläfert, uns einbilden, nun wäre Alles gethan, der Himmel würde das Übrige wohl verwalten und wir könnten uns in Gottes Namen auf die andere Seite kehren und von neuem einschlafen.«

Eine Wirkung hatte dieses Schreiben freilich nicht. Im Gegenteil, noch während die Selbstsucht von Fürsten und Reichen nach einem Ausdruck Schenkendorfs in Wien mit der Sehnsucht und Hoffnung der Deutschen schändlich spielte und sie durch Schlittenfahrten, Maskenbälle und moderne Turniere schadlos zu halten suchte, kehrte Napoleon am 20. März 1815 unerwartet von Elba zurück. Der Kongreß mußte abgebrochen werden, und alle Arbeit und Aufopferung der Kämpfer von 1813 schien auf einmal vergeblich gewesen zu sein. Nach Schenkendorfs Meinung trugen seine eigenen Landsleute Schuld daran, wenn es so kam; in dem »Gebet« vor dem Ausbruch des zweiten Freiheitskrieges sprach er die heftigsten Vorwürfe gegen sie aus:

»Aufs neu' hat leichter Glaube
Dem welschen Wort gehört,
Zur Lust an schnödem Raube
Hat uns der Geiz betört.
Der sprach von Fürstenehre
Und nicht von Fürstenpflicht,
Der nannte seine Heere
Und nicht sein Recht Gewicht.«

Aber ebenso »aufs neu'« gibt er sich willig wieder Hoffnungen hin. Die Einigkeit der Völker zeigte sich ja in dem gemeinsamen Kampf gegen Frankreich, aus ihr muß auch das Heil erwachsen. Und als Napoleons Herrschaft endgültig gestürzt wurde und die Verbündeten zum zweitenmal in Paris einzogen, da wollte auch der Dichter gern »alte Sünden« vergessen und in den Jubel über die gesicherte Freiheit einstimmen; nun mußte ja auch die Zeit zur Erfüllung der anderen Werke nahen.

Zu einer aktiven Teilnahme an den neuen Bewegungen war er diesmal nicht gekommen. Er litt seit längerem an heftigen Blutwallungen und Schwindelanfällen. Schon im Herbst 1814 hatte sich das Übel zum Teil infolge der Kriegsstrapazen so verschlimmert, daß er auf Rat des ihm befreundeten Regimentsarztes Dr. Friedländer, der auf der Rückkehr von Paris zu ihm nach Karlsruhe kam, in den heißen Stahlquellen von Aachen Heilung suchte. Die Reise führte ihn durch Koblenz und Köln, wo »Kirchen und Bilder gar zu schön« und die Menschen »lieb und traut« waren, und Ende November traf er in Aachen ein. Fünf Monate lang lebte er dort einsam, oft genug, besonders zu Weihnachten, von Sehnsucht nach den Lieben ergriffen. Dann vertrieb ihn der ausbrechende Krieg von der alten Kaiserstadt; doch kehrte er bald zurück, um den größten Teil des Sommers und den Herbst 1815 dort zu verbringen. Natürlich wandte er den Blick nicht von dem Weltschauplatz; aber sein Leiden hinderte ihn, eine ähnliche dichterische Wirksamkeit wie vor zwei Jahren zu entfalten. Er lebte in stiller Zurückgezogenheit in Frankenberg bei Aachen und unternahm von dort Ausflüge bis nach Belgien und den Ardennen, obgleich ihm die Sehnsucht nach den Freunden und der Gattin, die sich im September 1815 nach Köln begeben hatte, wenig Ruhe ließ:

»O Sehnsucht allgewaltig,
Halb dunkel, halb bewußt,
O Sehnsucht, vielgestaltig
Beschleichst du meine Brust.«

Dazu kam, daß sich seine pekuniäre Lage wieder sehr verschlimmert hatte, seit er aus Steins Diensten ausgetreten war, und eine neue Anstellung bei der Regierung lange auf sich warten ließ. Unter dem 29. Oktober 1815 wendet er sich deshalb an den Staatsrat Staegemann, den bekannten Mitarbeiter Steins und Hardenbergs, indem er sich beklagt, daß er »immer noch vergebens einer Resoluzion von Seiten des Fürsten« entgegensehe. »Das ist mir aus mehr als einer Ursache unangenehm. Eines Theils, weil man doch gern seiner Existenz wegen schwarz auf weiß im Reinen ist. Ich will es nicht zu erwägen geben, daß mir in Ober-Deutschland Beruf und Erwerb, in gemüthlichen Verhältnissen, nahe und bereit lag, daß es nie in meinen Sinn gekommen ist, einer andern Macht als der befreundeten heimatlichen zu dienen; aber erwähnen darf ichs immer, daß ich manche Gelegenheit zu fröhlicher und nützlicher Ansiedlung für den Fall des Nicht-Dienens bereits versäumt habe. Andern Theils sezt es mich allerdings in Verlegenheit, seit sechzehn Monaten ohne Gehalt zu leben. Von Gütern in Preußen kann man, wie Sie wissen, jezt nichts ziehen, am wenigsten von solchen, die meine Mutter verwaltet, und   wie gut sie sonst auch ist   immer allein verwalten will. Das Vermögen meiner Frau ist seit dem Mühlenbrand von 1807 um mehr als die Hälfte geschmolzen und ich bin gewohnt, es als ein mir fremdes Eigentum zu betrachten. In Köln habe ich bereits, weil sich eine wohlfeile Gelegenheit darbot, ein Haus gemiethet, mit einem Garten am Rhein lustig gelegen. Das soll nun eingerichtet und mit Hausrath versehen werden. Der Winter kommt heran, da müssen des Landes Sitte gemäß, Oefen gemiethet oder gekauft werden u. s. w. Ich habe offen über dieses Alles gesprochen, um Ihnen darzulegen, daß jezt eine Geld-Anweisung mir wichtig ist. Der Fürst hat Allen im Kriege beschäftigt gewesenen ihr Gehalt gelassen, oder ihnen gar Pensionen gegeben. Ich bin nicht müßig gewesen   das beweiset mancher Bericht an den Fürsten und an Stein nach Wien   und jezt habe ich hier vielerlei zu thun.«  

Wenn Schenkendorf sich weniger an den Ereignissen der beiden letzten Jahre beteiligen konnte, ist es vielleicht kein bloßer Zufall, daß er gerade in dieser Zeit, möglicherweise durch Freunde angeregt, den Entschluß faßte, seine Gedichte, die einzeln allerdings schon längst verbreitet waren, zum erstenmal gesammelt herauszugeben. Smidt bemühte sich im Herbst 1814 für ihn um einen Verleger, und es gelang ihm, auf dem Wiener Kongreß den dort anwesenden Cotta für Schenkendorf zu gewinnen. Noch im Oktober wurde der Vertrag abgeschlossen, der dem Dichter das in damaliger Zeit ganz gute Honorar von 27 fl. für den Druckbogen zusicherte, und zu Beginn des neuen Jahres erschien das Bändchen » Gedichte«. Schenkendorf selbst konnte sich wegen dauernder Kränklichkeit wenig um den Druck kümmern und mußte die Besorgung ganz dem eifrigen Smidt überlassen. So schlichen sich in die Ausgabe eine Menge Druckfehler ein, die dem Dichter das Buch anfangs ganz verleideten: schließlich tröstete er sich aber mit dem Gedanken, daß »so etwas in jetziger Zeit niemanden tief berühren« könne.

Der Erfolg entsprach der Begeisterung, die seine Lieder einzeln schon gefunden hatten. Wie der Aufsatz an Smidt das prosaische, so ist dieser Band Gedichte das poetische Glaubensbekenntnis Schenkendorfs. »Sie zeugen«, schreibt ein Kritiker der »Wiener Allgemeinen Zeitung«, »von einem durch die Verhältnisse der Zeit wohl zu hoher Kraftanstrengung aufgeregten, in sich aber nicht getrübten Geiste. Sie gehen nicht aus von dem Elende und der Noth der Gegenwart, in der sie entstanden, sondern von der bereits mächtig waltenden Gegenwirkung, die dieses Elend und diese Noth aufhebt und vernichtet. Nicht Mißmuth über gekränkte Würde des Lebens, sondern helle Freude über dessen Wiederveredelung ist ihre Quelle. Sie ruhen, obgleich immer auf die Gegenwart sich beziehend und kräftig auf dieselbe einwirkend, dennoch mit ihrem geheimsten Leben auf der bereits geahnten Zukunft, nach jener glorwürdigen Herrlichkeit gebildet, welche deutscher Vorzeit eigen war.      «

Schenkendorf sandte Exemplare mit Begleitschreiben nach Berlin, Wien, Königsberg und, wie es scheint, auch an das russische Kaiserpaar, während Smidt an Stein die Gedichte schickte, die ganz der Zeit angehören, »welche Ew. Excellenz in Ihrem wirkungsreichen Leben vorzugsweise die Ihrige zu nennen berechtigt sind«. Sicher versprach der Autor sich von diesen Schritten irgendwelche Erfolge für seine äußere Lage, und möglich ist es, daß man in leitenden Kreisen dadurch nachdrücklicher auf ihn aufmerksam wurde. Welche innere Wirkung er aber von den Gedichten erwartete, ist indirekt in einem Brief an Karoline von Wolzogen, der er ebenfalls ein Bändchen übersandte, ausgesprochen:

»Sie finden«, schreibt er im März 1815 an sie, »in diesen Gedichten die Bilder, welche in den letzten Jahren Tag und Nacht meiner Seele vorgeschwebt haben. Der Kunstwerth ist gering, aber meine ehrliche deutsche Meinung muß sich daraus kundgeben, und diese bewirkt mir dann wohl ein nachsichtiges Urteil.       Es war so viel geschehen im Kriege   da bildeten die Menschen sich ein, sie hätten es gethan und gemacht, ganz vergessend, daß Gott nicht in gemachten Tempeln wohnt. Dieser Hochmuth ist nun von Rechtswegen bestraft, und alle sind gefallen, damit keiner sich rühmen darf. Es thut einem deutschen Herzen freilich weh, daß die Stämme unsers Volkes, die nach so langer Trennung ihre Arme sehnsüchtig einander entgegenbreiteten, aufs neue so teuflisch verhetzt sind. Das soll uns aber den Blick aufs Ziel nicht trüben, oder uns gar an unserm Ziele irre machen. Rückwärts geht Gott und die Zeit nicht   also in Gottes Namen vorwärts. Vorn ist Bahn und zu thun ist noch genug. Wir erleben doch noch oder unsre Kinder erleben's, ein freies glückliches Vaterland      .«

Von Aachen zurückgekehrt, lebte der Dichter wieder still in Karlsruhe. Der Bekanntenkreis war kleiner geworden, mit dem Kirchenrat Ewald hatte er sich wegen religiöser Fragen entzweit und im Stillingschen Hause, »wo die beiden Alten sehr kränkeln und sich zur Erde neigen«, fehlte auch die frühere Behaglichkeit. Die Hausfreundin, Frau von Krüdener, war schon 1814 erst nach Paris, dann nach Rußland gegangen. Von dem Schicksal dieser merkwürdigen Frau sei nur erwähnt, daß sie in Alexander I. von Rußland einen Freund ihrer religiösen Ideen fand und bei dem Zustandekommen der »Heiligen Allianz« 1815 eine nicht unbedeutende Rolle spielte, worauf auch Schenkendorfs Brief hinweist. Dann verließ sie den russischen Hof und zog, offenbar in einem Zustande religiösen Wahnsinns, von einer Schar Geistlicher begleitet, im Lande umher und hielt Predigten, bis man sie endlich auswies. Sie starb in der Einsamkeit auf ihrem Gut in Livland. Obwohl Schenkendorf mehrfach versichert, daß er mit ihr nie in allem übereinstimmen konnte, und auch zuletzt zwischen beiden eine Entfremdung eingetreten sein muß, korrespondierten sie doch immer miteinander. Ein Brief Schenkendorfs gibt besonders interessante Aufschlüsse über ihr gegenseitiges Verhältnis. Am 2. September 1815 schreibt er aus Aachen an Frau von Krüdener:

»Diese Zeilen gebe ich einem Freunde, dessen Sie sich vielleicht vom Jahre 1814, wo er durch Karlsruh nach Basel ging, erinnern, dem Doktor Lange aus Berlin mit   eines Theils weil es mir gewissermaßen Herzensbedürfnis ist, wieder einmal Wort und Gruß an Sie, verehrte und bewährte Freundin zu richten, andern Theils um dadurch vielleicht ein Wort von Ihnen zu erhalten. Wie leben Sie in Paris? und wie geht die Zeit? und währt der gesegnete Einfluß den Gott Ihnen im Frühling geschenkt noch fort? Ich hoffe und freue mich des. Doch muß ich als Deutscher, als Mensch und in Folge mancher Erfahrung, Ihnen sagen   (was ich gerne auch an Blum sagte)   lassen Sie die große Liebe, von der Sie wie ich weiß erfüllt sind und aus der alle Ihre Handlungen fließen nicht zu einseitig wirken. Nicht daß sie auf Unwürdige ausströmte, Gott läßt ja auch regnen und die Sonne scheinen über Gute und Böse; aber eine zu große Milde könnte doch üble Folgen haben, die Straflosigkeit des Lasters gibt immer ein schlechtes Beispiel, und wem Gott das Schwert des Gerichts in die Hand gegeben, der soll es ordentlich brauchen. Die Juden haben sich im alten Bunde auch schwer versündigt durch die Barmherzigkeit die sie gegen Gottes Befehl an den Kanaanitern pp. übten. Freilich ist's immer süßer und besser durch Barmherzigkeit als durch Grausamkeit zu fehlen, aber Fehler bleibt Fehler.                        

Die Zeit hat uns zwar genugsam gelehrt, daß Gott anders rechnet als wir   aber doch soll man seinen Verstand gebrauchen, und doch kann man Gegenwart und Zukunft nur nach der Vorzeit beurtheilen und berechnen. So ist es ein altes Wort, von der Bibel und allen alten Geschichten bestätigt, von dem Fluche, der sich über ganze Geschlechter und Völker forterbt, und welchen nichts versöhnen noch abwenden mag. So haben wir in der Griechischen Geschichte die Atriden u. a. so die Juden u. s. w. Die Franzosen und die Bourbons (die alle miteinander die Zeit nicht mehr begreifen, in ihre eigenen Phrasen sich verstricken und ebenso erstarrt als verstockt sind) befinden sich unter solchem Fluch, sie werden alle fallen, fallen, fallen. Und wer wird herrschen von den Voghesen bis an's atlantische Meer? Mir ahndet's, daß Einer, ein Freundlicher, dem es in Rußland wohl zu kalt sein muß, den Beruf erhalten wird.   Mag's doch   wir wollen für unser Deutschland schon inwendig wirken; wenn wir nur die rechten Grenzen zum Schutze gegen außen hätten. Und dafür müssen Sie auch am rechten Orte sprechen und wirken. Dafür rechne ich und viele Gute auf Sie.    «

Nach allem ist es verständlich, wenn Schenkendorf jetzt noch sehnsüchtiger als früher aus Karlsruhe herauszukommen wünschte. Während ihn die Mutter wiederholt aufforderte, sich um eine Anstellung in Ostpreußen zu bemühen, wollte er auf jeden Fall in der Gegend des ihm sehr vertrauten Rheinlandes bleiben. »Ich bin zwar bereit meinen Stab weiter zu setzen und hinzugehen, wohin mich Gott schickt, aber meine Liebe und Sehnsucht wird immer an diesen Ufern bleiben«, schrieb er damals. Und da ihm Koblenz und das »glückliche Köln« am meisten zusagten, bewarb er sich nun nachdrücklich um eine Stellung bei der Regierung in einer dieser Städte. »Nach Gold, Ehre und Orden hab' ich meine Hand nie ausgestreckt,« rief er aus, »und wenn man nichts fordert bekommt man nichts   darum ist mir's auch nicht zu thun, aber ein Amt, einen festen Beruf und Punkt hätte ich in der bewegten Zeit endlich gern. Doch wie Gott will!« Um eine Beschleunigung der Angelegenheit bei dem Oberpräsidenten zu erreichen, begab er sich persönlich nach Köln. Nichtsdestoweniger zog sie sich sehr lange hin, und Schenkendorf mochte nicht drängen, da es »den unter Stein angestellt gewesenen nicht recht geziemen will, sich zu Diensten jetzt zu erbieten«. Über die lange Zeit des ungewissen Wartens tröstete ihn nur die Stadt mit ihren schönen Bauwerken, von denen besonders der Dom sehr stark auf sein künstlerisches und religiöses Gefühlsleben wirkte. Endlich erfolgte die Berufung als Regierungsrat nach Koblenz.

Da die Stellung vorläufig nur probeweise war, begab er sich allein nach dem neuen Wohnsitz, während die Familie sich zunächst in Karlsruhe oder in Köln aufhielt. Er war der Militärabteilung zugeteilt und arbeitete an der Durchführung der neuen preußischen Gesetze für die Heeresverwaltung mit. Wie schwierig diese Aufgabe in den noch immer französisch fühlenden Rheinlanden gewesen sein muß, ersehen wir aus einer früheren Schilderung der dortigen Verhältnisse in einem Brief Schenkendorfs an den erwähnten Staatsrat Staegemann, der gleichzeitig von seinem klaren politischen Blick und seiner aufrechten Gesinnung das schönste Zeugnis ablegt. »Die bisherige Gouverneurs-Unumschränktheit«, heißt es da, »und der Glanz dieser Würde hat alle die Herren, Meister und Gesellen geblendet, und ich fürchte, sie sind für den künftigen Dienst verloren, was bei einigen in der That ein Verlust wäre. Die Leute hier im Lande begreifen nun und nie, wie ein Ober-Präsident dazu komme, eine gesetzgebende Gewalt, und einen Einfluß in die Justiz-Verwaltung oder das Richter-Amt auszuüben, von der man bei Napoleon nichts gewußt hat. Die französischen Formeln der Justiz wie der Verwaltung, haben alle diese Herrn verblendet, es ist gar zu leicht in solchem Wesen zu schalten, aber es ist gegangen wie immer, wie Goethes Zauberlehrling, in diesen Formen und Formeln haben sich die Herren selbst verstrickt, und sind gefangen wie in einem Sack.             Die üblen Folgen des Fortbestehens der französischen Gesetze auf das Familienleben, das Kirchen Wesen u. s. w. sind auch mannigfaltig, und gäbe es von dem Allen kein Beispiel, so kann man a priori sagen, es schickt sich nicht, daß die Preußen seit dem Jahre 1813 bis ins Jahr 1816 das von der Meinung verworfene bestehen lassen. So ist's aber mit allem gegangen, nahmentlich auch mit der höchst bequemen Anstellung der ehemaligen französischen Beamten. Gerade die Verworfensten und Verfluchtesten drängen sich am meisten zu, und üben nun das volle Recht ihrer Gewandheit, ihrer Ränke, ihrer Lokal-Kenntnis und der Unentbehrlichkeit über ihre ungewandten Beschützer aus.           Nun wir bitten den Herrn, daß er Arbeiter in den Weinberg sende, tüchtige und unbescholtene, und nicht viel aus andern Provinzen Deutschlands, und nicht zuviel Stock-Preußen. Die thun hier auch nicht gut, begreifen das Volk und seine Art nicht, und verletzen es fortwährend.«

Da Schenkendorf kein »Stock-Preuße« war, ihm auch sonst jede chauvinistische Schärfe fernlag und das rheinische Volk seine Sympathien hatte, verfuhr er bei seiner Aufgabe mit großem Takt und Geschick, so daß er sich großer Beliebtheit erfreute und selbst ganz in dem dortigen Leben aufging. Er suchte Burgen und Ruinen des Landes auf und schwärmte für den Katholizismus, ohne indessen darin so weit zu gehen wie etwa Friedrich Schlegel oder Brentano. Denn wenn diese Vorliebe auch bei ihm zum Teil romantischen Neigungen entsprang, so bestimmte ihn dazu doch in gleicher Weise seine Idee einer »germanischen Kirche«, die sich in dieser Zeit immer mehr bei ihm ausgebildet hatte. Bezeichnend dafür ist ein Brief an Frau von Auerswald. Er erfuhr, daß der Hofprediger Borowsky, dem er in Gedichten und Briefen stets eine hohe Verehrung bewiesen hatte, U. a. widmete er ihm am 5. Juli 1812 zur 50jährigen Predigtamts-Feier ein längeres Gedicht. zum »Bischof« ernannt sei, und schrieb darauf Bezug nehmend:

»Über Borowsky den Bischof wünschte ich gern etwas Ausführliches und Unparteiisches zu vernehmen. Sie wissen, wie ich ihm zugethan bin, und ich kann wohl versichern, daß ich noch keinen vollkommneren Prediger gehört habe. Wer wünschte nicht, daß die protestantische Kirche endlich eine Kirche, ein geordnetes lebendiges Ganze würde. Dazu ist Kirchenzucht und äußerliches Ansehen der Geistlichen nöthig, mithin Bischöfe nützlich. Das Bischofsamt ist aber zu heilig, als daß es wie ein Titul, ohne Macht und Bedeutung, vergeben werde dürfte. Soll es nun mehr bedeuten, und hält man es vielleicht für zweckmäßig diese Bedeutung sich nach und nach entwickeln zu lassen, so meine ich doch, daß nur in der gesammten protestirenden Welt, wenigstens nur in der ganzen protestantischen Kirche des Landes, nicht aber in der weltlichen Macht oder in der Person des Fürsten die Berechtigung zu einer solchen Grundveränderung liege. Ein Bischof ohne bischöfliche Gewalt ist eine traurige Erscheinung, um sie nicht zur lächerlichen zu machen, muß man dann wenigstens die äußere Ehre hinzufügen.«

Dieser Brief ist an Frau von Auerswald gerichtet, der gegenüber er es liebte seit seiner Entfernung von Königsberg alles, was ihn bewegte, besonders seine politischen Ideen auszusprechen. Das Verhältnis zu ihr hatte sich in keiner Weise getrübt, keinen Brief sendet er an sie, in dem er nicht wünschte, noch einmal in ihrem Kreis weilen zu können, und wenn er jetzt nach vierjähriger Trennung an sie schreibt, klingt es noch, als wenn der junge Dichter sich mit der schwärmerisch verehrten Frau in ihrem Hause unterhielte. »    Nie, nie werd' ich die Tage meiner Jugend und jene glückliche Zeit vergessen,« schreibt er ihr am 5. Juli 1816, »die eigentlich ein immerwährendes Gehen und Kommen nach Ihrer offenen Hausthür war, nie die mannigfachen Freuden und Spiele, nie die ernsten und trüben Tage, und Ihr theures Bild steht in aller Güte und Freundschaft immer lebendig vor meiner Seele. Ich weiß es wohl, daß Sie meiner noch immer im Guten gedenken; denn mit aller Kraft eines liebenden Gemüths, und um den ganzen Preis der treusten Hingebung erkaufe ich und hole mir fern herüber diese Gunst, an die ich nun einmal so gewöhnt bin, daß ich ihrer nimmer entbehren kann.«

Das alte Bedürfnis nach Geselligkeit, von dem Schenkendorf stets sehr abhängig war, ließ ihn auch in Koblenz eifrigen Verkehr mit Freunden und Bekannten pflegen. Dort hatte sich eine ansehnliche Tafelrunde zusammengefunden, deren Oberhaupt General von Gneisenau, der Verteidiger Kolbergs, war; ferner gehörten ihr an Wilhelm von Scharnhorst, der Sohn des berühmten Feldmarschalls, Schenkendorfs Jugendfreund Karl von der Gröben, der Romantiker Görres, der Herodot-Übersetzer Schulrat Lange, der Generalmajor und Militärschriftsteller Karl von Clausewitz und endlich der »Präsident der Koblenzer Liebenswürdigkeit«, Freiherr von Meusebach, der Vorsitzender bei dem Kassationshof zu Koblenz war und sich nebenbei als Germanist und Sammler einen Namen erworben hat. Neben den politischen wurden hier die literarischen Tagesfragen erörtert; man las sich in den Versammlungen eigene Gedichte vor, die in einzelnen Heftchen als »Eintagsschönchen« zusammengebunden wurden, und führte überhaupt ein gesellig-geistiges Leben, wie es Schenkendorfs Fühlen und Sinnen so sehr entsprach.

Wahrscheinlich traf er in diesem Kreise auch mit Frau von Jasmund zusammen. Sie war die Tochter des bekannten Göttinger Naturforschers Blumenbach, hatte den Oberst von Jasmund, einen eleganten, leichtsinnigen Lebemann, der aus württembergischen in preußische Dienste übergetreten war, ohne Liebe geheiratet und lebte von ihrem Gatten lange Zeit getrennt. Ihre Jugend, ihre Anmut und Heiterkeit entzündeten den leicht empfänglichen Schenkendorf; und zum erstenmal, seit er Elisabeth kennen gelernt hatte, erweckte eine Frau in ihm mehr als freundschaftliche Gefühle. Er umschwärmte sie in Koblenz, machte mit ihr Spaziergänge und widmete ihr Gedichte. Als sie Koblenz verließ, blieb er mit ihr in Korrespondenz, in der er sie Liebste, Teuerste, meine liebe Freundin nennt und wehmütig schreibt: »Ach mein ganzes Leben ist und wird seyn ein ewiges Grüßen des lieblichen Bildes, das mir in dem Thal der Mosel und des Rheines begegnet ist und mir Gunst erzeiget hat.       Sie glauben nicht, wie mich alles, was Sie umgibt, und sogar die schlechten und ungeschickten, interessiert, bloß weil sie mit Ihnen leben.       Sie haben ein so reiches und vielfältiges Leben geführt, und doch ist die Unschuld und Einfalt Ihrer Seele erhalten geblieben.« Auch das Verhältnis zu Frau von Jasmund hat einen religiösen Beiklang; zum Abschied von Koblenz rief Schenkendorf ihr diese Verse zu:

»Maria blick' in Gnaden
Auf Deinen Pilgersmann,
Blick' ihn auf neuen Pfaden
Mit alten Hulden an.«

Sonst unterbrach nichts sein idyllisches Stilleben, das er einsam in einer Zelle der zerfallenen Kartause führte, neben seiner amtlichen Tätigkeit mit wissenschaftlichen, jetzt besonders theologischen Fragen beschäftigt. Schließlich hielt er auch seine Stellung für gesichert und entschloß sich im März 1816 nun mit dem ganzen Hausstand nach Koblenz überzusiedeln.

Ganz unerwartet überraschte ihn da in Karlsruhe, gerade als er seine Familie holen wollte, die Mitteilung, er habe eine Stelle bei der Regierung in Magdeburg erhalten; nur die offizielle Ernennung war noch nicht erfolgt. Schenkendorf war wie aus allen Himmeln gefallen: dieser Wechsel hätte alle Hoffnungen und Träume, die sich für ihn an den Rhein knüpften, auf einmal zerstört. Kurz entschlossen wandte er sich daher, als wieder nach quälender Verzögerung endlich die Ernennung zum Regierungsrat in Magdeburg mit 1000 Talern Gehalt erfolgte, an Friedrich Wilhelm III. und bat, man möchte ihn am Rhein lassen. Der König genehmigte die Veränderung, wenn einer der Regierungsräte in Koblenz statt seiner nach der Elbestadt gehen wollte. Im Oktober 1816 bat er den Oberpräsidenten von Ingersleben in Koblenz einen solchen Tausch zu veranlassen, denn, heißt es in dem betreffenden Schreiben, »durch zehnjährigen Dienst in den verschiedensten Verhältnissen an die Arbeit gewöhnt, in den Rhein-Provinzen nicht ungekannt und nicht ungern gesehen, würde meiner Liebe zu König und Vaterland und meinem Wunsch nach Thätigkeit ein solcher Platz recht willkommen sein, wenn ich es sagen darf, vielleicht nicht ganz nutzlos besetzt und Ew. Exzellenz Zufriedenheit, wie ich mir schmeichle, ein Lohn meiner Ergebenheit sein. Ich bemerke noch, daß ich in Magdeburg auf dem Etat mit 1000 Thlr. stehe, daß ich am zweckmäßigsten glaube militaria, communalia oder das Polizeifach bearbeiten zu können, so wie auch sehr gern, falls das sich vereinigen läßt, an den Konsistorial-Arbeiten Theil nehmen würde, da meine Richtung von jeher wissenschaftlich gewesen ist.«

Der Versuch hatte Erfolg. Ein Regierungsrat in Koblenz war bereit, mit Schenkendorf zu tauschen, und Ende 1816 konnte dieser an den geliebten Rhein zurückkehren. Nach kurzem Aufenthalt in Köln siedelte auch die Familie dorthin über. Aber ganz im Gegensatz zu dem Dichter fühlte sich seine Frau in der neuen Stadt gar nicht wohl und sehnte sich nach Karlsruhe zurück. Wahrscheinlich kam das daher, weil sie in Koblenz die religiöse Atmosphäre vermißte, die sie in der badischen Hauptstadt gefunden, und die ihrem Gemütsleben so sehr zugesagt hatte. War sie es doch, die ihren Gatten in den letzten Jahren von der politischen mehr und mehr zur religiösen Lyrik hinüberzog.

Trotzdem verfolgte Schenkendorf die politischen Vorgänge nach wie vor mit großer Aufmerksamkeit. Wenn auch keine seiner Hoffnungen seit dem zweiten Friedensschluß erfüllt war, das Vertrauen auf die Zukunft wollte er nicht verlieren. »Die Zeit«, klagt er seiner mütterlichen Freundin in Königsberg, »hat eine verbessernde und veredelnde Gewalt an allem geübt, was nicht ganz unverbesserlich war, und tausend junge Zweige und Sprossen verkünden das Gedeihen der Zukunft. Freilich, freilich ist schon aufs neue viel gesündigt worden, ach, und wie viel ist versäumt, was ist auch schon dem lieben Gott in seinen Plan gepfuscht worden, und wie viele der Bessern laborieren noch in Angewöhnungen und Nachwehen der alten Zeit in ihren Aussichten und Ansichten. Wie kann aber ein so veralteter Schade in einer Nacht besser werden! Mich macht nichts irre in dem Glauben, den ich der Zeit abgewonnen habe. Ich fühle gleichsam den Hauch der Verjüngung und sehe den lebendigen Gott durch die Welt schreiten. Wohl allen, die sich nicht ärgern an ihm und ihn nicht verläugnen! Sie haben dem Altare unseres Erlösers auch ein neues Pfand und Opfer gebracht und er hat es mit Liebe aufgenommen.«

Das Glück, das der Dichter sich von Koblenz erträumt hatte, sollte leider nicht lange währen. Sein Leiden hatte sich wieder sehr verschlimmert. Er litt an Blutwallungen, Brustbeklemmungen und Starrkrämpfen, so daß er sich oft vor Schmerz auf die Erde warf. Der Arzt verordnete ihm Bäder in Ems, und begleitet von der Gattin begab er sich dorthin. Anfangs schien es auch, als ob er genesen würde, und voll neuer Hoffnungen pries er den heilsamen Quell:

»O Quell, ich muß dir danken,
Genesen will ich hier,
Die seligsten Gedanken
Erfüllen mich bei dir.

Und soll der Leib versinken
In dunkle Grabesnacht,
Vom Wasser will ich trinken,
Das ewig lebend macht.«

Wohl klingen aus diesen Versen schon leise Todesahnungen heraus: daß es sein letztes Gedicht sein sollte, hatte er doch nicht gedacht!

Denn gestärkt und viel frischer kehrte er nach Koblenz zurück, und anfänglich hielt auch hier die Besserung an. Aber nur zu bald stellten sich unerwartet die alten Übel aufs neue ein. Schwer leidend verbrachte er den Herbst und Anfang des Winters 1817, meistens liegend, weil er dann weniger von Schmerzen gepeinigt wurde. So kam der Dezember heran. Schenkendorf hatte die letzte Zeit fast stets im Bett gelegen, als ihn kurzes Wohlbefinden veranlaßte, einen Tag vor seinem Geburtstage aufzustehen. Er unternahm mit einem Freunde eine Spazierfahrt, während zu Hause alles für den kommenden Tag vorbereitet und geschmückt wurde. Zurückgekehrt mußte sich der Dichter aber aufs neue hinlegen, er verbrachte eine unruhige Nacht unter schweren Schmerzen und Beklemmungen und erwachte am Morgen seines Geburtstages mit trüben Ahnungen, in denen er nach einem Arzt und Prediger verlangte. Die Gattin versuchte ihm seine Befürchtungen auszureden, und etwas gestärkt empfing er auch bald die Glückwünsche des treuen Freundes Scharnhorst und unterhielt sich lebhaft mit ihm und den Seinigen. Aber es war nur das letzte Aufflackern seiner Lebenskraft.

Eine schlicht-ergreifende Schilderung von den letzten Stunden des Dichters entnehmen wir einem späteren Brief Elisabeths an ihre Schwester.

»Er war sehr leidend«, schreibt sie, »und konnte keine Stelle finden zur Ruhe für das arme Haupt. Aber sein Herz war immer liebevoll. Er reichte uns so oft die Hand, küßte uns mehrmals und fragte wohl, ob wir uns auch nicht vor ihm entsetzten? Das war aber so gar nicht der Fall. Oft fragte er auch: ›Habt ihr mich auch lieb? auch sehr lieb?‹

Den Mittag konnte er nur wenig Suppe genießen. Die Brustbeklemmungen kamen häufiger und die Stunden vergingen unter Angst und heißem Kampf, den meine Seele mit ihm durchgekämpft hat. Ach wie inbrünstig habe ich um Linderung den Herrn angefleht, um Seiner irdischen Schmerzen willen, die Er ja auch empfunden und um des theuern Blutes willen, durch welches Er uns erlöset hat. Er hat mein Flehen erhört, aber auf eine andere Weise, als ich es meinte   ›denn seine Gedanken    ‹

Nachmittags zwischen vier und fünf Uhr kam wieder ein Brustkrampf, Jettchen stand gerade an seinem Bette und mußte ihm die Stirn mit Kölnischem Wasser einreiben. Es war ihm nicht stark genug, und er verlangte Essiggeist. Er rang wie gewöhnlich nach Luft, wobei er so ächzte, daß es einem ins Herz schnitt. Die äußerliche Erscheinung war dabei nicht abschreckend. Dann fing er leise zu stöhnen an, als wenn jemand einschläft. Nun wurde er plötzlich ruhig, der Athem stand still und die Augen waren sanft und geschlossen, so daß wir es für eine Ohnmacht hielten und fast erfreut waren über die Ruhe, die er in den Augenblicken genösse.   Da kam der Arzt und in seinen bestürzten Mienen lasen wir unser schreckliches Urteil.«

Am 11. Dezember 1817, seinem vierunddreißigsten Geburtstag, war Schenkendorf verschieden. Die Kunde von seinem Tode erweckte allgemein tiefe Trauer, die weit über seinen Wirkungs- und Freundeskreis hinausging. Am 14. Dezember fand das Begräbnis auf dem Kirchhof vor dem Löhrtor unter großen militärischen Ehren statt. 1861 wurde ihm daselbst ein Denkmal gesetzt. Wie teuer der Tote allen Landesgenossen gewesen war, beweisen die poetischen Nachrufe eines Arndt, Fouqué u. a. »Er war«, schrieb Görres,   »ein wackrer, braver Mann, wie ihrer Preußen nicht viele zu verlieren hat.«

*

Max von Schenkendorf steht als Mensch und Dichter vor den Augen des Volkes als eine Idealgestalt. Ungetrübt und sonnig scheint sein Leben verlaufen zu sein, und ähnlich wie bei Körner hat der frühe Tod dazu beigetragen, sein Bild zu verklären. Denn einerseits wurde er vom Glück davor bewahrt, Preußens berüchtigte Reaktionszeit zu erleben, in der er gleich Arndt, Jahn, Reuter u. a. sicher der Demagogenverfolgung zum Opfer gefallen wäre, andererseits war es im tieferen Sinne ein bedeutsames Symbol, daß noch mitten im Sturm der Ereignisse sein Leben endete. Schenkendorf war Tagesdichter im guten Sinne, insofern er das Bedürfnis der Zeit erfaßt und ausgesprochen hat, aber er war es auch in dem Sinne, daß er als Dichter von den großen Ereignissen vollständig abhängig war, also die Stärken und Schwächen seiner Zeit in gleicher Weise teilte. Aus diesem Grunde verdient er, nicht als Einzelpersönlichkeit, sondern im Zusammenhang mit der ganzen politischen, kulturellen und literarischen Bewegung seiner Epoche beurteilt zu werden.

Vor 1813 galt es als Zeichen wahrer Kultur, wenn das Individuum, von der Verbindung mit der Wirklichkeit möglichst losgelöst, sich in metaphysische Regionen verlor, wo das Leben der passiven Ästhetisierung zu finden war. Die Folge war, daß die ganze Nation in kraftlosem Quietismus erstickte, aus dem schließlich niemand mehr einen Weg zur Erlösung wußte. Da kam zu der inneren Unfreiheit die fremde Unterjochung. Träumend hatte man sich auch ihr unterworfen und sich in die Knechtschaft so lange gefügt, bis sie absolut unerträglich wurde. Erst da erwachten die Schläfer und sahen sich nun plötzlich vor die Notwendigkeit gestellt, durch eine Tat die verlorene Freiheit wiederzuerobern.

Dadurch schien sich die Aussicht zu öffnen, daß mit der politischen gleichzeitig auch die seelische Erlösung errungen und das Menschentum sozusagen wieder auf den Boden der Wirklichkeit gestellt würde. Allein diese Forderung, die so offensichtlich in der Zeit lag, kam niemand recht zum Bewußtsein. Das Volk eilte zwar einmütig und begeistert zu den Waffen, um sich wie selten für eine große Idee zu opfern, und das Land wurde vom fremden Despotismus erlöst, aber damit war die Tatkraft auch erschöpft. Die Romantik im lebensfeindlichen Sinne herrschte nach wie vor, und die wenigen Ansätze, die gemacht wurden, um jene durch den Realismus abzulösen, verloren sich wieder in dem allgemeinen Hang zu Metaphysik und Mystizismus. An Stelle des fremden Despotismus begann die Reaktion im eigenen Reich zu regieren.

Denselben Entwicklungsgang verfolgen wir auch bei der Freiheitsdichtung. Die Romantik meinte in der Kunst die tiefste Offenbarung des Universums finden zu können und hatte ihr darum nicht nur alle Wissenszweige, sondern auch das Leben überhaupt untergeordnet. Da trat plötzlich auch an sie die Forderung heran, zu den neuen Ereignissen Stellung zu nehmen und sich der Wirklichkeit zuzuwenden. Besonders die Lyrik, als Kunst der schnellen und unmittelbaren Wirkung, schien berufen, den neuen Lebensinhalt zum Ausdruck zu bringen. Insofern sie den metaphysischen Träumereien den Aufruf zur Tat entgegenstellte, erfüllte sie auch teilweise ihre Aufgabe; aber auch sie kam über ein paar Versuche, die noch dazu nicht radikal genug waren, nicht hinaus und blieb wie das ganze Leben in der Romantik stecken oder trat epigonenhaft in die Fußtapfen des in seiner Art auch »jenseitigen« Klassizismus, anstatt Gegenwartskunst zu werden. Von einer neuen Literatur war also nicht die Rede; das Thema war neu, die Formen blieben dieselben. Die Freiheitsdichtung, die vielleicht den Konflikt zwischen Romantik und Realismus hätte lösen sollen, bedeutet für die Geschichte der deutschen Literatur nur eine Episode.

Der typische Vertreter der Zeitlyrik von 1813 in diesem Sinne ist nun Max von Schenkendorf. Auch er fühlte in sich das Verlangen nach der Tat und zeigte wie seine Zeit eine leise Wendung zur Wirklichkeit, aber im Grunde hat er sich von dem romantischen Jenseits niemals frei gemacht. Er besingt den Krieg als »heiligen Krieg« und fühlt sich selbst als Ritter, der im Dienste Gottes an einem Kreuzzug teilnimmt. Aber mit dem Ende des Kampfes ist bezeichnenderweise auch seine agitatorische Dichterkraft erschöpft. Pläne zu größeren Dichtungen hat er niemals gehabt, denn eine flüchtige Andeutung kommt ernstlich nicht in Frage; dagegen verlor er sich in späteren Jahren immer mehr in der religiösen Lyrik, in der er mit seiner ständigen Sehnsuchtsstimmung und Neigung zum Übersinnlichen als echter Romantiker auftritt. Ja im Grunde ist das romantisch-religiöse Gefühl die Triebkraft seines ganzen poetischen Schaffens gewesen.

Wenn Friedrich Rückert unserm Dichter den Ehrennamen »Kaiserherold« beilegte, so tat er es nicht, weil Schenkendorf zuerst diese Forderung aufstellte, sondern weil er der romantischen Idee von der Wiederaufrichtung des mittelalterlichen Kaisertums besonders energisch, bald dringend, bald wehmütig klagend Ausdruck gegeben hat; er war eben der Herold eines ganzen Volkes, für das die Erlösung von der Fremdherrschaft auch nur der erste Schritt zur Verwirklichung eines schöneren Traumes sein sollte.

In der Verehrung für die Vergangenheit beruht überhaupt Schenkendorfs Stellung zu seinem Vaterlande. Er, der mit siebzehn Jahren für die Erhaltung des ehrwürdigen Bauwerkes an der »Nogat grünen Wiesen« begeistert eingetreten ist, feiert später das Straßburger Münster als »Denkmal der herrlichsten Zeit unsres Vaterlandes«, das deutsche Kunst erfunden und deutsche Hände getürmt haben. Er liebt den Meister ureigner deutscher Volkskunst, Hans Sachs, und übersetzt selbst mittelhochdeutsche Dichter. Er ist entzückt von den altdeutschen Kirchenbildern, die er in Heidelberg in der berühmten Sammlung der Brüder Boisserée vorfindet, und er zeigt von Anfang an eine innige Liebe zur deutschen Landschaft von Ostpreußen bis zum Rhein. Kurz, er sieht das Mittelalter im Märchenglanz der Vollkommenheit, denn es ist für ihn der Hort der wahren deutschen Gesinnung, der Freiheit und des Christentums zugleich gewesen. »Warum uns ewig sehnen nach Griechenland, wenn wir mehr haben als Griechenland, das doch in keiner Hinsicht Ideal sein kann«; diese Worte klingen fast wie eine Rechtfertigung der altdeutschen Gesinnung gegenüber dem Klassizismus, zu dem Schenkendorf niemals eine wirkliche Beziehung gewonnen hat.

Übrigens lag ihm trotz dieser »Deutschtümelei« nationaler Chauvinismus ganz fern. Er haßt und verdammt die »Welschen« nicht deshalb, weil sie keine Deutschen sind, sondern weil sie die Unterdrücker der Freiheit in Europa sind. Menschlich verschließt er auch ihnen niemals sein Herz.

»Auch du im Lager drüben
Magst ruhig schlafen, Feind«,

heißt es in der milden Stimmung des »Soldatenabendliedes«, und nach dem Friedensschluß hofft er, daß die Freiheit auch in dem »neuen Babel« wieder ihren Einzug halten möge. Tiefer ist diese Gesinnung in Schenkendorfs christlicher Humanität begründet. Wie er selbst alle Stände und alle Konfessionen gleich achtete, wie er mit Junkern, Geistlichen und Juden gleich freundschaftlich verkehrte, weil sie ihm Glieder einer Familie waren, wie er Krieger und Handwerker, Adelige und Bauern ohne Unterschied als Vaterlandsverteidiger besang, so sah er auch in der ganzen Menschheit ein Volk von Brüdern. Und doch lag dieser Anschauung kein eigentlicher Kosmopolitismus zugrunde, vielmehr möchte man sie charakterisieren als eine durch Religion und Kultur vergeistigte Bodenständigkeit.

Wesentlich religiöse Anschauungen bestimmten auch des Dichters Verhältnis zu den Frauen, die er gern mit einem Heiligenschimmer umgab. Zwar wenn er die »Gottheit« der Königin Luise verehrt, so ist das nur ein Ausdruck für seine romantische Auffassung vom Herrschertum; aber auch Henriette Gottschalk, die Verfasserin der »Sternblumen«, nennt er »jüngste Heil'ge«, und Frau von Jasmund erscheint ihm als heilige Maria. Vor allem aber sieht er in Elisabeth das vollkommenste Bild göttlich reiner Weiblichkeit. In ihrer Nähe »trinkt« er »Himmelsahnung«, sie verrinnt ihm mit der heiligen Elisabeth zu einer Gestalt, und er betont wiederholt, daß ihre irdische Ehe nur die Vorbereitung zu einem überirdischen Bund sein soll, wo zwei Seelen ineinanderfließen. So kommt es, daß seine Liebeslyrik jeder kräftigen und freien Sinnlichkeit entbehrt und sich in einem ganz abstrakten Mystizismus ergeht, wo an Stelle des wahren Gefühls Worte treten.

»O süßer Bund von Ich und Du,
Nun fließe hin in Lust und Ruh',
Mein liebes, schönes Leben.
O starker Bund von Eins und Zwei,
Daraus wird sich der heil'gen Drei
Vollkommne Zahl erheben.«

Bei dieser Stellung zu »Gott und Welt« konnte nur der Katholizismus, der so ganz auf die mystische Verehrung höchster Weiblichkeit gegründet ist, Schenkendorfs religiöse Sehnsucht in Wahrheit befriedigen. Und wenn er auch niemals den in der Romantik beliebten Übertritt vollzog, weil er stets an der Idee einer germanisch-katholischen Kirche festhielt, so gehörte er als geistlicher Lyriker doch ganz der Religion der Marienverehrung an, wobei es wieder höchst bezeichnend für sein Wesen ist, daß er zu Gedichten dieser Art von Frauen angeregt wurde.  

Noch weniger als inhaltlich bieten Schenkendorfs Dichtungen in der künstlerischen Form besondere Eigenheiten. So wie er mit Lebhaftigkeit nachempfand, was viele dachten, so brachte er seine Gefühle auch in einer leichten und dem Volke verständlichen Weise zum Ausdruck, ohne je nach einem sehr selbständigen Stil zu streben. Es war ihm genug, wenn seine Lieder, denen er vielfach volkstümliche Melodien zugrunde legte, im Lande Verbreitung fanden und die beabsichtigte Wirkung hatten. Daß sie in der Klarheit und Plastik der Darstellung schwere Mängel zeigen und von einer einwandfreien künstlerischen Durchbildung selten die Rede ist, darüber sah das damalige Publikum des Autors gern hinweg. Der Wert der Gedichte lag für jene Zeit auf anderm Gebiete.

Mit Rücksicht auf die Volkstümlichkeit, die Schenkendorf erwerben wollte und auch besaß, müssen wir auch die mancherlei Anlehnungen an dichterische Vorbilder in Kauf nehmen. Wenn er biblische Ausdrücke oder bekannte poetische Wendungen der älteren, besonders der mittelhochdeutschen Literatur benutzte, so lag das vielleicht in seiner Absicht, um die Wirkung auf die Masse zu steigern. Schlimmer ist allerdings, daß er teils absichtlich, teils unabsichtlich Erinnerungen aus Klopstock, Goethe, Schiller, Novalis, Arndt u. a. verwendet.

Auch in der Technik des Verses bleibt Schenkendorf bei der üblichen Art. Gern macht er von einem Kunstgriff Gebrauch, der in der Freiheitslyrik besonders von Arndt ausgebildet wurde und dem Liede einen sehr volkstümlichen Charakter gab: er führt wiederholt Dialoge ein, oder er läßt einen Sprecher auftreten (»Schill«, »Andreas Hofer«), oder endlich er gibt die pointierte Gegenüberstellung von Frage und Antwort, freilich ohne die Kraft, mit der Arndt gerade diese Form handhabt. Denn die erhabene Wucht des Rügenschen Volksmannes, das Schmettern und Sturmesbrausen seiner Worte fehlte dem innigen, elegischen Schenkendorf, der viel eher zur versöhnlichen Milde neigte und, selbst wo er haßte, immer noch den »frommen Ernst« bewahrte.

»Max von Schenkendorf«, urteilt Eichendorff in der »Geschichte der poetischen Litteratur Deutschlands« über seinen Zeitgenossen, »ist einer der liebenswürdigsten und unschuldigsten Romantiker, der nichts fördert oder modificiert, aber alle romantischen Elemente getreu und ohne irgendeinen trübenden Hauch von Ironie oder Affectation, in reiner Seele noch einmal wiederspiegelt. Es ist wie der Nachsommer der scheidenden Romantik, schon etwas herbstlich verblaßt, mehr wehmütig als verheißend. Er gehört zu den Dichtern, die man beziehungsweise die passiven nennen könnte, weil sie weniger erfinden, als das Empfundene innig nachempfinden. Fern von der ursprünglichen Überschwänglichkeit des ausbrechenden poetischen Frühlings, von jenen Wagnissen, Höhen und Abgründen der Seele ist daher der Kreis seiner Anschauungen nur beschränkt, aber um desto intensiver. Es ist die Romantik auf eine einzige große Thatsache: den Befreiungskrieg, angewendet. Als der eigentliche Sänger dieses Kampfes, tiefer und wahrer als Körner, ließ er alle romantischen Schlaglichter verklärend auf das eine Ereigniß fallen; und als es dann wieder still ward, wurde auch er wieder abgerufen.«

Im ganzen trifft diese Kritik das Wesen der Schenkendorfschen Poesie; nur übergeht Eichendorff, wie sich der Dichter in seiner Art um die intellektuelle Wiedergeburt Preußens verdient gemacht und eben dadurch die große Popularität erworben hat, die er nicht nur damals besaß, als die Soldaten im Felde seine Lieder anstimmten, sondern die er sich auch in der Folgezeit bewahrt hat. Mit Recht nahm Hoffmann von Fallersleben in seine Sammlung »Unsere volkstümlichen Lieder« nachstehende Gedichte Schenkendorfs auf: »Andreas Hofer«, »Soldaten-Morgenlied«, »Das Lied vom Rhein«, »Freiheit«, »Romanze von dem Prinzen von Homburg«, »Schill«, »Erneuter Schwur«, »Frühlingsgruß an das Vaterland«. Denn auch wir können dem sympathischen Eindruck seiner Persönlichkeit unser Herz nicht verschließen und stimmen den Worten zu, die E. M. Arndt dem Toten nachrief:

»Das war ein treuer, biedrer Mensch, der seinen deutschen Namen und sein Vaterland fühlte.«

*

Einige Bemerkungen über den Charakter der vorliegenden Ausgabe sind zum Schluß noch notwendig.

Nach dem, was über die literarische Stellung der Lyrik Schenkendorfs gesagt wurde, wird man sich wohl leicht überzeugen, daß mit einer Gesamtausgabe seiner Gedichte niemandem, weder dem Autor noch seinen Lesern ein guter Dienst erwiesen würde. Abgesehen von der künstlerischen Unzulänglichkeit hat vieles, was zu seiner Zeit eine Wirkung ausübte, für uns nur noch rein historischen Wert. Wenn man versuchen will, Schenkendorfs Persönlichkeit dem Leser nahezuführen, ist eine weitgehende Auswahl unter den Gedichten geboten. Ja der Herausgeber dieser Sammlung durfte sich damit noch nicht begnügen. Auch bei einzelnen Gedichten erwiesen sich Kürzungen als dringend notwendig. Denn Schenkendorf, der teils im Felde, teils auf Spaziergängen und bei andern Gelegenheiten sehr schnell dichtete, hat seine Lieder selten überarbeitet, und dann noch nicht immer zum Vorteil; oft sind daher Strophen stehengeblieben, die inhaltlich und formal so unzulänglich sind, daß das ganze Gedicht dadurch unmöglich gemacht wird. Aus diesem Grunde möge man ein Verfahren verzeihen, das sonst pietätlos wäre. Um dem Leser die selbständige Nachprüfung zu ermöglichen, sind die ausgefallenen Strophen jedesmal in den Anmerkungen zitiert. Dagegen sind mehrere Gedichte, die sich in früheren Ausgaben nicht finden, in diese Sammlung aufgenommen.

Auch für die Herstellung eines revidierten Textes bietet Schenkendorf besondere Schwierigkeiten. Unbegreiflicherweise ist der handschriftliche Nachlaß zum größten Teil verschwunden. Ich habe mich an Königliche und Stadtbibliotheken in Berlin, Königsberg, Karlsruhe, Koblenz und Köln, sowie an Privatpersonen, auch Nachkommen des Dichters gewendet, habe aber leider nirgends Erfolg gehabt.

Infolgedessen mußte die vorliegende Ausgabe auf die vorhandenen Drucke Schenkendorfscher Gedichte gestützt werden. Aber auch mit diesen ist es schlecht bestellt. Trotz der Liebe und Verehrung, die dem Dichter von seinen Zeitgenossen entgegengebracht wurde, erschien zu seinen Lebzeiten nur das eine Bändchen von 1815, das, wie erwähnt wurde, durch Druckfehler arg entstellt und auch als Auswahl sehr unzureichend ist. Nach Schenkendorfs Tode plante die Witwe eine vollständigere Sammlung, die aber nicht zustande kam, und erst 1832 gab G. Philipp unter dem Titel »Poetischer Nachlaß« einen Ergänzungsband zu der Ausgabe von 1815 heraus. Vier Jahre darauf veranstalteten mehrere Freunde des Dichters die erste »Gesamtausgabe« seiner Lieder, die aber keineswegs vollständig war und überdies die Druckfehler von 1815 wiederholte. Um so verdienstvoller war es, daß der Königsberger Professor A. Hagen endlich nach fast dreißig Jahren (1862) die erste kritische Ausgabe Schenkendorfs besorgte, in der er einen großen Teil der Textschwierigkeiten beseitigte. Allerdings ließ auch er noch viele Fehler stehen oder setzte manchmal durchaus willkürliche Änderungen ein.

Abgesehen von diesen Ausgaben kamen für den vorliegenden Text noch eine Reihe von Einzeldrucken in Betracht. Namentlich habe ich nach Möglichkeit Erstdrucke herangezogen, worauf in den Anmerkungen hingewiesen wird, und mehrfach absichtlich deren Lesarten wiederhergestellt, weil Schenkendorfs spätere Veränderungen, wie gesagt wurde, nicht immer Verbesserungen bedeuten.

Endlich sind auch ein paar textkritische Untersuchungen neuerer Zeit benutzt.

Die erste ausführliche Biographie Schenkendorfs gab der erwähnte Professor A. Hagen im Anschluß an seine Gedichtsammlung 1863 heraus. Er war im Besitz eines umfangreichen handschriftlichen Materials, aus dem er Briefe, Tagebuchnotizen und Gedichte teils ganz, teils stückweise mitgeteilt, leider aber oft die notwendigsten Quellenangaben vorenthalten hat. Das ist um so bedauerlicher, als Hagen in der Datierung zweifellos Fehler begeht und eine Nachprüfung der Chronologie für uns, die wir die Handschriften nicht besitzen, oft unmöglich gemacht wird. Dennoch bildet sein Buch vorläufig die Hauptgrundlage für alle Schenkendorf-Biographien. Für einzelne Abschnitte wurden seine Angaben korrigiert oder ergänzt durch die eifrigen Forschungen Professor Czygans, Emil Knaakes, Ludwig Geigers u. a.

Daß für die künftige Forschung hier noch mancherlei Unklarheiten und Zweifel zu lösen bleiben, ist bei dieser Sachlage verständlich. Hoffen wir, daß ein glücklicher Umstand uns bald neues handschriftliches Material in die Hände gibt.

Stimmen der Zeit

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