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Max von Schenkendorf: Gedichte - Kapitel 112
Quellenangabe
typepoem
authorMax von Schenkendorf
titleGedichte
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
editorEdgar Groß
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20151005
projectid5a867da8
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Übersetzung altdeutscher Minnelieder.

1. Nach Steimar.

Eingefaßt von dichten Hecken
Weiß ich einen grünen Saal,
Hochgewölbt mit Azurdecken,
Drinnen wohnt Frau Nachtigall.
Ihr zu Diensten stehn
Jungfraun wunderschön,
Zarte bunte Blumen ohne Zahl.

Wann der Lenz zu Lieb' und Freude
Jedes junge Herz entzückt,
Kommt Herr Mai im neuen Kleide,
Findet alles schön geschmückt.
Zierlich klopft er an,
Wie ein Freiersmann,
Jede Blüt' aus ihrer Knospe blickt.

Bunte Schmetterlinge kosen,
Vöglein treiben frohen Scherz,
Und die Brust der jungen Rosen
öffnet sich dem süßen Schmerz.
Da beginnt solch Spiel,
Wer nicht minnen will,
Muß die Augen schließen und das Herz.

Komm' ich dann mit meiner Lauten,
Wo der Schatten sich vereint,
Denk' ich meiner Holden, Trauten;
Was mein Mund zu singen scheint,
Nachtigall und Mai,
Blumen allerlei,
Immer ist die Schönste nur gemeint.

*

Will ich fliehen vor Beschwerden,
So gedenk' ich an ein Weib,
An die lieblichste auf Erden,
An den schönsten, keuschen Leib.
Dann wird so mein Mut belebt,
Wie den edeln wilden Falken
Durch die Luft sein Fittich hebt.

Ich wähnt', aus dem Himmelreiche
Lache mich ein Engel an,
Als ich sah die Minnigliche;
Da verschwand der trübe Wahn.
Aller Freuden ward ich voll,
Gleich wie die erlöste Seele,
Die zum Himmel fliegen soll.

2. Nach Ulrich von Lichtenstein.

Ich bin hohen Mutes!
Hoher Mut so wohl mir tut,
Nichts gibt es so gutes,
Als mit Züchten hohen Mut.
Hochgebornes schönes Weib
Mag sich wohl erwerben
Hochgemuten Rittersleib.

Mit dem süßen Munde
Sprach die Liebliche ein Wort,
Das seit jener Stunde
Allen Kummer bannte fort.
Leise sie das Wörtlein sprach  
Doch die lichten, hellen
Augen sprachen's nach.

Ihre Weibesgüte
Nahm's aus ihres Herzens Grund.
Freude, Hochgemüte
Blüht' mir auf zur selben Stund',
Da sie sprach das süße Wort,
Das nun immer bleibet
Meiner Freuden Hort.

Von ihr hab' ich Ehre,
Von ihr hab' ich hohen Mut,
Noch gibt mir die Hehre
Manches andre süße Gut.
Freude, Wonne, Ritterleben
Hat sie mir zum Lohn
Meinem Dienst gegeben.

Habe von der Guten
Leib und Gut und graden Sinn.
Der viel Wohlgemuten
Ritter ich mit Treuen bin.
Was sie will, das will auch ich,
Herrscherin und Fürstin
Ist sie über mich.

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